merken
PLUS Görlitz

Wie eine Ruine eine Straße lahmlegt

In der Görlitzer Südstadt ist die Jauernicker Straße seit über einem Jahr gesperrt, weil ein Haus einzustürzen droht. Jetzt reden die Anwohner.

Marcel Hanisch lebt seit fast 14 Monaten hinter einer Absperrung. So gelangt kaum noch Licht in seine Erdgeschoss-Wohnung.
Marcel Hanisch lebt seit fast 14 Monaten hinter einer Absperrung. So gelangt kaum noch Licht in seine Erdgeschoss-Wohnung. © André Schulze

Marcel Hanisch lebte gerade erst seit ein paar Wochen in seiner neuen Parterre-Wohnung auf der Jauernicker Straße 35, als die Katastrophe passierte: Im Haus gegenüber stürzten Decken über mehrere Geschosse ein.

Für den 21-Jährigen blieb das nicht folgenlos: Das Haus mit der Nummer 31 gilt seit jenem 12. Juli 2019 als akut einsturzgefährdet. Die Straße musste voll gesperrt werden. Damit wenigstens Fußgänger noch durchkommen, wurde auf dem gegenüberliegenden Gehweg ein Fußgängertunnel errichtet. Und zwar genau vor dem Wohnzimmerfenster von Marcel Hanisch.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Das gelbe Haus in der Mitte droht einzustürzen: die Jauernicker Straße 31. Links die Nummer 30 ist inzwischen gesichert. Beide gehören dem gleichen Eigentümer aus Berlin. Das Eckhaus Reichertstraße 8 (rechts) ist auch marode und leerstehend.
Das gelbe Haus in der Mitte droht einzustürzen: die Jauernicker Straße 31. Links die Nummer 30 ist inzwischen gesichert. Beide gehören dem gleichen Eigentümer aus Berlin. Das Eckhaus Reichertstraße 8 (rechts) ist auch marode und leerstehend. © Nikolai Schmidt

Inzwischen steht der Tunnel seit über einem Jahr. Gegenüber ist seither nichts passiert: Kein weiterer Einsturz, aber auch keinerlei Sicherung des maroden Gebäudes. So lebt Marcel Hanisch seit fast 14 Monaten hinter dem Fußgängertunnel. „Es kommt kaum Licht rein“, sagt der Beton- und Stahlbetonbauer. Er ist oft auf Montage. „Aber wenn ich mal zu Hause bin, dann kotzt mich die Situation an“, sagt er. Bei Wind klappert der Blechzaun. Zum Glück liegt das Schlafzimmer auf der Hofseite.

Ausziehen wollen Marcel Hanisch und seine Freundin aber vorerst trotzdem nicht. „Unser Nachbar im Parterre, der auch betroffen ist, will auch bleiben“, sagt er. Und die Leute, die weiter oben wohnen, haben sich wohl damit abgefunden. Michael Bech aus dem dritten Stock bestätigt das: „Wir haben uns damit arrangiert.“ Ändern könne man ja eh nichts. Er wisse aus der Nachbarschaft von niemandem, der deshalb ausgezogen ist.

Michael Bech schaut aus seinem Fenster in der Jauernicker Straße 35. Gegenüber sind gleich vier Häuser in sehr schlechtem Zustand. Das Foto stammt vom März. Das eingerüstete Haus ist heute abgerüstet, aber immer noch marode.
Michael Bech schaut aus seinem Fenster in der Jauernicker Straße 35. Gegenüber sind gleich vier Häuser in sehr schlechtem Zustand. Das Foto stammt vom März. Das eingerüstete Haus ist heute abgerüstet, aber immer noch marode. © Nikolai Schmidt

Tanner Ciftci ist sogar in das Haus eingezogen. Aber nur vorübergehend. „Ich bin seit April und noch bis Ende September beruflich in Görlitz“, sagt der junge Mann. Seit 31. Juli lebt er in einer Ferienwohnung in der Nummer 35. Straßen wie die Jauernicker Straße gefallen ihm eigentlich: „Ich habe nach einem Altbau mit hohen Räumen gesucht.“ Zu Hause in Wesel gebe es so etwas nicht mehr, da sei im Krieg alles zerstört und hinterher neu gebaut worden.

Und was soll mit dem maroden Haus werden, Abriss oder Erhaltung? Ciftci spricht sich klar für Letzteres aus: „Man weiß doch erst, was man hatte, wenn man es nicht mehr hat.“ Michael Bech sieht das anders: „Von mir aus können sie es wegreißen, dann habe ich eine bessere Aussicht.“ Ein anderer Nachbar aus dem gleichen Haus, der seinen Namen nicht preisgeben will, widerspricht entschieden: „Es sollte erhalten bleiben, eine Lücke sähe doch bescheuert aus.“ Tatsächlich ist die obere Jauernicker Straße bisher ein lückenlos bebauter Straßenzug. Es könnte ein Bilderbuch-Gründerzeit-Straßenzug sein, wenn all die maroden Häuser saniert wären.

Durch die Absperrung fehlen Parkplätze

Wenn die 31 fertig wäre, würden sich auch Mieter finden, ist der Anwohner überzeugt. Marcel Hanisch ist bei der Abriss-Frage unentschlossen: „Wenn die Eigentümer Geld haben, könnte aus dem Haus wieder etwas werden. Wenn nicht, wären Parkplätze auch gut.“ Die durch die Absperrung weggefallenen Parkplätze sind für viele Anwohner das Hauptproblem. Das bestätigt auch der namenslose Mann: „Wir haben keine Hofzufahrt, können nur vorn parken.“ Doch dort gebe es vor allem an Tagen der Straßenreinigung oft Knöllchen, obwohl das Reinigungsfahrzeug die Straße gar nicht befahren könne: „Es kann ja nirgendwo umdrehen.“ Darüber würden viele Nachbarn schimpfen. Allerdings nicht alle. Die Bewohner der Nummer 34 durften die Absperrung inzwischen mit behördlicher Genehmigung so verändern, dass sie zumindest ihre Hofzufahrt – und damit ihre Garagen – wieder nutzen können.

„Auch mich stört die Situation gar nicht“, sagt Christian Werner, der im Hinterhaus der Nummer 35 lebt: „Wenn ich von der Arbeit komme, ist meist ein Parkplatz frei.“ Auch er könnte sich einen Abriss vorstellen: „Das wäre sicher das Kostengünstigste.“ Andererseits: „Wenn die Eigentümer Geld haben, wäre es schön, wenn sie sanieren würden“, sagt Christian Werner. Allerdings sollten dann auch die beiden Nachbarhäuser gemacht werden: „Es ist kein schönes Wohnen zwischen zwei Bruchbuden rechts und links.“

Eigentümer besitzt 40 Häuser in Görlitz

Tatsächlich ist es so, dass sowohl die Nummer 31 als auch das kürzlich gesicherte Nachbarhaus 30 und die marode 39 einer Berliner Firma gehören. Sie besitzt in Görlitz rund 40 Häuser. Viele davon verfallen zusehends, mindestens zehn aber hat sie inzwischen hochwertig saniert. Geld scheint also da zu sein. Zu ihren Plänen für die drei Häuser in der oberen Jauernicker Straße aber schweigt die Firma bisher.

Für diese Pläne würde sich auch Melanie Schmidt interessieren. Sie betreibt das Blumengeschäft „Kleeblatt“ im Eckhaus Jauernicker-/Reichertstraße. Die vergangenen Monate waren für sie katastrophal: Durch die Vollsperrung der Jauernicker Straße kamen aus dieser Richtung keine motorisierten Kunden mehr zu ihr, durch die Baustellen in der Reichert- und der Biesnitzer Straße auch aus zwei weiteren Richtungen nicht. Und dazu kam auch noch Corona. „Das ist für mich alles geschäftsschädigend“, sagt sie. Durch die Absperrung sind zudem einige Parkplätze für ihre Kunden weggefallen. Sie würde sich wünschen, dass die maroden Häuser gegenüber gerettet und chic gemacht werden. „Und es sollte zeitnah passieren“, sagt die Floristin.

Mehr Nachrichten aus Görlitz lesen Sie hier.

Mehr Nachrichten aus Niesky lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Görlitz