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Görlitzer OB landet Coup bei Corona-Gegnern

Octavian Ursu folgte überraschend am Montag einer Einladung zur Demo auf dem Sechsstädteplatz. Das war den Organisatoren auch wieder nicht recht.

Es dauerte eine ganze Weile, bis Ursu sprechen konnte. Man hatte ihn nicht erwartet.
Es dauerte eine ganze Weile, bis Ursu sprechen konnte. Man hatte ihn nicht erwartet. © Martin Schneider

Der Görlitzer Oberbürgermeister Octavian Ursu soll ein Buch bekommen. Eines, das alles erklärt, woran die Menschen auf dem Sechsstädteplatz denken. Als eine Frau namens Karin das vorschlägt, hat der OB die Szenerie längst wieder verlassen.

Wie jeden Montag sind auf dem Görlitzer Postplatz Gegner der Corona-Maßnahmen zusammengekommen. Seit einigen Wochen bleibt es dabei nicht, sondern die Teilnehmer ziehen weiter zum Sechsstädteplatz.

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Rund 300 Menschen

Helfer in gelben Westen bauen den Lautsprecher, den sie vom Postplatz hergefahren haben, wieder auf. Ständer mit Plakaten werden auf dem Sechsstädteplatz verteilt. Eines zeigt den Flyer, den Görlitzer hin und wieder in ihrem Briefkasten finden: "Warum infiziert nicht krank ist". Ein anderes Plakat verweist auf "Eltern stehen auf", eine Initiative mit Verbindungen ins "Querdenker"-Milieu.

Laut Polizeiangaben sind rund 300 Menschen gekommen. Jugendliche, Ältere, Menschen mittleren Alters. Ein Paar trägt identische schwarz-weiß-rote Schals. Ein unkenntlicher Mann mit Gesichtsvollvisier kommt vorbei. Ein Auto der Organisatoren steht auf dem Platz, bestückt mit Schildern wie "Gegen Lockdown, Maskenzwang, Faschismus und Diktatur." Man duzt sich. Die Redner heißen Karin und Lee-Roy und Enrico. Hauptorganisator ist der Autohändler und ehemalige AfD-Kreisvorstand Frank Liske.

Er hat Octavian Ursu schon mal ein Buch geschenkt. Im Oktober hatten Corona-Maßnahmen-Gegner Ministerpräsident Michael Kretschmer, der mit Ursu essen war, auf dem Görlitzer Untermarkt abgepasst. Danach war Liske im Rathaus und übergab Ursu ein Buch - damit der verstehe, worum es den Menschen gehe. Es folgte später eine Einladung zu einer der Montagskundgebungen. Ursu hatte zugesagt. Aber nicht zu einem bestimmten Termin. Aber mit Spontanbesuchen scheinen es die Leute auf dem Sechsstädteplatz selbst nicht so zu haben.

Gegen Impfen, alles Diktatur - alter Themenmischmasch

Dort geht es um altbekannte, immer wiederkehrende Themen: Rückschau auf den jüngsten Autokorso, der am Sonnabend aus vier Städten, auch Görlitz, nach Großschönau führte. "Es war Volksfeststimmung, wie wir das in Zeiten von einer Fake-Pandemie lange nicht mehr gewohnt waren", so Liske. Später wird er, an Ursu gerichtet, sagen, man leugne die Pandemie nicht.

Es gehe um "schwarze Rhetorik" - wie man erkenne, dass die "Eliten" Menschen gegeneinander aufhetzen würden. Applaus für Rednerin Karin und ihre Behauptung, Kinder würden vergewaltigt und traumatisiert, das sei nie wieder gutzumachen. Vermutlich geht es ihr dabei um die Masken- und Testpflicht an Schulen. "Wir sind das Volk!"-Rufe.

Spontanbesuch mögen Corona-Gegner nicht

Und es geht um Octavian Ursu. Schön, dass er da sei, sagt Karin, "nur schade, dass Sie unserer Einladung nicht gefolgt sind. Wir haben nie was von Ihnen gehört, jetzt stehen Sie plötzlich da. Wir hätten so viele Fragen." Nur jetzt will man die offenbar nicht stellen. "Wir können das gerne wiederholen", sagt sie. Dann sollen - hoffentlich - endlich mal die Menschen zu Wort kommen, die hier stehen.

Die Einladung an Ursu und dessen Zusage gab es, so Frank Liske. Nur hatte er offenbar nicht damit gerechnet, dass Ursu tatsächlich zum Sechsstädteplatz kommen würde. Er habe gehofft, dass sich beide Seiten besser vorbereiten könnten, wolle eine Note, die von "Respekt, Anstand und Diskurs" geprägt ist. "Diese Erwartung sehe ich heute nicht umsetzbar." Einen Termin für seinen Besuch habe er tatsächlich nicht angegeben, erklärt Ursu, auch um nicht Gefahr zu laufen, vereinnahmt zu werden nach dem Motto: "Schaut, sogar der OB kommt zu uns."

Am "offenen Mikro" darf Ursu sprechen. Bitte keine Beleidigungen, so Liskes Hinweis vorab ans Publikum. Das scheint nicht selbstverständlich zu sein. "Wir sind keine Corona-Leugner, wir sind keine Covidioten, wir sind keine Judenhasser, wie sind keine Nazis", so Liske. "Wir stehen nicht hier, weil wir jemanden ärgern wollen, sondern weil wir geärgert werden." Applaus. Und dennoch achte man die, die nicht ihrer Meinung sind. Aber nicht das Virus mache den Schaden, der zu beklagen ist, sondern die Maßnahmen wie Maske tragen, Hände desinfizieren, Einsamkeit, auch Impfschäden.

Keine Diktatur? Buh!

Am Anfang bekommt Octavian Ursu sogar etwas Applaus. Als er erklärt, dass es ihm lieber wäre, man würde sich bei Lockerungen oder Verschärfungen nach der Bettenbelegung in den Kliniken richten, nicht nur nach den Inzidenzwerten. Er sei auch für Schulöffnungen.

"Sie sprechen von der Wahrung von Grundrechten", sagt Ursu und erzählt kurz von seiner Studentenzeit in Bukarest. Die Revolution in Ostdeutschland sei friedlich verlaufen, die Rumänische Revolution im Dezember 1989 nicht: "Ich habe als junger Mann einen blutigen Volksaufstand erlebt. Ich bin zwischen Panzern gerannt." Er habe Kommilitonen gekannt, die auf der Straße blieben. "Ich kann gut einschätzen, was eine Diktatur ist und was nicht." Dass die Teilnehmer auf dem Sechsstädteplatz stehen können, dass man unterschiedliche Dinge sagen könne, sei für ihn der Beweis, dass keine Diktatur herrsche. Buhrufe, Pfiffe.

"Wir wollen Meinungen austauschen und müssen das auch aushalten, wenn wir fair miteinander umgehen wollen", sagt er. Wenn man die Lage im Dezember in den Görlitzer Krankenhäusern und im Krematorium erlebt habe, wisse man, "dass eine besondere Lage herrscht und viele Dinge nicht erfunden sind."

Gekommen für Bestätigung

Ursu verbreitet aber auch Zuversicht. Er gehe davon aus, dass sich die Lage in den kommenden Wochen bessern werde, sagt er, auch durch den Impffortschritt. Er appelliert, zum Beispiel die Händler zu unterstützen, die Click & Collect anbieten. "Aber nur ohne Test", ruft eine Frau aus der Menge. Die Flyer, die die Stadt für die beteiligten Händler drucken ließ, lässt Ursu verteilen.

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Er bereue es nicht, hingegangen zu sein, sagt er später. Die Menschen auf dem Sechsstädteplatz seien Teil der Görlitzer Bevölkerung. "Aber ich habe den Eindruck, die Menschen, die sich dort versammeln, tun das, um bestätigt zu werden."

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