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Neue Bücher aus Görlitz und Umgebung

Vor der Buchmesse gibt es zahlreiche Neuerscheinungen, auch aus Görlitz. Zu den Autoren gehören gestandene Schriftsteller, frühere Pfarrer, Polizeiangestellte und Neu-Görlitzer.

Von Sebastian Beutler & Ines Eifler
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Neue Görlitzer Bücher vom Erstlingswerk bis zur Dichterbiografie.
Neue Görlitzer Bücher vom Erstlingswerk bis zur Dichterbiografie. © Ines Eifler

Endlich Zeit und Muße finden. Endlich den Traum verwirklichen, der das bisherige Leben begleitet hat. Endlich ein eigenes Buch in den Händen halten.

Trotz der Fülle der Neuerscheinungen, die ab 20. Oktober wieder auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden, beschäftigt das Thema Schreiben nach wie vor viele Menschen, auch in Görlitz.

Thriller: Wenn "national" noch stärker wird

Zum Beispiel Patrick Baumann, der seit 2020 in Görlitz lebt und die Ruhe der Stadt genutzt hat, um seinen im Berlin des Jahres 2040 angesiedelten Thriller niederzuschreiben. Der Autor hat fast sein ganzes Leben in Berlin verbracht. Im Stadtteil Steglitz wurde er 1977 geboren, später lebte er lange in Neukölln. Er betreibt eine Billard-Bar am Berliner Hauptbahnhof und einen Onlineshop für Billardzubehör, programmiert Webseiten und kennt sich mit Pressearbeit aus. Vor zehn Jahren löste er seinen Haushalt auf, behielt nur, was in seinen Rucksack passte, lebte mal hier mal da, arbeiten kann er von jedem Ort aus.

Patrick Baumann, Neu-Görlitzer und Autor des Romans "2040. Tag der Deutschen Einheit", der in Berlin spielt.
Patrick Baumann, Neu-Görlitzer und Autor des Romans "2040. Tag der Deutschen Einheit", der in Berlin spielt. © privat

Nach einer Asienreise wollte er nicht nach Berlin zurück, die Stadt war ihm zu laut und zu voll geworden. Da kam er auf Görlitz. "Ein Freund erzählte mir, da sei es schön, ruhig, nicht so turbulent, aber auch nicht piefig", sagt der 44-Jährige. Im ersten Lockdown schaute er sich die Stadt an, fühlte sich in den Gründerzeitvierteln an Berlin erinnert, mietete eine Wohnung und schrieb hier seinen Roman fertig.

"Ich hatte mich mit den 1920ern beschäftigt, als in Berlin das Leben bunt und schillernd war, aber auch Links und Rechts aufeinanderprallten, es Straßenschlachten gab und sich großes Unheil anbahnte." Ein Jahrhundert später fühlte er sich daran erinnert und malte sich aus, wie es weitergehen könnte, wenn rechtspopulistische Parteien europaweit im Trend bleiben. Dies schrieb er als Dystopie. Seine düstere Vision habe er nur schreiben können, weil er im Grunde nicht daran glaube, dass Deutschlands Zukunft wirklich so dunkel sei, sagt Patrick Baumann. "2040 – Tag der Deutschen Einheit" gab er nach einem professionellen Lektorat bewusst im Selbstverlag heraus, um vom Wohlwollen der Verlage unabhängig zu sein. Es ist im Buchhandel sowie über www.patrick-baumann.de erhältlich.

Zu schön, um wahr zu sein: Die Friedensformel von Ekkehard Kuhn

Auch der in Zodel geborene ZDF-Mann Ekkehard Kuhn, Schlesienkenner und -Bekanntmacher in den 1990ern, hat ein neues Buch geschrieben. "Die Friedensformel" nennt der 83-Jährige sein "politisches Märchen", das ebenfalls in einem Self-publishing-Verlag erschienen ist. Ein fiktiver Held, Hartmut Engler, macht sich auf den Weg, angesichts der vielen Konflikte in der Welt die Friedensformel zu finden. Es ist die 1-Billion-Dollar-Frage in der internationalen Politik, aber kleiner geht es nicht für Kuhn.

Schnell wird der Leser feststellen, dass Engler eben Ekkehard Kuhn ist. Er lässt wichtige Stationen seines Reporterlebens Revue passieren, etwa sein Interview mit Michail Gorbatschow. Der studierte Slawist war 1976 das erste Mal nach Moskau gereist, als mit der OSZE-Konferenz in Helsinki auch die ersten Durchbrüche in den Eisernen Vorhang mitten durch Europa geschlagen wurden. Und Kuhn macht aus seinem Unverständnis darüber, wie schäbig die deutsche Politik mit den Russen seit Ende der 1990er Jahre umgehen, kein Hehl. Ob der Blick auf die russische Politik zu rosarot ausfällt, muss jeder selbst feststellen. Bewegend bleibt aber, warum Kuhn den russischen Menschen in sehr warmherziger Art ein Leben lang verbunden ist: Russen befreiten ihn gemeinsam mit seiner Mutter, seinen Schwestern und einer weiteren großen Gruppe von Flüchtlingen aus polnischer Geiselnahme. Ohne diese Rettung, so schreibt er, hätte ihnen allen der Tod gedroht.

Ekkehard Kuhn ist regelmäßig in Görlitz, zuletzt erst in diesen Oktobertagen. 2019 besuchte er auch das Joliot-Curie-Gymnasium und berichtete über seine Arbeit für das ZDF.
Ekkehard Kuhn ist regelmäßig in Görlitz, zuletzt erst in diesen Oktobertagen. 2019 besuchte er auch das Joliot-Curie-Gymnasium und berichtete über seine Arbeit für das ZDF. © Nikolai Schmidt

Fesselnd sind Kuhns Berichte über seine Görlitz- und Zodel-Besuche, aber auch über seine Einsichten in die Klimaveränderungen und die Ehrung eines frühen Naturschützers am Rhein, der sich für die Renaturierung des Flusses einsetzte, die Unzufriedenheit mit der deutschen Politik, die ihn zwischenzeitlich sogar an die Gründung einer Partei denken lässt, oder die Rückblicke auf seine Zeiten beim ZDF und die Auszeichnung mit dem Bayrischen Filmpreis vor 25 Jahren für seinen Film "Schlesien – eine Brücke in Europa". Das Buch ist – viel mehr als ein Märchen – ein weiterer Teil von Kuhns Autobiografie, wie er sie bereits mit dem Buch "Erinnerungen eines Patrioten" vor drei Jahren begann. Was die Friedensformel betrifft: Engler, also Kuhn, findet nach drei Jahren eine – aber sie ist zu schön, um wahr zu sein. Eben ein politisches Märchen.

Romane: Deutsch-polnische Liebe und ein Astro-Thriller

Auch Frank-Dieter Schiller und Jürgen Hoppmann haben ihre Romane, beides Erstlinge, in Self-Publishing-Verlagen herausgegeben. Schiller war früher Verwaltungsmitarbeiter der Polizei, zuletzt der Polizeihochschule Rothenburg, und lebt seit 22 Jahren in Görlitz. 1999 belegte er einen Sprachkurs in Zgorzelec – so beginnt auch sein Roman über eine deutsch-polnische Liebe. Der sei in Teilen autobiografisch, sagt der 60-Jährige. 1987 haben sich Ich-Erzähler und Autor beim Studium in Berlin in eine polnische Austauschstudentin verliebt, daran schloss sich eine Reise nach Ostpolen an.

Im Roman lebt diese Liebe mit der EU-Erweiterung wieder auf und macht allerhand Turbulenzen mit. Was Frank-Dieter Schiller sagen möchte, steht im Titel: "Sehnsucht kennt keine Grenzen". Auch war es ihm wichtig, Orte in Zgorzelec, die heute nicht mehr existieren, vor dem Vergessen zu bewahren: etwa einen Tanzclub oder die Pizzeria "Kalifornia", wo die Sprachkursgruppe oft zu Gast war. Der Link zum Buch geht demnächst online: www.frank-dieterschiller.de.

Wo der eine früher arbeitete, an der Polizeihochschule Rothenburg, beginnt der Roman "Der Astrologe – eine gänzlich unwahre Geschichte" des vor knapp 20 Jahren von Berlin nach Görlitz gezogenen Filmemachers Jürgen Hoppmann. Es ist ein Thriller rund um das "große europäische Planetenfest Dresden", bei dem ein Serienkiller Gifthoroskope verschickt. Das Buch ist über tredition.de sowie im Buchhandel erhältlich.

Biografie: Hommage eines Pfarrers an seinen Vater

Der frühere Görlitzer Regionalbischof und Pfarrer der Evangelischen Innenstadtgemeinde Hans-Wilhelm Pietz hat den Beginn seines beruflichen Ruhestands genutzt, um gemeinsam mit seiner Schwester Hanna Kasparick ein Buch über seinen Vater zu schreiben, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre. Reinhold Pietz hatte als Offizier der Wehrmacht Stalingrad überstanden, war danach Pazifist und Theologe geworden und 1952 als Pfarrer von West- nach Ost-Berlin gekommen. An der Predigerschule Paulinum bildete er über Jahre Theologen aus.

Reinhold Pietz mit seiner Familie 1962. Sein Kinder Hanna und Hans-Wilhelm (l. u.) sind inzwischen über 60. Sie haben 2021 ein Buch über ihren Vater geschrieben.
Reinhold Pietz mit seiner Familie 1962. Sein Kinder Hanna und Hans-Wilhelm (l. u.) sind inzwischen über 60. Sie haben 2021 ein Buch über ihren Vater geschrieben. © privat

Reinhold Pietz entwickelte den "Bausoldaten"-Dienst mit, forderte aber darüber hinaus einen echten Wehrdienstersatz für Kriegsverweigerer, weil auch Bausoldaten Arbeiten für militärische Zwecke erledigen mussten. Die Geschwister Pietz verloren ihren Vater früh, 1976. Schon lange nahmen sie sich vor, seinen Nachlass aufzuarbeiten, erst jetzt war Zeit dafür. Gemeinsam haben sie die Biografie geschrieben, zahlreiche Dokumente liegen auf CD bei. Der Görlitzer Verlag Gunter Oettel hat "Reinhold Pietz. Ein Theologe im Zeitalter des Totalitarismus" herausgegeben.

Romanbiografie: Als Theodor Körner in Görlitz war

Dieter Liebig, letzter Pfarrer von Deutsch Ossig und erfahrener Autor, hat eine Novelle über Theodor Körner veröffentlicht, der 21-jährig 1813 in den Befreiungskriegen starb und dessen patriotische Verse besonders von den Nazis vereinnahmt wurden. Liebig begleitet den Dichter aus Dresden von seiner Studentenzeit in Freiberg an, macht einen Ausflug mit ihm nach Görlitz, wo sich Körner zu Jakob Böhme hinwendet, und ins Riesengebirge.

Der Schriftsteller Dieter Liebig in seinem Arbeitszimmer in Dittersbach.
Der Schriftsteller Dieter Liebig in seinem Arbeitszimmer in Dittersbach. © Matthias Weber

Er folgt ihm nach Berlin und Wien, wo Körner zahlreiche Dichter trifft und Hofdichter wird, bis zur Entscheidung, Soldat zu werden und als Freiwilliger gegen Napoleon, für einen deutschen Nationalstaat zu kämpfen. Zahlreiche Gedichte Körners hat Liebig einbezogen. Nach "… weint nicht um mich, beneidet mir mein Glück" hat er noch ein weiteres Buch mit Essays und Stücken zum Ersten Weltkrieg nach literarischen Vorlagen unter anderem von Stefan Zweig, Egon Erwin Kisch oder Ernest Hemingway geschrieben, das im Görlitzer Viadukt-Verlag unter dem Titel "Vor Verdun fand ich meinen Glauben" erschienen ist.

Das schöne Görlitz: Immer wieder ein Buch wert

Und auch über die 950-jährige Geschichte der Stadt Görlitz ist ein neuer Band auf dem Markt. Constanze Herrmann, die beste Kennerin des Physikalischen Kabinetts der Görlitzer Sammlungen, hat jetzt ein Buch geschrieben, das zu fünf historisch-thematischen Touren durch Görlitz einlädt, durch die Altstadt, die Gründerzeitviertel, die Südstadt, durch die einst selbstständigen Kirchorte rund um Görlitz und in die Bergbaufolgelandschaft im Süden der Stadt. Zahlreiche Fotos belegen, dass der Titel hält, was er verspricht: "Görlitz. Eine der schönsten Städte Deutschlands."