merken
PLUS Görlitz

Klagt Drosten gegen einen Görlitzer Corona-Gegner?

Einer der Montagsdemonstranten behauptet, der Virologe Christian Drosten hätte ihn angezeigt. Das stimmt nicht. Ärger bekommt er womöglich trotzdem.

Lee-Roy Mayr bei der jüngsten Demo der Corona-Maßnahmen in Görlitz auf dem Lutherplatz.
Lee-Roy Mayr bei der jüngsten Demo der Corona-Maßnahmen in Görlitz auf dem Lutherplatz. © Foto: Screenshot

Er wolle in Zukunft ein bisschen besser aufpassen, was er über wen sagt, "aber nur ein bisschen", so Lee-Roy Mayr, einer der Organisatoren der Montagsdemo von Corona-Maßnahmen-Gegnern in Görlitz. Er habe Post bekommen, teilte er dem Publikum bei der jüngsten Montagsdemo vor einer Woche mit. "Herr Professor Dr. Drosten, der mag mich nicht", so Mayr. Unter Applaus der Montagsdemonstranten fügt er an: "Ich weiß gar nicht warum." Viel könne er noch nicht sagen, weil alles erst mit den Anwälten abgeklärt werden müsse, aber: "Ich bin tatsächlich angeklagt worden von Professor Dr. Drosten."

Mayr bezeichnete Drosten als "Wissenschaftsbetrüger"

Wie Mayr es schildert, soll es um seine Aussagen bei der Montagsdemo am 29. März gehen. Dort war eines seiner Ziele der Berliner Virologe Christian Drosten. Mayr behauptete, es sei "aufgeflogen, dass er gar keinen Doktortitel hat. Der Typ hat drei schriftliche Artikel in Fachzeitschriften zusammengepackt, zusammengetackert, wortwörtlich übrigens, und hat behauptet, das wäre meine Doktorarbeit." Die Universität Frankfurt habe dies gedeckt und behauptet, 17 Jahre habe "das Ding mit 'nem Wasserschaden unten im Keller gelegen", so Mayr. "Es gab nie einen Doktortitel. Seither nennen ihn die Medien auch nie wieder Doktor. Der Typ ist einfach nur ein Herr Drosten. Es ist ein Wissenschaftsbetrüger."

Anzeige
Apotheke sucht Unterstützung!
Apotheke sucht Unterstützung!

Die Apotheke Boxberg sucht ab sofort einen Apotheker oder Pharmazie-Ingenieur (m/w/d). Jetzt bewerben!

Es ging weiter mit asymptomatischen Ansteckungen, die Christian Drosten "erfunden" habe. Solle er je vor einem deutschen Gericht zur Rechenschaft gezogen werden, kündigt Mayr an, dann wolle er eine Petition starten, "dass wir wieder mehrfach lebenslänglich einführen in Deutschland für diesen Mann".

Behauptungen längst widerlegt

Die Behauptungen um Christian Drostens Dissertation kursierten Ende März bereits ein halbes Jahr unter Corona-Gegnern und Verschwörungstheoretikern und waren zu dem Zeitpunkt bereits als irreführende Behauptungen widerlegt, unter anderem vom Recherchezentrum Correktiv.

Auch die Goethe-Universität Frankfurt, an der Christian Drosten promovierte, hatte sich zu den Behauptungen geäußert und beispielsweise klargestellt: Tatsächlich habe es bis 2020 kein Exemplar der Dissertation in der Frankfurter Universitätsbibliothek und der Deutschen Nationalbibliothek gegeben. Sie sei voriges Jahr erst aufgenommen worden - weil die Nachfrage gestiegen war. Früher, Drosten hatte seine Dissertation 2001 fertiggestellt, sei es auch nicht Pflicht gewesen, ein Exemplar bei der Unibibliothek einzureichen, erklärte die Goethe-Universität. Eine "allgemein zugängliche Originalkopie" gab es aber, im Universitätsarchiv. Wo auch das Original der Dissertation zusammen mit der Promotionsakte lagerte. Laut der Uni Frankfurt sei das Promotionsverfahren Drostens mehrfach überprüft worden.

Drosten hat nicht geklagt

Ob Lee-Roy Mayr nun Christian Drosten persönlich kennenlernt, wie er vorigen Montag orakelte? Wahrscheinlich nicht. Prof. Drosten habe keine Strafanzeige gegen ihn erstattet, teilt Manuela Zingl, Sprecherin der Charité Berlin, mit. "Auch die Charité erstattete keine Strafanzeige." Der Fall ist aber bekannt: "Vorliegend wurde der Sachverhalt durch die Polizei mitgeteilt"

Grundsätzlich, erklärt sie, leitet die Charité im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht für die Mitarbeiter Vorgänge mit einer möglichen strafrechtlichen Relevanz, von denen sie Kenntnis erhält, an die zuständigen Strafverfolgungsbehörden weiter und überlässt diesen die Entscheidung über mögliche weitere Maßnahmen. Müssen dann beispielsweise Strafanträge gestellt werden, werde dies auch getan, erklärt Manuela Zingl.

Polizei hat Anzeige erstattet

So scheint es in diesem Fall zu sein. Die Polizeidirektion Görlitz bestätigt das Ermittlungsverfahren. Konkret geht es um üble Nachrede, erklärt die Polizeidirektion Görlitz. Das Verfahren läuft noch, deshalb möchte die Polizei weitere Einzelheiten noch nicht nennen. Sie bestätigt: Die Anzeige haben Polizisten von Amts wegen erstattet.

Von wem konkret er eigentlich Post bekommen hat - eine Anfrage der SZ ließ Lee-Roy Mayr am Montag unbeantwortet. Am Abend auf dem Lutherplatz ging er nochmals darauf ein, dass Drosten gegen ihn geklagt habe - und bat schon mal um Spenden. Auf Nachfrage der SZ am Dienstag teilt er mit: "Selbstverständlich habe ich mir die Aussage, dass ich eine Anklage von Christian Drosten habe, nicht aus den Fingern gesaugt." Er habe eine sogenannte "Schriftlichen Anhörung im Strafverfahren" erhalten, in der stehe, Prof. Dr. Drosten habe gegen ihn einen schriftlichen Strafantrag gestellt.*

Strafantrag ist keine Anzeige

Ein Strafantrag ist keine Strafanzeige, erklärt Christoph Gerhardi, Sprecher der Staatsanwaltschaft Görlitz/Bautzen. Ein Strafantrag ist in bestimmten Fällen eine Voraussetzung, um nach einer Anzeige Ermittlungen aufnehmen zu können. Bestimmte Delikte, darunter Beleidigungen, zu denen die üble Nachrede zählt, können nur mit solchem Antrag des Betroffenen verfolgt werden. Ob es in diesem Fall so gewesen ist, kann Gerhardi noch nicht sagen, da die Akte bei ihm noch nicht vorliegt.

Einem Profil beim Berufs-Netzwerk Xing nach kommt Lee-Roy Mayr aus Augsburg, ist Fachkraft für Lagerlogistik und war früher aktiv bei dem Suchthilfe-Verein "Kornblume e. V." in Augsburg. In Görlitz kennt man ihn vor allem von den Montagsdemos und aus den sozialen Netzwerken. Er ist Mitglied in diversen Telegramgruppen: "Corona-Rebellen Görlitz", "Patrioten Görlitz", die Görlitzer Gruppe von "Eltern stehen auf".

Weiterführende Artikel

Corona: Drosten befürchtet Rückschläge

Corona: Drosten befürchtet Rückschläge

Die Inzidenzen sinken, der Alltag normalisiert sich: Werden sich dennoch große Teile der Bevölkerung impfen lassen? Virologe Drosten hat Zweifel.

Lee-Roy Mayr ist Betriebsrat bei Birkenstock in Görlitz, bestätigt Uwe Garbe, Chef der IG-Metall Ostsachsen. Früher war Mayr stellvertretender Betriebsratsvorsitzender, das sei er aber schon eine ganze Weile nicht mehr. Neben dem Birkenstockgelände, auf dem Parkplatz des Fahrsicherheitstrainings von Frank Liske - ebenfalls einer der Organisatoren der Montagsdemos - starteten in der Vergangenheit die Autokorsos der Corona-Maßnahmengegner in Görlitz. "Birkenstock hat sich klar distanziert", sagt Uwe Garbe. "Das finde ich auch richtig so."

*Nachdem sich Lee-Roy Mayr am Dienstag gegenüber der SZ geäußert hat, wurde der Beitrag an dieser Stelle geändert.

Mehr zum Thema Görlitz