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Görlitz will Straßen für Autos sperren

Die Stadt Görlitz plant einen Verkehrsversuch. Die Ideen kommen von den Bürgern selbst. Mindestens drei Straßen betrifft es.

Für das Straßenfest „Deine Jakobstraße feiert!“ – hier 2018 – wurde die untere Jakobstraße schon voll gesperrt.
Für das Straßenfest „Deine Jakobstraße feiert!“ – hier 2018 – wurde die untere Jakobstraße schon voll gesperrt. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Die untere Jakobstraße voller Menschen – und ohne ein einziges Auto. Was beim Straßenfest „Deine Jakobstraße feiert!“ schon Realität war, soll im Frühling zum Dauerzustand werden. Also nicht gleich für immer, aber zumindest erst einmal für einige Wochen oder Monate.

„Das war ein Wunsch von Görlitzern“, erklärt Bürgermeister Michael Wieler. In jedem Stadtteil hat das Rathaus im Sommer zu einer Bürgerversammlung eingeladen, bei der es auch um ein Gesamtverkehrskonzept für Görlitz ging. Bis auf zwei Termine, an denen er verhindert war, hat Wieler überall teilgenommen – und die Wünsche der Leute zu hören bekommen.

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In der Görlitzer Bismarckstraße gab es auch früher schon Vollsperrungen. Das Foto entstand im Januar 2018, als die Sicherung des einsturzgefährdeten Hauses Bismarckstraße 29 begann.
In der Görlitzer Bismarckstraße gab es auch früher schon Vollsperrungen. Das Foto entstand im Januar 2018, als die Sicherung des einsturzgefährdeten Hauses Bismarckstraße 29 begann. © Archivfoto: Pawel Sosnowski

Das Thema Verkehrsberuhigung sei überall angesprochen worden, sagt er: „Teilweise kamen auch ganz konkrete Vorschläge von Bürgern, beispielsweise die Sperrung der unteren Jakobstraße oder der Bismarckstraße für den motorisierten Verkehr.“ Das könnte eine Aufwertung für die Wohnungen in diesen Straßen bringen.

Beides will die Verwaltung jetzt mit einem Verkehrsversuch testen. Und mindestens noch eine dritte Veränderung: Am Ostring in Königshufen. „Dort hatten Bürger eine Einbahnstraße angeregt und auch das wollen wir mal versuchen“, sagt Wieler. Eventuell kommen auch noch weitere Straßen hinzu. Nach den Bürgerversammlungen seien nämlich noch 20 bis 30 weitere Anregungen von Bürgern eingegangen. Die seien noch nicht komplett ausgewertet. Aber falls dort auch noch ein realistischer Vorschlag dabei sein sollte, könnte auch dieser ausprobiert werden.

Manche Details stehen noch nicht fest, beispielsweise der genaue Termin des Verkehrsversuches. „Wir starten auf jeden Fall erst, wenn kein Schnee mehr zu erwarten ist“, sagt Wieler. Beides gleichzeitig – Verkehrsversuch und winterliche Einschränkungen – will die Stadt nicht riskieren.

Ebenfalls noch nicht geklärt ist, ob alles gleichzeitig oder besser nacheinander umgesetzt wird. Jakobstraße und Ostring kann man problemlos gleichzeitig machen, sagt Wieler: „Das beeinflusst sich nicht.“ Aber bei Jakob- und Bismarckstraße könnte es anders aussehen, sodass das vielleicht besser nicht gleichzeitig passieren wird.

Umstellung auch im Unterbewusstsein

Auch noch offen ist die Dauer des Verkehrsversuches. „Das wird sicher nicht nur für eine Woche sein“, sagt Wieler. Schließlich solle sich das Verkehrsverhalten der Menschen tatsächlich umstellen. „Vielleicht wären zwei bis drei Monate pro Versuch gut, damit man sich auch im Unterbewusstsein umstellt“, überlegt der Bürgermeister. Am Ende werde das Rathaus das ohnehin nicht allein entscheiden: „Wir stellen es zunächst den Stadträten vor und lassen sie darüber abstimmen.“

Wichtig ist Wieler, dass nicht einfach nur Straßen gesperrt werden, sondern dass vorab auch ein gutes Konzept erarbeitet wird, wie der Verkehr stattdessen geführt werden soll: „Das muss auf jeden Fall passieren, sonst hat es keinen Sinn.“

Am Ostring in Königshufen ist alles zugeparkt: Anwohner Gerhard Heinig ärgert sich über die Situation. Nun soll es auch hier einen Verkehrsversuch geben.
Am Ostring in Königshufen ist alles zugeparkt: Anwohner Gerhard Heinig ärgert sich über die Situation. Nun soll es auch hier einen Verkehrsversuch geben. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Nicht geplant sind ganz grundsätzliche Eingriffe wie zum Beispiel eine andere Führung von Buslinien, um den ÖPNV dort zu stärken, wo der Individualverkehr reduziert wird, oder gar eine gänzlich autofreie Altstadt. „So krasse Veränderungen sind zumindest auf den ersten Hieb nicht nötig“, hätten auch viele Menschen in den Bürgerversammlungen gesagt.

Wieler rechnet trotzdem damit, dass es auch Kritik geben wird. Einerseits von Autofahrern, aber andererseits auch von Ladeninhabern. Zur Erinnerung: Als die Bismarckstraße in den vergangenen Jahren wegen einsturzgefährdeter Häuser teilweise komplett, teilweise halbseitig gesperrt war, gab es viel Unmut unter den Ladeninhabern. Viele verloren ganz massiv Umsätze, weil der Durchgangsverkehr fehlte – also Menschen, die „eben mal kurz ranfahren“, um Brot und Brötchen, Wurst, Blumen oder einen Döner zu holen. Gab es den Verkehrsversuch auf der Bismarckstraße also nicht schon längst? „Ja, aber das wurde damals noch nicht ausreichend dokumentiert“, hält Wieler entgegen.

Anwohner dürfen weiter rein

Sperrung bedeute ohnehin nicht, dass gar niemand mehr rein darf. Anwohner können zum Be- und Entladen auch weiterhin vorfahren, Lieferfahrzeuge ebenso. Aber Wieler will auch gar nicht abstreiten, dass so ein Verkehrsversuch für Ladeninhaber durchaus ein Nachteil sein kann: „Ja, das ist so, und damit können wir auch nur begrenzt umgehen.“ Aber allen recht machen könne es die Stadt nicht. Die Sperrungen seien schließlich von Einwohnern vorgeschlagen worden: „Es gibt also Bürger, die sich ihre Stadt anders wünschen.“ Und wenn man nichts mache, dann verändere sich auch nie etwas: „Es ist ein Projekt, das einem möglichen Wandel in der Stadtgesellschaft nachspürt.“ Und er habe den Eindruck, dass sich etwas verändert.

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Am Ende will die Stadt auch konkrete Öffentlichkeitsarbeit für den Verkehrsversuch machen: „Wir wollen es als Werbemaßnahme dafür einsetzen, dass wir uns mit dem Gesamtverkehrskonzept auseinandersetzen.“ Ein konkretes Budget steht für die Verkehrsversuche aber nicht zur Verfügung: „Wir müssen das trotzdem irgendwie hinkriegen“, sagt Wieler. Damit wolle er sich beschäftigen, wenn die einzelnen Maßnahmen durchgeplant sind: „Ich denke, dass es im ersten Quartal des neuen Jahres konkret wird.“

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