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So gefährdet sind die Kinder im Kreis Görlitz

Vernachlässigung, psychische und körperliche Gewalt - es gibt viele Formen von Kindeswohlgefährdung im Kreis Görlitz. Doch machen die Zahlen von 2020 Hoffnung.

Kindeswohlgefährdung kennt viele Formen und Gesichter. Auch im Landkreis Görlitz.
Kindeswohlgefährdung kennt viele Formen und Gesichter. Auch im Landkreis Görlitz. © imago stock&people

Einmal im Jahr berichtet der Landkreis Görlitz über die Lage bei Kindeswohlgefährdungen. Das war schon vor Corona so. Doch weil in den langen Monaten des Lockdowns manche Kinder und Eltern auf sehr beengtem Raum ohne die Abwechslung von Kita oder Schule auskommen mussten, fürchten viele Experten, dass Kinder häufiger Opfer von Gewalt werden. Daher wurde die Bilanz am Donnerstag im Jugendhilfeausschuss des Kreistages mit Spannung erwartet. Hier die Ergebnisse.

Wie viele Fälle werden angezeigt?

Dem Jugendamt wurden so wenige Fälle wie zuletzt 2012 angezeigt. Waren es damals 574 Verfahren, waren es 2020 genau 620. Seit Jahren gehen die Meldungen zurück, die dann geprüft werden müssen. Den Höhepunkt bildete das Jahr 2016 mit 996 Prüfungen von Kindeswohlgefährdung. Den größten Rückgang verzeichnete das Landratsamt zwischen 2018 und 2019, als die Zahl der Prüfungen um ein Viertel sank. Das war genauso außergewöhnlich wie die Steigerung von 2013 auf 2014. Damals stiegen die Verfahren um ein Drittel auf 859.

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Wie viele Hinweise bestätigen sich?

In 48 Prozent aller Fälle oder 295 mal bestätigte sich die Kindeswohlgefährdung im vergangenen Jahr. Dieser Prozentsatz ist gleichgeblieben gegenüber 2019, als er bei 49 Prozent lag. Gesunken ist der Anteil der Fälle, wo zwar keine Kindeswohlgefährdung, aber ein Hilfsbedarf festgestellt wurde. Lag er 2019 noch bei 31 Prozent, so machten diese Fälle im vergangenen Jahr nur noch 24 Prozent aus. Im selben Maße stieg hingegen die Zahl der Fälle, wo keine Kindeswohlgefährdung festgestellt wurde.

Wer meldet die Verdachtsfälle?

Die meisten Fälle werden anonym gemeldet. Das war schon immer so, da bildet auch 2020 keine Ausnahme mit 29 Prozent. In den Vorjahren lag dieser Anteil aber mitunter sogar bei 35 Prozent. Dagegen wurden im vergangenen Jahr mehr Fälle von der Polizei oder der Staatsanwaltschaft gemeldet, in 15 Prozent aller Fälle kamen die Hinweise von den Sicherheitsbehörden. In den Vorjahren waren das meist nur um die sieben Prozent. Nach Angaben des Jugendamtes könnte diese Verschiebung eine Folge des Lockdowns sein, weil die Kinder länger zu Hause waren und dort der Verdacht zumeist von der Polizei aufgenommen wurde. Nennenswerte Meldungen kamen noch vom Jobcenter mit elf Prozent und von Nachbarn oder Bekannten mit zehn Prozent. Alle anderen, auch Schule und Kita, folgen erst danach.

Worin besteht die Kindeswohlgefährdung?

Kindeswohlgefährdung kennt viele Formen. In den meisten Fällen stellte das Jugendamt 2020 eine Vernachlässigung der Kinder fest. Das geschah 217 mal. Körperliche Gewalt lag 39 mal vor. In beiden Fällen ist der Anteil der betroffenen Jungen leicht höher als der Mädchen. Das ist bei den anderen beiden wichtigsten Fallkategorien genau umgekehrt. Psychische (71 mal) und sexuelle Gewalt (achtmal) richtet sich eher gegen Mädchen als Jungen. Die meisten betroffenen Kinder sind zwischen drei und zehn Jahre alt, es folgen die unter Dreijährigen vor den Elf- bis 14-Jährigen. Je nach Alter sind auch Jungen und Mädchen wiederum unterschiedlich gefährdet. Bei den bis Zehnjährigen sind es eher Jungen, bei den Elf- bis 14-Jährigen eher Mädchen. Zwischen 15 und 18 Jahre sind es in aller Regel Mädchen, die die Opfer sind.

Gibt es Unterschiede im Landkreis Görlitz?

Ja, die gibt es. Dazu schlüsselte das Jugendamt die Meldungen nach den Planungsräumen im Kreis auf, die sich wiederum an den früheren Kreisstädten orientieren. So gibt es also fünf Planungsräume. Die meisten Meldungen von Kindeswohlgefahr gab es in Zittau und Umgebung mit 28 Prozent, vor der Stadt Görlitz mit 23 Prozent und Löbau mit 20 Prozent. Niesky und Görlitzer Umland folgen mit zusammen 18 Prozent, aus Weißwasser werden nur elf Prozent gemeldet. Die Verteilung ist nicht überraschend, weil natürlich im Süden des Kreises und der Stadt Görlitz die meisten Menschen und in dem Fall eben auch Kinder leben. Interessant ist, dass die hohen Meldezahlen in Zittau und Umgebung vor allem an anonymen Hinweisen liegt. Während sonst bei den Quellen der Meldung zwischen den Planungsräumen kaum Unterschiede festzustellen sind, liegen die anonymen Hinweise in Zittau und Umgebung fast doppelt so hoch wie andernorts.

Wo gibt es die meisten Kindeswohlgefährdungen?

Nach der Prüfung der Hinweise zeigt sich, dass die meisten Kindeswohlgefährdungen in der Stadt Görlitz festgestellt wurden. 80 waren es allein in der größten Stadt des Kreises oder 27 Prozent aller Gefährdungen im Kreis. Es folgt die Stadt Zittau mit 47 bestätigten Fällen vor Löbau mit 39. Dann kommt die Stadt Weißwasser mit 27 bestätigten Gefährdungen. Viele Hinweise gibt es auch aus der Gemeinde Olbersdorf sowie den Städten Reichenbach und Ebersbach-Neugersdorf. Sie gehören zu den sechs Kommunen im Kreis, wo es mehr als 30 Hinweise pro Jahr gibt. Die tatsächliche Zahl liegt dann niedriger: Olbersdorf (10), Reichenbach (10) und Ebersbach-Neugersdorf (21).

Wie alt sind die Eltern betroffener Kinder?

Da unterscheidet sich das Alter von Vätern und Müttern doch sehr. Zum Zeitpunkt der Prüfung war fast jeder zweite Vater zwischen 36 und 45 Jahre alt. Bei den Müttern stellen die 26- bis 35-Jährigen mit knapp 46 Prozent die größte Gruppe. Tendenziell sind Mütter häufiger jünger als Väter, bei denen immerhin jeder Fünfte über 45 Jahre alt ist.

Hat die Kindeswohlgefährdung unter Corona zugenommen?

Die Zahlen im Landkreis Görlitz entkräften für das vergangene Jahr diesen Verdacht. Katja Barke vom Görlitzer Kreis-Jugendamt glaubt auch, dass die Zahl der Verdachtsfälle sich um 600 einpegelt. Der Görlitzer Landrat Bernd Lange ist da skeptischer. Er erwartet in diesem Jahr eine steigende Zahl ohne genau zu erklären, warum. "Wir sollten uns von den Zahlen des Vorjahres nicht täuschen lassen", erklärte er jedoch vor dem Jugendhilfeausschuss des Kreises. Wichtig: Kinder litten nicht nur unter Vernachlässigung und Gewalt in der Corona-Pandemie, sondern vor allem nahm nach Untersuchungen deren psychische Erkrankungen zu.

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