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Nachfahren erinnern an Görlitzer Juden

Das Gedenken an die Reichspogromnacht 1938 muss mit immer weniger Zeitzeugen auskommen. Ein Video bewahrt die Erinnerung der Nachkommen.

Erinnern an die früheren jüdischen Mitbewohner hat in Görlitz Tradition: Dieses Jahr kann der Gedenkmarsch von der Frauenkirche zur Synagoge aber coronabedingt nicht stattfinden. Eine Gedenkveranstaltung gibt es aber trotzdem.
Erinnern an die früheren jüdischen Mitbewohner hat in Görlitz Tradition: Dieses Jahr kann der Gedenkmarsch von der Frauenkirche zur Synagoge aber coronabedingt nicht stattfinden. Eine Gedenkveranstaltung gibt es aber trotzdem. © Nikolai Schmidt

Viele Erinnerungen an Charles Wolfgang Arnades Kindheit in Görlitz sind nicht überliefert. "Er hat darüber nie viel gesprochen", erzählt Peter Arnade, sein Sohn. Er wiederum hat seine Kindheit in Florida, Indien, Afrika verbracht. Charles Wolfgang, ursprünglich Karl-Wolfgang Arnade war Historiker in den USA. Sein Beruf brachte ihn und seine Familie auch für etwa fünf Monate nach Osteuropa, "und das Ende dieser Reise führte uns auch nach Görlitz", erzählt Peter Arnade. 

Was dieser kurze Görlitz-Besuch in seinem Vater auslöste, erzählt Peter Arnade in einem Video, in dem Nachfahren von vier jüdischen Görlitzer Familien zu Wort kommen.

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Echtes Treffen derzeit nicht möglich

Die meisten von ihnen leben heute in den USA, teils in Großbritannien. Eigentlich sollte es ein echtes Zusammentreffen geben, erzählt Lauren Leiderman, die sich für die jüdische Geschichte in Görlitz engagiert. Die Coronapandemie hat das aber unmöglich gemacht. Deshalb hat Lauren Leiderman in den vergangenen Wochen und Monaten ein Zusammenkommen auf digitalem Weg organisiert, in einer Online-Diskussion.  Am 9. November stellt sie es ins Internet. 

Lauren Leiderman erinnert in ihrem Videoprojekt an die Görlitzer Juden.
Lauren Leiderman erinnert in ihrem Videoprojekt an die Görlitzer Juden. © privat

Es ist ein besonderer Montag, denn am 9. November 1938 brannten in Deutschland die Synagogen, wurden jüdische Menschen misshandelt und zu Tausenden in Schutzhaft genommen. Doch je weiter dieses Datum in der Geschichte versinkt, umso geringer ist die Zahl der Menschen, die sich noch aus eigenem Erleben an das Geschehen erinnern können. Die Generation der Zeitzeugen stirbt aus.

Sohn eines Görlitzer Rabbiners 2019 gestorben

So wie beispielsweise John Katten. Als Hans Katten wurde er 1928 in Görlitz geboren. Sein Vater kam 1924 nach Görlitz und übernahm das Amt des Rabbiners bis 1929. Anschließend zog die Familie weiter nach Bamberg, wo sie den 9. November erlebten. Hans Kattens Vater wurde in dieser Nacht ins Konzentrationslager Dachau verschleppt, als er nach einigen Wochen des Martyriums zurückkehrte, war der Soldat des Ersten Weltkrieges überzeugt, dass in Deutschland für sie keine gute Zukunft bestand. So tat er alles für die Emigration seiner Familie. Kurz vor Ausbruch des Zeiten Weltkrieges gelang die Flucht nach England, nur nicht für die Großmutter von Hans Katten. Sie lebte in einem Altenheim, als die Nazis sie rausholte und nach Theresienstadt deportierte, wo sie ums Leben kam. Für die Familie ein Trauma. Hans Katten, der sich nach der Emigration John nannte und ein bekannter Architekt wurde, siedelte schließlich nach Israel um, wo er - wie erst in diesem Jahr bekannt wurde - 2019 starb.

John (Hans) Katten lebte zuletzt bei Tel Aviv. Er starb 2019.
John (Hans) Katten lebte zuletzt bei Tel Aviv. Er starb 2019. ©  privat

In seinen letzten Lebensjahren wollte John Katten eigentlich mit seinen Söhnen nach Deutschland kommen, vor allem nach Bamberg. Aber er schloss auch einen Abstecher nach Görlitz nicht aus. Ob seine Nachkommen die Reise auf sich nehmen?

Dass die Überlebenden des Holocausts gleich nach dem Krieg häufig nichts mehr mit Deutschland zu tun haben wollten, ist angesichts der Verfolgungen im Dritten Reich verständlich. Es war das Land der Mörder ihrer Familien. Doch häufig stellten dann die Kinder Fragen nach der Herkunft, nach der Familiengeschichte. Verdrängtes brach auf, und nicht wenige nahmen allen Mut zusammen und reisten in die Orte, wo ihre Familien so viel Unrecht erleiden mussten.

So wie auch Karl-Wolfgang Arnade. Er war der Sohn von Kurt Arnade, der gemeinsam mit seinem Bruder Paul nach 1919 die Arnade-Kofferfabrik im damaligen Görlitzer Stadtteil Moys, heute zu Zgorzelec gehörig, führte. Paul und seine Frau Margarete Arnade wurden 1942 über das Lager Tormersdorf ins KZ Theresienstadt gebracht, wo Paul Arnade noch im selben Jahr starb. Seine Frau Margarete, ihr Sohn Herbert mit seiner Frau Katja und deren kleines Kind Uriel wurden 1944 im KZ Auschwitz ermordet

Nach Jahrzehnten zurück in Görlitz

Kurt Arnade aber gelang die Flucht mit seiner Familie über China, die Schweiz, Bolivien und später in die USA. Sein Sohn Karl-Wolfgang wurde Historiker, lehrte über 40 Jahre an der University of South Florida in Tampa. Ein Mann, erzählt sein Sohn Peter, der sehr international gedacht hatte, äußerst viel durch Vorträge und Gastprofessuren reiste. Dennoch sei der Besuch in Görlitz 1975 nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. 

"Ich glaube, es war eine sehr emotionale Reise, weil er nie zuvor zurückgekehrt war." Viel habe sich die Familie in dieser Zeit mit den Schicksalen andere Familienmitglieder, die etwa in Auschwitz und Theresienstadt starben, beschäftigt. "Als wir in die USA zurückkehrt sind, hatte sich etwas in ihm verändert. Er begann Deutsch zu sprechen, was ich nie bei ihm gehört hatte bis zu dieser Reise. Spanisch und Englisch waren seine Sprachen." Mehrfach sei sein Vater dann auch nach Israel gereist und begann Ende der 70er-Jahre zum Holocaust und anderen Genoziden in der Welt zu lehren.

Video hält Erinnerung wach

Peter Arnade ist einer der Nachkommen von vier Familien, die in Leidermans Video zu Wort kommen. Judi Hannes Mendelsohn, die Urenkelin von Amanda und Max Hannes, ist eine andere Zeitzeugin. Ihre Urgroßeltern kamen in den 1890er-Jahren nach Görlitz und bauten ein Lederwarengeschäft auf. Max Hannes starb 1918, Amanda Hannes wurde Ende 1941 nach Tormersdorf deportiert, wo sie vermutlich aufgrund der Strapazen im Lager starb.

Lauren Leidermans Video schafft zum 9. November etwas, was immer drängender wird: Es hält die Erinnerung an die jüdischen Mitbürger von Görlitz wach. Auch die Stadt fühlt sich dem verpflichtet und wird am 6. Dezember das Kulturforum in der ehemaligen Synagoge eröffnen. Coronabedingt aber können das traditionelle Gedenkgebet in der Frauenkirche und das Gedenken vor der Synagoge nicht wie gewohnt stattfinden.

Stattdessen wird die Gedenkveranstaltung auf der Facebook-Seite von OB Octavian Ursu ab 18 Uhr übertragen und im Anschluss der Veranstaltung zudem auf dem YouTube-Kanal der Stadtverwaltung Görlitz als Video verfügbar sein. Bei der Veranstaltung werden Oberbürgermeister Octavian Ursu, Generalsuperintendentin Theresa Rinecker, Bischof Wolfgang Ipolt sowie Dr. Markus Bauer, Vorsitzender des Förderkreises Görlitzer Synagoge, sprechen.

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