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Überraschung beim Brandprozess

Die Plädoyers sind schon gehalten. Zu einem Urteil ist das Gericht in Görlitz aber noch nicht bereit.

Die Feuerwehr konnte den Vollbrand eines Zimmers im Erdgeschoss des Hauses relativ schnell löschen.
Die Feuerwehr konnte den Vollbrand eines Zimmers im Erdgeschoss des Hauses relativ schnell löschen. © SZ-Archiv / Danillo Dittrich

Eigentlich schien alles klar beim Prozess um den Brand in einem Uhsmannsdorfer Plattenbau – zumindest, was den Tathergang betrifft. Am Montag hatte der Angeklagte, 28-jährige Pole ein umfassendes Geständnis abgelegt. Zeugen haben seine Darstellung im Wesentlichen bestätigt. Die Beweisaufnahme wurde geschlossen. Am Mittwoch sollten jetzt die Plädoyers und das Urteil folgen. Zumindest zu Letzterem kam es aber nicht.

Der Sachverhalt erscheint in diesem Fall klar: Der Angeklagte Michal R., Vater von zwei Kindern, wohnte nach einer persönlich schwierigen Situation – mit Verlust der Arbeit und der Wohnung in Polen sowie der Wegnahme eines Kindes durch das Familienamt – seit Mai 2020 bei seinem polnischen Bekannten David in Uhsmannsdorf. Der hatte ihm eine Arbeit bei Borbet in Kodersdorf versorgt, ließ ihn bei sich wohnen und wollte – selbst homosexuell – eine Beziehung mit dem jetzt Angeklagten. Der wiederum verweigerte sich jedoch, wollte nur Geld verdienen und zurück zu seiner Familie.

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Es gab also Streitpotenzial, im September 2020 mit einer Körperverletzung gegen David, bei der er die Polizei rief. Ende Oktober eskalierte die Situation, als Michal R. mitten in der Nacht von einer kleinen Party in Horka angetrunken rund fünf Kilometer, anders als geplant, zurücklaufen musste. Als er vor dem Wohnhaus ankam, stand David in seinem Auto auf dem Parkplatz. Es kam zu einem Streit, Steine flogen Richtung Auto.

David rief die Polizei. Michal R. ging in die Wohnung und zündete mit dem Rest einer dort stehenden Flasche Feuerzeugbenzin Kleidungsstücke von David an – im Bettkasten des Schlafsofas im Wohnzimmer. Er verließ die Wohnung, ging zu David, beschimpfte ihn, sagte ihm, dass er was angezündet hat, und ging dann wieder zurück. Er will beim Nachbarn laut geklopft haben und einem anderen Mann den Qualm in der Wohnung gezeigt haben. Als er wieder vor das Haus ging, mit einem Rucksack eigener Kleidungsstücke, war die Polizei schon da. Er flüchtete mit einem Fahrrad. Dank der Polizei und der Feuerwehr entstand nur Sachschaden. Sechs Personen konnten sich noch über das bald mit giftigem Qualm gefüllte Treppenhaus retten, zwei mussten von der Feuerwehr vom Balkon geholt werden. Das Wohnzimmer brannte aus. Ein Übergreifen auf andere Wohnungen konnte die Feuerwehr verhindern. Das alles war schon am Montag klar.

Staatsanwalt fordert zwölf Jahre

Wie aber diese, aus einer Wut heraus begangene Brandstiftung bestrafen? Staatsanwalt Jürgen Ebert bewertete diese Tat wie angeklagt als neunfachen Mordversuch und verwies auf entsprechende Rechtssprechung. Der Angeklagte, der trotz seines Alkoholkonsums auch laut Gutachter in seiner Handlungs- und Steuerungsfähigkeit nicht eingeschränkt war, musste wissen, dass er durch dieses Feuer in einem Wohnhaus die Bewohner in Todesgefahr bringen würde. Ebert forderte in seinem Plädoyer eine Freiheitsstrafe von zwölf Jahren. Dabei scheint für diesen Fall der Paragraf 306b des Strafgesetzbuches wie geschaffen: „Wer Gebäude, das der Wohnung von Menschen dient, in Brand setzt und dadurch einen anderen Menschen in die Gefahr des Todes bringt, wird mit einer Freiheitsstrafe nicht unter fünf Jahren bestraft, heißt es da sinngemäß. Diese fünf Jahre forderte dann auch Verteidiger Arnold Fetzer.

Statt des erwarteten Urteils folgte nach einstündiger Beratung dann die Überraschung: Das Gericht unter Vorsitz von Theo Dahm will noch prüfen, ob der Angeklagte einen strafmildernden Versuch des Rück-tritts von dieser Tat tatsächlich unternommen hat. Michal R. hatte behauptet, dem Nachbarn den Qualm gezeigt zu haben. Es sei aber schon zu spät für ein eigenständiges Löschen gewesen. Deshalb wurde die Beweisaufnahme wieder eröffnet, der Zeuge soll noch vernommen werden. Das Urteil wird jetzt am nächsten Verhandlungstag, am 28. April, erwartet.

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