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"Kein Kind darf ausgeschlossen werden"

Im Fall der Zweitklässler, die nicht zum Schwimmen dürfen, melden sich die Kindheitspädagogen der Hochschule zu Wort: Sie sind empört.

Einfach das machen, was der Vordermann tut? Die Kindheitspädagogen der Hochschule Zittau/Görlitz sehen das als eine Möglichkeit.
Einfach das machen, was der Vordermann tut? Die Kindheitspädagogen der Hochschule Zittau/Görlitz sehen das als eine Möglichkeit. © Nikolai Schmidt

Mit Unverständnis, aber auch Zustimmung haben viele Leser auf den Beitrag „Wer kein Deutsch kann, lernt nicht schwimmen“ reagiert. Auf der Internetplattform Facebook, wo der Beitrag über 91.000 Nutzer erreichte, wurde emotional diskutiert. In vielen der knapp 400 Kommentare ist Zustimmung zu lesen: Wenn die Zweitklässler den Schwimmlehrer nicht verstehen, dürften sie auch nicht mit zum Schwimmunterricht. Doch auch die Empörung über den Ausschluss von Kindern ist groß.

„Eigentlich sollte man doch froh sein, dass es überhaupt noch Schwimmunterricht gibt“, schreibt eine Nutzerin. Oder dass es nur eine Ausrede sei, um weniger Kinder beim Schwimmunterricht zu haben, eigentlich könnten Kinder der DaZ (Deutsch als Zweitsprache)-Stufe zwei schon gut Deutsch. Wie gut müssen sie es aber können? Immerhin ist das Argument der Schwimmlehrer wie auch der Bildungsagentur: Wenn die Kinder noch nicht gut genug Deutsch können, verstehen sie den Schwimmlehrer nicht, was zu gefährlichen Situationen führen kann.

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Hochschule rät, andere Möglichkeiten zu suchen

Hochgeschaukelt hatte sich die Debatte am Fall der Grundschule Weinhübel, wo die DaZ-Kinder der Stufen eins und zwei – wie auch anderswo – nicht mit zum Schwimmen dürfen. Ute Noßmann, Mutter einer Tochter, mit der sie lange im Ausland gelebt hatte, hat sich dagegen aufgelehnt. Sie ist betroffen, da ihr Kind noch nicht perfekt Deutsch versteht – und deshalb in der DaZ-Klasse lernt. Sie deshalb vom Schwimmen auszuschließen, empfindet Ute Noßmann als Diskriminierung.

Genauso sehen das die Lehrkräfte des Studiengangs Kindheitspädagogik an der Hochschule Zittau/Görlitz. Die Professorin Andrea G. Eckhardt sagt: „Das ist ein klares Zeichen der Verhinderung von Teilnahme an der Gesellschaft. Hier ist die Benachteiligung von Kindern mit Migrationshintergrund ganz klar gegeben.“ Der Fall hatte unter ihrer Kollegenschaft für Empörung gesorgt. Wenn es die Sorge der Schwimmlehrer gibt, müsse man überlegen, wie der Schwimmunterricht organisiert werden kann, damit die DaZ-Kinder trotzdem mitmachen können.

Schwimmunterricht im Neißebad Görlitz. Neben dem Schulschwimmen können Kinder unter anderem auch die Kurse vom SV Lok Görlitz besuchen, um Schwimmen zu lernen - so wie dieser Junge im Bild.
Schwimmunterricht im Neißebad Görlitz. Neben dem Schulschwimmen können Kinder unter anderem auch die Kurse vom SV Lok Görlitz besuchen, um Schwimmen zu lernen - so wie dieser Junge im Bild. © Nikolai Schmidt

Kinder können sich gegenseitig helfen

„Das ist natürlich eine Frage der Aufsichtspflicht“, sagt Andrea G. Eckhardt. Die könnten – falls vorhanden – zusätzliche Personen übernehmen, etwa der Schulsozialarbeiter oder Inklusionshelfer. Und ja, auch die Eltern könnten gefragt werden, auch wenn man Zeit und Bereitschaft nicht bei allen Eltern voraussetzen dürfe.

Zudem gebe es Möglichkeiten, wie die Kinder sich untereinander helfen könnten. Sie machen einfach das nach, was der Vordermann tut. Frau Eckhardt spricht auch das „Buddy“-System an – zu deutsch Freund oder Kumpel: Kinder, die sich mit anderen angefreundet haben, könnten Partnerschaften eingehen und sich gegenseitig im Auge behalten. „Natürlich kommt das nicht einer Aufsichtspflicht gleich, aber zumindest könnten sie im Notfall laut rufen“, sagt die Kindheitspädagogin. „Ich sehe das Problem nicht: Warum sollte kein Schwimmunterricht für alle Kinder möglich sein?“ 

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Sie und ihre Kolleginnen seien schockiert gewesen über die Haltung der pädagogischen Fachkräfte in diesem Fall. Diese hätten die Aufgabe, solche Hürden aus dem Weg zu räumen und die Kinder bestmöglich zu unterstützen. Immerhin gehe es hier darum, Chancengleichheit zu wahren und den Bildungsauftrag zu erfüllen. Die Bildungsagentur in Bautzen stellt sich in dem Fall voll hinter die Schule und Schwimmlehrer. Sprecher Jens Drummer: „Hier geht es nicht um Benachteiligung, sondern um die Sicherheit der Kinder.“

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