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Neue Kunstwerke für draußen

Die Ausstellung „Görlitzer Art“ geht in die zweite Runde. Neun Werke stehen fest. Einige dürfen auch kaputtgehen.

Susanne Hopmann will in ihrem Projekt „Friedliche Revolution“ ein kleines Fenster an der Frauenkirche anbringen.
Susanne Hopmann will in ihrem Projekt „Friedliche Revolution“ ein kleines Fenster an der Frauenkirche anbringen. © Nikolai Schmidt

Der Platz vor der Görlitzer Frauenkirche heißt erst seit wenigen Wochen „Platz der Friedlichen Revolution“. Doch wenn es nach Susanne Hopmann geht, wird die Friedliche Revolution von 1989 hier ab Juli noch ein kleines bisschen greifbarer.

Die 36-Jährige will – wenn die Kirchgemeinde zustimmt – an der Frauenkirche ein zusätzliches Fenster anbringen. Kein echtes Fenster, sondern eine Täuschung: Sicherheitsglas, das mit vier Schrauben in der Kirchenwand verankert wird. Der Hingucker ist ein in das Glas eingebrannter Digitaldruck: Ein Foto von einem Fenster, an dem zwei Plakate hängen mit den Slogans „Mehr Demokratie wagen“ und „Mut zu neuen Mehrheiten“. Die Künstlerin beschreibt es als „Mahnmal für den Erhalt der Demokratie“. Sie hat das Bild in einer Fotomappe aus dem Jahr 1994 gefunden, die damals in der Foto-Stube Blachnik entwickelt wurde. Den Fotografen Helmut Neumann konnte sie noch nicht finden: „Ich will mal Herrn Blachnik fragen, ob er eine Idee hat.“

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Ausstellung läuft ein Jahr lang

Die „Friedliche Revolution“ von Susanne Hopmann ist eines von neun Kunstwerken, die vom 1. Juli 2021 bis 30. Juni 2022 im Rahmen der Ausstellung „Görlitzer Art“ in Görlitz gezeigt werden sollen – auch anlässlich von 950 Jahre Görlitz. Aus 18 Ideen wurden diese neun ausgewählt. „Eventuell könnte noch eine zehnte hinzukommen“, sagt Bürgermeister Michael Wieler, der in der Jury saß. Der Künstler hinter der zehnten Idee will sein Werk aber auf einem privaten Grundstück errichten. „Da müssen wir noch Gespräche führen“, sagt Wieler. Sollte sich die Idee realisieren lassen, soll sie noch mit aufgenommen werden.

Eines haben alle Künstler gemeinsam: Sie sind Meisterschüler an der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) in Dresden. Wieler freut sich indes über die Unterschiede: Bei der ersten Auflage von Görlitzer Art vor vier Jahren standen Skulpturen im Mittelpunkt. Diesmal ist es eine breitere Mischung von Kunstformen. Das gefällt dem Bürgermeister: „Die Leute sollen nicht das Gefühl bekommen, dass an den gleichen Plätzen jetzt etwas anderes steht.“ Und er hofft, dass auch diesmal ein Kunstwerk langfristig in Görlitz bleibt. Beim ersten Mal war es die „Herde“, die nach mehreren Umzügen ihren Platz vor dem Theater gefunden hat. Die Görlitzer sollen selbst ihren Favoriten auswählen, die Stadt will diesen mit Hilfe von Sponsoren ankaufen.

Willy Schulz: Waschbeton war ein typisches Material der 1980er, das später seinen Raum in den Städten verloren hat. Ich will den Waschbeton zurückbringen – mit Löwen, wie sie in den 1990er-Jahren zum Beispiel vor chinesischen Restaurants standen.
Willy Schulz: Waschbeton war ein typisches Material der 1980er, das später seinen Raum in den Städten verloren hat. Ich will den Waschbeton zurückbringen – mit Löwen, wie sie in den 1990er-Jahren zum Beispiel vor chinesischen Restaurants standen. © Nikolai Schmidt
Lisa Maria Baier: Ich will Kinosessel verkehrt herum auf eine Tribüne bauen und davor eine Plexiglasplatte anbringen. Auf Leute, die von vorn auf die Tribüne zulaufen, wirkt es wie eine Inszenierung. So dreht sich das ganze Kinoerlebnis um.
Lisa Maria Baier: Ich will Kinosessel verkehrt herum auf eine Tribüne bauen und davor eine Plexiglasplatte anbringen. Auf Leute, die von vorn auf die Tribüne zulaufen, wirkt es wie eine Inszenierung. So dreht sich das ganze Kinoerlebnis um. © Nikolai Schmidt
Veronika Pfaffinger: Ein Stück Grassoden auf einem Handwagen soll bei einem Spaziergang nach Polen gebracht werden und ein Stück polnischer Boden nach Görlitz. Das soll als Filmdokumentation festgehalten und auf beiden Seiten gezeigt werden.
Veronika Pfaffinger: Ein Stück Grassoden auf einem Handwagen soll bei einem Spaziergang nach Polen gebracht werden und ein Stück polnischer Boden nach Görlitz. Das soll als Filmdokumentation festgehalten und auf beiden Seiten gezeigt werden. © Nikolai Schmidt
Robert Czolkoß: Den Dachstuhl werde ich zusammen mit Tillmann Ziola bauen. Wir wollen damit den Trend zu glatten Städten, zum Aufgeräumten durchbrechen. Wir werden Douglasienholz verwenden, das im Laufe der Zeit verwittern kann.
Robert Czolkoß: Den Dachstuhl werde ich zusammen mit Tillmann Ziola bauen. Wir wollen damit den Trend zu glatten Städten, zum Aufgeräumten durchbrechen. Wir werden Douglasienholz verwenden, das im Laufe der Zeit verwittern kann. © Nikolai Schmidt
Martina Beyer: Ich möchte etwa sieben Liebesperlen mit rund 60 Zentimeter Durchmesser aus Beton bauen und mit Kunstharz überziehen. Die Leute sollen sie aktiv nutzen, Erwachsene können zum Beispiel darauf sitzen, Kinder drumherum wuseln.
Martina Beyer: Ich möchte etwa sieben Liebesperlen mit rund 60 Zentimeter Durchmesser aus Beton bauen und mit Kunstharz überziehen. Die Leute sollen sie aktiv nutzen, Erwachsene können zum Beispiel darauf sitzen, Kinder drumherum wuseln. © Nikolai Schmidt
Susanne Hopmann: Ich will drei Hausfragmente aus poliertem Edelstahl in der Neiße errichten, durch die der Fluss fließt. Jedes Haus wird drei Meter groß sein. Je nach Wasserstand werden sie zum Teil im Fluss versinken, aber niemals ganz verschwinden.
Susanne Hopmann: Ich will drei Hausfragmente aus poliertem Edelstahl in der Neiße errichten, durch die der Fluss fließt. Jedes Haus wird drei Meter groß sein. Je nach Wasserstand werden sie zum Teil im Fluss versinken, aber niemals ganz verschwinden. © Nikolai Schmidt

Das Werk der aus Oberbayern stammenden Veronika Pfaffinger wird es wohl nicht werden: Sie will auf einem Spaziergang ein Stück Grassoden von dies- und jenseits der Neiße austauschen und dabei mit Menschen vor Ort zu deutsch-polnischen Beziehungen ins Gespräch kommen. „Davon soll ein Film gedreht und öffentlich gezeigt werden“, erklärt die 30-Jährige, die damit gern ein Zeichen für ein gemeinsames Europa setzen und auf das Thema „Wurzeln schlagen“ hinweisen möchte.

Andere Werke sind dauerhafter, etwa die „Kulisse“ der aus Nieder Seifersdorf stammenden Lisa Maria Baier. Die 32-Jährige arbeitet künstlerisch mit jeder Art von Film. Die „Kulisse“ aus einer Betontribüne mit Edelstahlgeländer, einer Plexiglasplatte und witterungsbeständigen Bushaltestellensitzen soll nach ihren Entwürfen von einem professionellen Handwerker gebaut werden und vor der Stadthalle stehen. Hat sie an diesem abgelegenen Ort keine Angst vor Vandalismus? „Mich würde das nicht einmal stören“, sagt sie. Die Plexiglasplatte lade ja geradezu dazu ein, bekritzelt zu werden. „Ich fände es witzig, wenn sie immer voller wird“, sagt sie.

Löwen könnten neu gegossen werden

Auch Willy Schulz, geboren 1990 in Dresden, hat bei seinen Löwen aus Beton wenig Angst vor Vandalismus: Das Gesamtkunstwerk ist sechs bis sieben Tonnen schwer. „Wenn jemand einen der Löwen stiehlt, würde ich mich nicht darüber ärgern“, sagt er: „Die Löwen kann man schnell und preiswert neu gießen.“ Sie werden ihren Platz auf dem Lutherplatz haben – auf Kies-Untergrund. Unter den 19 Standorten, die die Stadt vorgeschlagen hatte, fand Willy Schulz den Lutherplatz am besten, hat ihn sich viermal angesehen.

Robert Czolkoß aus Berlin und Tillmann Ziola aus Braunschweig hingegen haben sich mit ihrem Dachstuhl aus Douglasienholz bewusst für den Konsulplatz entschieden. „Der ist so abgeschlossen, so sauber, da soll der Dachstuhl als Kontrast fungieren“, sagt Robert Czolkoß. Das Werk soll zwei mal 2,86 Meter groß sein und nicht versiegelt werden, sodass es im Laufe der Zeit verwittert, sagt der 36-Jährige.

Im Internet auf Liebesperlen gestoßen

Die aus Lohr am Main stammende und seit 2008 in Dresden lebende Martina Beyer hat im Internet geschaut, was typisch ist für Görlitz. Dabei ist sie auf eine Reportage über Liebesperlen gestoßen. „Der Fabrikant wirkte so begeistert, das fand ich cool“, sagt die 40-Jährige. Nun will sie ungefähr sieben überdimensionale Liebesperlen auf dem Marienplatz errichten. Sie hat den Ort ausgewählt, weil er voller Leben ist: „Dort erreiche ich auch die Leute, die sonst keine Beziehung zu Kunst haben.“ Liebesperlen-Hersteller Mathias Hoinkis weiß noch nichts davon. „Ich werde ihn aber bald kontaktieren“, sagt Martina Beyer.

Zwei weitere Künstler schafften es diese Woche nicht selbst nach Görlitz, um ihre Werke vorzustellen: Philipp Putzer will unterhalb der Peterskirche Betonskulpturen bauen und Johannes Specks plant einen Lautsprechermasten vor dem Arbeitsamt an der Heilige-Grab-Straße, wo zu jeder Stunde Ansagen von Bewohnern von Görlitz zu hören sein sollen, etwa Aufrufe zu Frühsport, Mittagspause oder Nachtruhe.

Eine Künstlerin ist doppelt vertreten

Susanne Hopmann indes kann sich doppelt freuen: Sie ist die einzige Künstlerin, von der die Jury gleich zwei Werke ausgewählt hat. Neben der „Friedlichen Revolution“ sind es drei Hausfragmente aus Edelstahl, die in der Neiße aufgebaut werden sollen. Wo genau, ist noch offen. Wichtig ist, dass sie nicht zur Gefahr für den Flusslauf werden. „Wenn sie hingegen durch Treibgut oder Ähnliches beschädigt werden würden, fände ich das gar nicht schlimm“, sagt die in Köln geborene und in Trier aufgewachsene Künstlerin.

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