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Corona: Wie das Abwasser in der Pandemie kostbar wird

Die Stadtwerke Görlitz nehmen an einem bundesweiten Projekt teil: Dabei werden Coronaviren im Abwasser nachgewiesen - wo sich die Corona-Wellen zuerst ankündigen.

Von Sebastian Beutler
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Eine solche Wasserprobe, wie sie die Mitarbeiterin des Klärwerkes Görlitz zeigt, enthält Antworten auf den Verlauf der Corona-Pandemie.
Eine solche Wasserprobe, wie sie die Mitarbeiterin des Klärwerkes Görlitz zeigt, enthält Antworten auf den Verlauf der Corona-Pandemie. © Martin Schneider

Die Inzidenzen gehen in Görlitz durch die Decke. Das Coronavirus zirkuliert wieder verstärkt in der Bevölkerung, die Pandemie ist zurück.

Viele im Gesundheitswesen spüren das: in die Praxen kommen verstärkt Patienten mit Symptomen, die Labore müssen wieder mehr PCR-Tests auswerten, das Kreis- Gesundheitsamt zählt viele Neuinfektionen. Doch ehe diese Kette ins Laufen gerät, haben die Görlitzer Stadtwerke bereits verlässliche Hinweise darauf, dass die Inzidenz an Stärke wieder zunimmt.

Der Versorger entnimmt diese Informationen einer Flüssigkeit, über die viele nur die Nase rümpfen: das Abwasser. Für Stadtwerke-Chef Matthias Block ist es zu Unrecht bei vielen negativ belegt. "Für uns ist es eine Ressource, aus der wir viele Informationen gewinnen, die für uns aber auch ein Energieträger ist".

Klarer Zusammenhang mit Pandemie

Vor einem halben Jahr begannen die Stadtwerke einmal in der Woche eine Probe dem Abwasser zu entnehmen und auf Coronaviren zu untersuchen. Damit beteiligen sie sich an einem Pilotprojekt der Veolia-Gruppe, die Haupteigentümer des Görlitzer Versorgers ist. Zehn kommunale und eine industrielle Kläranlage in Bayern, Brandenburg, Niedersachsen, Sachsen und Sachsen-Anhalt nehmen an der Studie teil.

Dabei werden die Proben auf DNA-Spuren des Coronavirus untersucht. Das können nur einige Labore in Deutschland, weswegen die Stadtwerke die Proben zu speziellen Referenzlaboren einsenden. Was sie von denen zurückerhielten, bestätigte Matthias Blocks Vermutung, dass die Informationen aus dem Abwasser ein Frühwarnsystem in der Pandemie ergeben. Beim Vergleich mit den Daten des Robert-Koch-Instituts konnte ein klarer Zusammenhang festgestellt werden. "Wir haben uns das sechs Monate lang angeschaut", sagt Sacha Caron, Prokurist und Vertriebsleiter bei den Stadtwerken, "und können sehen, dass die Konzentration von DNA-Material der Coronaviren im Abwasser etwa zehn Tage früher ansteigt, bevor die Inzidenzwerte klettern".

Bundesweite Pilotprojekte im Blick

Dass sich Spuren der Coronaviren im Abwasser befinden, ist nicht überraschend. Wie andere Krankheitserreger auch, scheidet der Mensch Teile der Viren aus. Die Untersuchungen des Abwassers reagieren auch schon bei niedrigen Inzidenzen empfindlich auf die Coronavirus-Spuren.

Wenn es wirklich funktionierte, wäre es ein vergleichsweise billiges Vorwarnsystem. Während für die kostenlosen Corona-Tests bis Juli dieses Jahres rund 3,7 Milliarden Euro aufgewendet werden mussten und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer bei der Wiedereinführung der kostenlosen Tests mit einer Milliarde Euro Aufwand pro Monat rechnet, kosteten die Untersuchungen des Abwassers pro Kläranlage rund 25.000 Euro, hochgerechnet aufs ganze Land könnten das rund 56 Millionen Euro pro Jahr sein, um 91 Prozent der Bevölkerung abzudecken.

Auch die Gesundheitsbehörden verfolgen die Pilotprojekte mit Aufmerksamkeit. So haben sich das Bundesgesundheits-, das Bundesumwelt- und das Bundesforschungsministerium auf ein Projekt zum Abwassermonitoring verständigt. Damit soll geklärt werden, ob es Sinn hat, das Abwasser bundesweit auf Coronaviren zu untersuchen. Geprüft wird nach Angaben des Sozialministeriums in Dresden das Kosten-Nutzen-Verhältnis, aber auch, ob die Ergebnisse der Laboruntersuchungen etwas zur Eindämmung der Pandemie beitragen kann.

Das Kreis-Gesundheitsamt in Görlitz verfolgt die Pilotversuche ebenso. Nach dessen Erkenntnissen schwankt die Vorhersagefrist der Daten aus dem Abwasser zwischen zwei und zehn Tagen. Um die Informationen in die Arbeit des Gesundheitsamtes einfließen lassen zu können, so erklärt Kreis-Sprecherin Julia Bjar gegenüber der SZ, bedürfe es eines flächendeckenden Einsatzes sowie daraus abgeleiteter Indikatoren. So sieht es auch das Städtische Klinikum in Görlitz. Deren Sprecherin Katja Pietsch bestätigt das Interesse des Krankenhauses an solchen Daten einerseits, andererseits sagt sie auch: "Es bleibt abzuwarten, wie ausgewiesene Forschungseinrichtungen die Datenlage auswerten und gegebenenfalls zu einer entsprechend wissenschaftlich belegten und damit vielleicht nutzbaren Hypothese ausweiten."

Stadtwerke machen aus Klärgas und Klärschlamm Energie und Wärme

Natürlich ist auch Stadtwerke-Vorstand Matthias Block bewusst, dass die Daten aus dem Abwasser in der Görlitzer Kläranlage nur ein ergänzender Hinweis auf die epidemiologische Lage sein kann. "Aber wir würden gern in einen Austausch mit den Gesundheitsbehörden, mit Krankenhäusern oder auch Altenheimen treten, um gemeinsam eine Art Indikator zu entwickeln."

Es wäre ein weiterer Schritt, um die Wertigkeit der Ressource Abwasser zu belegen. In der 1997 eingeweihten Anlage im Norden von Görlitz können die Abwässer von 147.000 Einwohnern über ein 347 Kilometer langes Kanalnetz eingeleitet werden. Schon jetzt produziert das Klärwerk aus dem Klärgas, also Methan, sowie dem Klärschlamm mit Partnern in Boxberg Energie und Wärme. Die Kläranlage arbeitet autark: den Strom, den sie benötigt, gewinnt sie selbst.

Coronaviren müssen noch nicht das Ende der "Ausbeutung" des Abwassers sein. Block und Caron können sich auch Nachweise für die Legionellen vorstellen, die schwere Lungenerkrankungen auslösen können, oder von Antibiotika, um Resistenzen auf die Spur zu kommen, oder die frühzeitige Messung von Stickstoffen, um Lachgasemissionen zu verringern - Lachgas ist ein stärkeres Treibhausgas als Kohlendioxid. Für die Stadtwerke könnte Abwasser jedenfalls ein kostbares Gut werden.