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Festival verlässt Görlitzer Stadtzentrum

Die „Zukunftsvisionen“ beginnen am Freitag in Weinhübel. Dort gibt es ein riesiges Gelände. Und fast keine Nachbarn.

Kira Schmieg und Felix Schuster vom Festivalteam bereiten ein Kunstwerk für die Zukunftsvisionen-Ausstellung vor.
Kira Schmieg und Felix Schuster vom Festivalteam bereiten ein Kunstwerk für die Zukunftsvisionen-Ausstellung vor. © Martin Schneider

Das Exergon war 2019 Ausstellungsort, das Oktogon 2020. Um die Trilogie komplett zu machen, hat das Festivalteam der Zukunftsvisionen das diesjährige Gebäude liebevoll „Utogon“ genannt – schließlich ist es U-förmig. Es ist ein Haus, das wohl die wenigsten Görlitzer kennen. Gelegen auf der Friedrich-Engels-Straße 54, ganz in der Nähe des Bahnhofs Weinhübel, wurde es 1974 als Polytechnische Bildungseinrichtung gebaut. „Hier wurde Einführung in die sozialistische Produktion unterrichtet“, sagt Felix Schuster. Er schätzt, dass es seit etwa zehn Jahren leer steht.

Hier findet das Festival Zukunftsvisionen dieses Jahr statt: Auf der Friedrich-Engels-Straße 54, ganz in der Nähe des Bahnhofs Weinhübel. Das Gebäude wurde 1974 als Polytechnische Bildungseinrichtung gebaut.
Hier findet das Festival Zukunftsvisionen dieses Jahr statt: Auf der Friedrich-Engels-Straße 54, ganz in der Nähe des Bahnhofs Weinhübel. Das Gebäude wurde 1974 als Polytechnische Bildungseinrichtung gebaut. © Martin Schneider

Er ist der Projektleiter des Festivals, das am Freitag mit einer Vernissage startet. Zukunftsvisionen verbindet eine Kunstausstellung mit einem Programm aus Workshops, Konzerten, Partys und vielem mehr. Zudem thematisiert es Leerstand: Die größtenteils studentischen Organisatoren suchen sich jedes Jahr ein anderes leeres Gebäude für das Festival. Dieses Jahr finden die Zukunftsvisionen zum 15. Mal statt.

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Und zum ersten Mal abseits des Görlitzer Stadtzentrums. „Von Besuchern war immer wieder mal angeregt worden, nach draußen zu gehen“, sagt Felix Schuster. Hinzu kam: „Nach 15 Jahren sind viele Gebäude, die groß genug wären, schon einmal Festivalort gewesen.“ Die Auswahl gehe deutlich zurück. Nicht zuletzt hat das „Utogon“ zwei große Vorteile: Das Außengelände ist riesig und es gibt kaum Nachbarn. Das ist einerseits corona-konform, andererseits dürften sich die Probleme wegen Ruhestörung in Grenzen halten.

Sorgen, dass kaum Gäste kommen, weil das Areal so abgelegen ist, hat Felix Schuster nicht: „Wenn die Leute wissen, dass es stattfindet, kommen sie auch.“ Zudem gibt es im Stadtzentrum zwei „Satelliten“, die auf das Festival verweisen: Ein Kunstwerk ist in eine Ausstellung im Kaisertrutz eingebunden, ein zweites leuchtet an der Fassade des früheren Hotels „Vier Jahreszeiten“ auf der Berliner-/Ecke Bahnhofstraße.

Das Kunstwerk „I don’t believe in dinosaurs“ von Moritz Frei hängt im Rahmen des Festivals Zukunftsvisionen am früheren Hotel „Vier Jahreszeiten“ in Görlitz.
Das Kunstwerk „I don’t believe in dinosaurs“ von Moritz Frei hängt im Rahmen des Festivals Zukunftsvisionen am früheren Hotel „Vier Jahreszeiten“ in Görlitz. © Foto: privat

Letzteres ist das Werk „I don’t believe in dinosaurs“ (deutsch: „Ich glaube nicht an Dinosaurier“) von Moritz Frei. Die Leuchtschrift aus Neonröhren wurde Mitte März auf dem Dach der Galerie der Gegenwart der Hamburger Kunsthalle installiert. In Görlitz hängt nun ein Mini-Pendant. Moritz Frei gehört in eine Preisklasse, die sich das Görlitzer Festival eigentlich nicht leisten kann. „Aber er will dabei sein, auch wenn er viel weniger Geld erhält als anderswo“, sagt Kira Schmieg vom Festivalteam.

Sie studiert in Görlitz Kultur und Management im Master. Felix Schuster hat das auch getan, aber voriges Jahr schon abgeschlossen. Er ist jetzt selbstständiger Kulturmanager. Der 28-jährige hat sein Abitur in Radebeul gemacht, danach in Leipzig studiert. 2018 kam er für sein Masterstudium nach Görlitz. Die Stadt kannte er, weil einige aus seinem Abi-Jahrgang schon länger hier leben. „Durch Orte wie das Café Hotspot ist es unglaublich leicht, als Neuer in Görlitz Fuß zu fassen“, sagt er.

Zwei Drittel sind erstmals dabei

Bei den Zukunftsvisionen ist er aktuell einer von 18 jungen Leuten im Team. „Drei sind berufstätig, der Rest zum Großteil Studenten“, sagt er. Etwa zwei Drittel sind zum ersten Mal dabei – eine ähnlich hohe Quote wie in anderen Jahren auch. Die Vorbereitung aber war diesmal wegen Corona weitaus komplizierter: „Im Team konnten wir uns bis Mai/Juni nicht persönlich kennenlernen, sondern haben uns immer nur in Online-Besprechungen getroffen“, sagt er. Dadurch habe lange der Zusammenhalt gefehlt. Schließlich musste das Festival wegen Corona im Mai abgesagt beziehungsweise auf August verschoben werden – in einen Monat, in dem die Studenten eigentlich in den Semesterferien sind.

Jetzt aber läuft alles. 16 Werke von 15 Künstlern haben es aus hunderten Bewerbungen in die Ausstellung geschafft. Letztere kamen aus der ganzen Welt, auch gehäuft aus dem Iran, erzählt Felix Schuster. Offenbar hat das Festival in der Kunstszene mittlerweile weltweit einen Namen. Ausgewählt wurden am Ende Künstler aus Deutschland, Kanada und Mexiko sowie ein in Berlin lebendes Kollektiv von Thailändern. „Die Künstler aus Kanada und Mexiko reisen aber nicht selbst an, sondern schicken ihre Werke“, sagt Kira Schmieg.

Das „Utogon“ wird zum Festival dreigeteilt: Im Mittelgebäude ist der Einlass. Von da geht es nach rechts zur Ausstellung. Im linken Flügel sind Gastronomie und Teamräume untergebracht. Alles Weitere findet zum Großteil draußen statt, wo es Biergarten, Bühne und ein Veranstaltungszelt geben wird. Die Bar wird dieses Jahr erstmals vom Nostromo betrieben. Die Obermühle bietet Crepes und Waffeln an. Jetzt müssen nur noch die Gäste das „Utogon“ finden.

Zukunftsvisionen in Görlitz

Termin: 20. August, 18 Uhr, bis 29. August, 22 Uhr. Nur am 23./24. August sind Ruhetage.

Inhalt: Kunstausstellung und Rahmenprogramm, darunter Workshops, Kurzfilmabend, Konzerte und Partys.

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Ort: Friedrich-Engels-Straße 54 in Weinhübel, Autozufahrt zwischen CD-Presswerk und DPFA-Schule, dort auch Parkplatz. Zweiter Zugang aus Richtung Bahnhof Weinhübel.

Eintritt: Zur Vernissage frei, andere Tage meist zwischen fünf und zehn Euro, Workshop-Teilnahme zehn Euro.

Link zum Festival: www.zuvi-festival.de/programm_2021/

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