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Kreis Görlitz: Hier gründen besonders viele eine Firma

Ein Forschungsinstitut in Bonn hat eine Statistik über Existenzgründungen vorgelegt. Und dabei schneidet der Kreis überraschend gut ab. Dank der Nähe zu Polen.

Peter und Stephan Schaefer machten sich vor Jahren mit ihrer Umzugs- und Hausmeisterfirma Männersache in Görlitz selbstständig.
Peter und Stephan Schaefer machten sich vor Jahren mit ihrer Umzugs- und Hausmeisterfirma Männersache in Görlitz selbstständig. ©  Archivfoto: Nikolai Schmidt

Erstmals seit Jahrzehnten belegt der Kreis Görlitz bei einer bundesweiten Wirtschaftsstatistik einen der ersten Plätze.

Wie das Institut für Mittelstandsforschung in Bonn ermittelte, gab es nirgendwo in Deutschland in den Jahren 2003 bis 2019 so eine hohe jährliche Zunahme an Existenzgründern wie im Landkreis Görlitz.

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Das Verwahren, Strukturieren und Transparent machen von Forschungsergebnissen auf nationaler Ebene ist ein Mammutprojekt – bei dem die TU Dresden ganz vorn mit dabei ist.

Außerdem berechnete das Institut eine sogenannte Gründungsintensität. Dabei werden die Existenzgründungen in Beziehung gesetzt pro 10.000 Menschen im erwerbsfähigen Alter zwischen 18 und 65. Hier liegt der Kreis Görlitz auf Rang drei im Jahr 2019 unter 401 deutschen Landkreisen und kreisfreien Städten. Die Gründungsintensität lag im Kreis Görlitz bei 117,6 - für 2003 lag die Kennzahl erst bei 85,3. Der Kreis Görlitz machte damit 249 Plätze in der Statistik gut. Bundesweit beziffert das Bonner Institut die Gründungsintensität 2019 nur mit 47.

Entwicklung im Kreis Görlitz ist außergewöhnlich

Diese Entwicklung ist selbst für das Institut "außergewöhnlich", weil die Gewerbeämter lediglich in fünf Kreisen in Deutschland mehr Existenzgründungen verzeichneten als in den Vorjahren. Neben dem Kreis Görlitz betrifft das die Städte Leverkusen und Mülheim an der Ruhr (beides Nordrhein-Westfalen) sowie die Kreise Marburg-Biedenkopf (Hessen) und Teltow-Fläming (Brandenburg).

Warum der Kreis Görlitz so gut bei dieser Statistik abschneidet, kann das renommierte Institut, das einst von Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard gegründet wurde und sich der Erforschung und Begleitung des Mittelstands widmet, nicht im Detail erklären. Da der Existenzgründer-Aufschwung im Kreis Görlitz vor allem in den vergangenen fünf Jahren stattfand, können hier der zeitlich befristete Wegfall der Meisterpflicht oder das Gründen aus der Arbeitslosigkeit heraus eine Rolle gespielt haben.

Sonderstellung liegt an den zugezogenen Polen

Doch aus einem anderen Grund nimmt der Kreis Görlitz eine "Sonderstellung" ein, wie es in der Studie heißt. Anders als die weiteren Spitzenkreise grenzt Görlitz an Kreise mit stark negativen Änderungsraten wie Bautzen und im Osten an Polen.

So vermuten die Wissenschaftler, dass der Kreis Görlitz vor allem von ausländischen Unternehmen profitiert habe. Und haben dafür auch einen Hinweis gefunden: Die Finanzämter im Kreis Görlitz verzeichnen deutlich weniger Zugänge von Personen mit gewerblichen Einzelunternehmen als die Gewerbeanzeigenstatistik Existenzgründer. "Ohne aus dem Ausland zuziehende Gründerpersonen im Baugewerbe sollten beide Werte ähnlich hoch sein", heißt es in der Studie.

Die Differenz könnte vor allem auf Personen zurückgehen, die aufgrund der Besonderheiten der Umsatz- und Einkommenssteuererfassung bei ausländischen Unternehmen nicht am örtlichen Finanzamt, sondern zentral erfasst werden. Jedenfalls ist diese Differenz unter den fünf Kommunen mit positiver Entwicklung bei den Existenzgründungen am höchsten im Kreis Görlitz. Und es wäre schlüssig: In den vergangenen Jahren siedelten sich Hunderte EU-Bürger aus Polen vor allem in der Stadt Görlitz an. Von ihnen könnte ein Schub bei den Existenzgründungen ausgegangen sein.

Unterschied zu Kreis Bautzen gewaltig

Wie stark sich die Existenzgründerintensität im Kreis Görlitz entwickelt hat, wird auch an den Zahlen des Kreises Bautzen deutlich. Hier liegt sie 2019 nur bei 26,2 (Görlitz: 117,6). 2003 konnte Bautzen immerhin noch eine Intensität von 86,1 verzeichnen und lag damit knapp vor Görlitz mit 85,3. Die Folge jetzt: Der Kreis Bautzen rutscht unter den 401 gelisteten Kreisen und kreisfreien Städten von Platz 242 auf 396 zurück - es folgen dann nur noch fünf Kreise in Deutschland, die schlechter sind.

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