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Bei minus 35 Grad frieren auch die Russen

Der Berliner Harald Jancke plauderte bei einem gut besuchten Kamingespräch auf Schloss Lauterbach über seine Kindheit an der Wolga.

Kamingespräch mit Dr. Harald Jancke in Lauterbach: Er erzählte über seine Kindheit an der Wolga.
Kamingespräch mit Dr. Harald Jancke in Lauterbach: Er erzählte über seine Kindheit an der Wolga. © Kristin Richter

Lauterbach. Sie wurden „Spezialistenkinder“ genannt – jene jungen Menschen, deren Eltern als eine Art Reparationsleistung nach dem Zweiten Weltkrieg in die Sowjetunion geholt wurden. Die Väter waren meist Flugzeug- oder Raketenbauer, Atomphysiker, Elektrotechniker und Chemiker. Sie hatten in Deutschland an Kriegstechnik gearbeitet und sollten dabei helfen, die sowjetische Militärmacht zu modernisieren. 

So auch Harald Janckes Vater Hans, dessen Spezialgebiet die Spektroskopie war und der an der Entwicklung von Treibstoffen für Raketenflugzeuge mitarbeitete. „Nach ihrer Rückkehr in die DDR wurde ihnen dann verboten, über die Zeit in der Sowjetunion zu sprechen“, erzählt Harald Jancke (79) beim Lauterbacher Kamingespräch.

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Das Thema sei später auch in der Familie tabu gewesen. Im Jahr 1991, nach dem Tod seiner Mutter, fand Jancke einen Stapel an die Großmutter in Deutschland gerichtete Briefe. Sie schilderten in vorsichtigen Worten – die Post wurde natürlich kontrolliert – den Alltag seiner Familie in Podberesje an der Wolga. Stück für Stück fügte sich so ein Bild seiner eigenen Kindheit in dem Dorf nördlich von Moskau.

Harald Jancke hat ein Buch darüber zusammengestellt – weniger für die Öffentlichkeit als vielmehr für die eigene Familie. Auf Bitte des Fördervereins Schloss und Park Lauterbach hielt er am vergangenen Sonntag beim traditionellen Kaminabend aber einen Vortrag über die Jahre der „Russlandfahrer“ in der Sowjetunion.

Harald Janckes Vater hatte während des Krieges in Halle bei einer kleinen Flugzeugfirma gearbeitet, die zum Junkers-Imperium gehörte. Das machte ihn für die Sowjets interessant. Im Jahr 1946 stand eines Morgens ein russischer Lkw vor der Tür. „Alles, was wir bis neun Uhr aufladen konnten, durfte mit“, erzählt Jancke. Es folgten eine viertägige Zugfahrt und am Ziel die Einquartierung mit einer weiteren Familie in eine Dreizimmerwohnung. 

Nach einem Jahr durften die Janckes mit ihren drei Kindern in ein hölzernes „Finnenhaus“ umziehen, aber das Leben blieb spartanisch. Wäsche gewaschen wurde mit Soda und Sand. Die drei vorhandenen Glühbirnen wurden immer dort eingeschraubt, wo gerade Licht vonnöten war. Und da gab es noch die „Brotschlacht“ im Sommer, wenn die Ernte aus dem Vorjahr schon verzehrt, die aktuelle aber noch nicht eingefahren war. Obst und Gemüse konnte man so gut wie gar nicht bekommen, erinnert sich Harald Jancke. Deshalb sei er später ein guter DDR-Bürger gewesen, dem die leeren Kaufhallen-Regale nichts ausmachten.

Dennoch lebten die deutschen Spezialisten besser als ihre russischen Kollegen. Und auch besser als die Deutschen in der sowjetischen Besatzungszone. Im Winter wurde im Klassenzimmer auf den Boden gespuckt, und wenn die gefror, fiel der Unterricht aus. „Bei minus 35 Grad, frieren auch die Russen“, schreibt Janckes Mutter in ihren Briefen.

Etwa 40 Besucher erlebten auf Schloss Lauterbach die kurzweilige Rekonstruktion des Lebens in Podberesje, was auf Deutsch „Unter den Birken“ heißt, mit. Darunter auch frühere „Spezialistenkinder“, die ihre eigenen Geschichten einbrachten. Natürlich entstand aus den Briefen und Kindheitserinnerungen kein historisches Panorama der Stalinzeit, sondern nur ein winziger Ausschnitt von eher persönlichen Erfahrungen. Aber der geriet sehr einfühlsam und lebendig. 

Der Physiker Hans Jancke kehrte mit seiner Familie 1952 in die DDR zurück, obwohl es ihm freigestanden hätte, auch in den Westen auszureisen. Er machte Karriere bei der Akademie der Wissenschaften und leitete später das Zentralinstitut für Automatisierung in Dresden. Sein Sohn Harald wurde Chemiker, arbeitete ebenfalls bei der Akademie und später bei der Bundesanstalt für Materialprüfung. 

Sein Auftritt beim Kamingespräch hat aber mit einem Stück Familiengeschichte zu tun, das 150 Jahre früher angesiedelt ist. Jancke gehört zur weit verzweigten Nachkommenschaft der Adelsfamilie von Palm, die einst in Lauterbach ansässig war. 

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