merken
PLUS Großenhain

Auf dem Bau wird Material teuer und knapp

Bis zu einhundert Prozent höhere Preise bereiten der Branche Kopfzerbrechen. Auch Großenhainer Betriebe bekommen die Auswirkungen der Krise zu spüren.

Düstere Aussichten für die Baubranche: Die Preise steigen und Material ist teilweise Mangelware. Auch die Großenhainer machen sich Gedanken, wie es weitergeht.
Düstere Aussichten für die Baubranche: Die Preise steigen und Material ist teilweise Mangelware. Auch die Großenhainer machen sich Gedanken, wie es weitergeht. © Kristin Richter

Großenhain. Ralf Keul kann ein Lied davon singen. Der beliebte Unterhaltungskünstler muss innerhalb kürzester Zeit sein Grundstück bebauen- sonst wird es anderweitig vergeben. Der Familienvater stürzt sich beherzt, aber leider völlig unerfahren in das Vorhaben eigene vier Wände, welches innerhalb weniger Tage zum Abenteuer gerät. Ununterbrochen am Rande des Nervenzusammenbruchs, kämpft er mit der überaus schwierigen Beschaffung des Materials, dem Transport von Zement und Co. - von den kaum zu bekommenden Handwerkern ganz zu schweigen.

Wandern
Schritt für Schritt
Schritt für Schritt

Gerne an der frischen Luft und immer in Bewegung? Wanderwege, Tipps und Tricks finden Sie hier.

Was Ralf Keul oder vielmehr einer der beliebtesten Schauspieler der ehemaligen DDR, Rolf Herricht, seinerzeit im illustren Kinoklassiker "Der Baulöwe" erleben musste, gewinnt in diesen Coronatagen an neuer Aktualität. Mehr als 40 Jahre später wirbelt die Pandemie den Markt durcheinander und sorgt auch auf hiesigen Baustellen kräftig für Probleme. Die Preise für das Material seien ab Mitte März teilweise dramatisch angestiegen. Während der Bundesverband Farbe Gestaltung und Bautenschutz eine beispiellose Welle von Erhöhungen bei Rohstoffen und Materialien für den Ausbau bescheinigt, müsse der Häuslebauer etwa für Wärmedämmung rund 50 Prozent mehr an Kosten einrechnen. "Die Situation ist dramatisch! Für Materialien wie Holz und Stahl sind die weltweiten Lieferketten komplett gestört. Es gibt Preissteigerungen von einhundert Prozent", beschreibt Handwerkskammerpräsident Jörg Dittrich am Mittwoch die Lage.

Und damit nicht genug. Obgleich ausreichend Aufträge vorhanden wären, gebe es inzwischen Engpässe beim Baumaterial. Vor allem bei Bauholz, Kunststoffrohren und Dämmmaterialien seien bisher nie gekannte Lieferprobleme nichts Ungewöhnliches. "Glücklicherweise arbeiten wir mit unseren Händlern bereits seit 30 Jahren sehr gut zusammen und mussten deshalb noch nicht mangels bestimmter Werkstoffe die Arbeiten unterbrechen", betont Clemens Grafe.

Der 26-jährige, welcher seit gut anderthalb Jahren gemeinsam mit seinem Vater die Geschicke des Traditionsunternehmens Grafe Bau in Stroga lenkt, macht keinen Hehl daraus, dass sich sowohl der Preisunterschied als auch die Bestellung der Materialien auf die innerbetriebliche Organisation auswirken. In der Verantwortung für über 30 Mitarbeiter, die auf sechs bis sieben Baustellen im Landkreis Meißen sowie Dresden tätig seien und nicht zuletzt im Wort bei den Auftraggebern stehend, wäre da weitsichtige Planung angebracht. Immerhin sei man bestrebt, die mit dem Bauherren vereinbarten Preise bei den jeweiligen Projekten gewohnt verlässlich einzuhalten.

"Der Baulöwe", mit dem beliebten Schauspieler Rolf Herricht in der Hauptrolle, begeisterte 1980 das Kinopublikum in der ehemaligen DDR.
"Der Baulöwe", mit dem beliebten Schauspieler Rolf Herricht in der Hauptrolle, begeisterte 1980 das Kinopublikum in der ehemaligen DDR. © Foto: Screenshot

Ein gegenwärtig wohl nahezu unmögliches Unterfangen, angesichts der nahezu wöchentlich explodierenden Kosten. Dennoch möchte Ulrich Weber nicht gleich ganz so pessimistisch rangehen. Der Geschäftsführer der gleichnamigen GmbH mit Sitz in Großenhain hofft, dass die natürlich zu spürenden Engpässe nicht von langer Dauer sein mögen und sich der Markt wieder berappelt. Nichtsdestotrotz seien allerdings Kunststoffrohre und Metallwaren ein gefragtes und zunehmend rares Gut. Tätig auf sechs Baustellen, müsse mit Weitsicht im Voraus geordert werden und für den Fall der Fälle, die Beschaffungskrise halte doch länger an, altbewährte Vorratswirtschaft betrieben werden.

Gedanken, die sich nicht nur von Amtswegen auch Tilo Hönicke macht. Großenhains Stadtbaudirektor betrachtet nach eigenem Bekunden die heraufziehende Problemflut mit großer Sorge. Nicht nur wegen der vier Baustellen, die von der Stadt in eigener Regie betrieben werden. Nein, auch um all die ortsansässigen Baubetriebe, Handwerker und Märkte, welche mit entsprechenden Produkten handeln, mache er sich intensiv Gedanken. "Sie alle tragen schließlich die Hauptlast! Wenn es kein Material gibt, werden die Beschäftigten unter Umständen in Kurzarbeit geschickt und die Kosten für bestimmte Vorhaben explodieren", befürchtet Tilo Hönicke.

Weiterführende Artikel

Droht dem Bau ein Supergau?

Droht dem Bau ein Supergau?

Weniger öffentliche Aufträge und Material: Corona macht es auch großen Baufirmen wie der Osteg aus Zittau schwer. Die Lage auf dem Bau könnte kritisch werden.

Stadträte streiten um Ersatzneubau

Stadträte streiten um Ersatzneubau

Die Preis-Steigerung bei Baustoffen lässt Lücken in Auftragslosen für die neue Kita. Nun ringt man bei der Chladeniusstraße um das beste Herangehen.

Handwerk klagt über horrende Preise

Handwerk klagt über horrende Preise

Akuter Materialmangel und hohe Einkaufspreise machen nicht nur dem Bau zu schaffen. Jetzt soll es die Politik richten.

Eine zwangsläufige Folge, die Bauherren und Auftragnehmer gleichermaßen hochgradig verunsichern. Firmen, die etwa von der Stadt Großenhain den Zuschlag für ein Projekt bekämen, würden Materialien bestellen und finanzielle Ausgaben tätigen. Wenn alle Abläufe plötzlich ins Stocken gerieten, könnten diese Unternehmen unverschuldet in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten. "So weit würden wir es selbstverständlich nicht kommen lassen! Deshalb sind wir auch in Großenhain gut beraten, uns frühzeitig auf mögliche Szenarien einzustellen. Und das werden wir natürlich tun", versichert Tilo Hönicke.

Immerhin möchte man allen Beteiligten ersparen, was nur im Kino dank des Baulöwen ein echter Schenkelklopfer gewesen ist - von der Hand in den Mund zu leben.

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Großenhain