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Unkraut? Giftig? Unsinn, das kann man essen!

In ganz Görlitz wachsen Pflanzen, die man in der Küche verwenden kann. Alena Beckova kennt sich damit aus – und hat gute Erfahrungen gemacht.

Alena Beckova hat früher im Wald gelebt und weiß deshalb, welche Pflanzen man essen kann. Zum Beispiel die angeblich giftigen Früchte der Eberesche, auch Vogelbeeren genannt.
Alena Beckova hat früher im Wald gelebt und weiß deshalb, welche Pflanzen man essen kann. Zum Beispiel die angeblich giftigen Früchte der Eberesche, auch Vogelbeeren genannt. © Nikolai Schmidt

Wenn man mit Alena Beckova einen Spaziergang durch Görlitz macht, schämt man sich fast ein bisschen. An Straßenrändern, auf Wiesen, im Park, am Friedhof – überall entdeckt sie Pflanzen, die man selber als Unkraut abtun würde, auf keinen Fall benennen könnte oder gar nicht erst wahrnehmen würde. Alena Beckova, Stadtführerin und Betreiberin der "Galerie Alena" an der Ecke Langenstraße, Verrätergasse, kennt selbst das unscheinbarste Pflänzchen und weiß, wie es schmeckt. 

Fündig wird man überall

"Das ist Labkraut, nicht lecker, aber essbar", sagt sie auf dem grünen Dreieck zwischen Büttnerstraße und Helle Gasse. "Das ist Wiesensalbei", benennt sie eine Pflanze mit kleinen lila Blüten, die wie echter Salbei als Heilpflanze gilt. "Und das ist Echter Dost, der einheimische Oregano." So geht es die ganze Zeit: Sauerampfer, Löwenzahn, Wegerich, Habichtskraut, Vogelmiere, Distelwurzel, Gänseblümchen – alles kann man essen. "Vielleicht sollte man nicht gerade auf dieser Wiese pflücken gehen, wo viele Hunde an der langen Leine unterwegs sind", sagt Alena Beckova, "aber fündig wird man überall in Görlitz."

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Schon in ihrer Kindheit in Tschechien war sie gern in der Natur, interessierte sich für Kräuter und was man damit machen kann. Später lebte sie mit Mann und Kind in der Gegend am Jeschken in einem Haus mitten im Wald. Dort beschäftigte sie sich umso mehr damit, was man sammeln und essen kann. 

Gesammelte Samen und Klee im Salat

"Hier stehen wir unter einer Ulme", sagt sie auf der kleinen Anhöhe gegenüber des Restaurants Dreibeiniger Hund. "Deren Samen sammle ich oft." Das sind kleine Blättchen mit einer Frucht in der Mitte, die als Nuss gilt und auch so schmeckt. Gewöhnlichen Klee pflückt Alena Beckova und sagt, er sei nicht nur etwas für Kühe, sondern auch lecker im Salat. Die süßen Blüten sowieso, aber auch die Blätter.

Am Brunnen vorm Nikolaiturn wächst eine Eberesche mit leuchtend orangeroten Beeren. "Alles giftig, nur etwas für Vögel", hat man als Stadtkind beizeiten beigebracht bekommen. Alena Beckova sagt: "Stimmt, aber nur bis vor dem ersten Frost." Jung und roh können die Beeren Übelkeit auslösen, aber mit dem Frost zerfallen die unerwünschten Stoffe und es entsteht Sorbit, bekannt als zuckerfreier Süßstoff. Das passiert auch beim Erhitzen. Deshalb könne man sogar Marmelade aus den Beeren kochen, sagt Alena Beckova. Genau wie aus den Beeren des Sanddornstrauches, der zahlreich am Berzdorfer See gedeiht.

Hinterm Finstertor findet sie eine Pflanze, die Glaskraut heißt und natürlich auch gegessen werden kann. Vor allem aber war deren Asche früher als Putzmittel beliebt, weil sie Glas zum Glänzen brachte. 

Paniertes Holunderschnitzel

Und was es alles noch so gibt! Holunder ist bekannt: Sirup, Tee, Limonade und Sekt aus Blüten, Saft oder Wein aus den Beeren. Aber panieren? "Holunderblütendolden kann man essen wie Schnitzel", sagt Alena Beckova. In Ei und Mehl oder Semmelbrösel wälzen, braten, fertig. 

Oder Brennnesseln, die kennt man als Tee. Alena Beckova geht lieber durch die Wiesen und sammelt sie für Salat oder lieber noch für ein warmes Essen: "Man kann Brennnesseln wie Spinat zubereiten", sagt sie. Dann gehe auch das Brennen verloren. Jetzt, wenn die Pflanze blüht, könne man die Nesseln auch trocknen und später die Samen verwenden.

Geschichten von Pflanzen

Zur Brennnessel erzählt sie gern eine Geschichte: Ihr früherer Nachbar, der Pole war, hielt sich als Kind im Zweiten Weltkrieg mit einer Gruppe anderer Jungen zwischen den deutschen und den russischen Truppen versteckt. "Er sagte immer, die Brennnessel habe ihm das Leben gerettet", sagt Alena Beckova, "sie hat ihn vorm Verhungern bewahrt." 

In ihrer zweiten Geschichte geht es um den Instinkt von Tieren. Lange habe sie versucht, Kaninchen zu züchten, doch immer wieder wurden die Tiere im Stall krank, auch der Tierarzt wusste keinen Rat. Eines Tages setzte sie die Kaninchen auf die Wiese, und wie von selbst fanden sie die Kräuter, die ihnen halfen, wieder gesund zu werden.

Kräutertrank schmeckt nach Wiese

So hat sich Alena Beckova auch mit der Heilwirkung von Pflanzen beschäftigt. "Aber da ich weder Kräuterpädagogin noch Heilpraktikerin bin, behalte ich dieses Wissen für mich." Auch in den Kräuterführungen durch Görlitz, die sie seit einigen Jahren, das nächste Mal wieder im Frühjahr anbietet, geht es nicht ums Heilen, sondern ums Essen.

Aus eigener Erfahrung kann Alena Beckova aber sagen, dass es ihr gesundheitlich wesentlich besser geht, seit sie täglich gesammelte Kräuter zu sich nimmt. "Prost" oder besser "Auf die Gesundheit" ist also durchaus angebracht, wenn man in ihrem kleinen Garten an der  Verrätergasse sitzt und ein Tässchen ihres Kräutersuds angeboten bekommt. Er schmeckt, wie frisch geschnittener Rasen duftet. Da ist Klee drin, Gras von der Wiese, Hibiskus, Brennnessel und was Alena Beckova gerade noch so in ihrem Garten gefunden hat.

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