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"Kohls Regierung konnte nicht aufhören zu siegen"

Gregor Gysi über 30 Jahre Wiedervereinigung, das neue Selbstbewusstsein der Ossis, Corona und - die Vorzüge des Alters.

Bevor Deutschlands bekanntester Linken-Politiker in der Großenhainer Remontehalle vor gut 300 Zuhörern seine Autobiographie vorstellte, sprach er mit der SZ über die Wiedervereinigung, Corona und vieles mehr.
Bevor Deutschlands bekanntester Linken-Politiker in der Großenhainer Remontehalle vor gut 300 Zuhörern seine Autobiographie vorstellte, sprach er mit der SZ über die Wiedervereinigung, Corona und vieles mehr. © Kristin Richter

Großenhain. Er ist ein Mann mit vielen Talenten. Rechtsanwalt, Moderator, Autor und Linken-Politiker. Weil Gregor Gysi an diesem Mittwochvormittag noch eine Rede im Bundestag zur Außenpolitik gehalten hat, auf der Autobahn wohl niemand darauf Rücksicht nehmen wollte, dass der vielbeschäftigte Berliner am frühen Abend bereits schon wieder in der Großenhainer Remontehalle von gut 300 Zuhörern zu einer Lesung erwartet wird, drängt plötzlich die Zeit. Aber der 72-Jährige ist ein Mann mit vielen Talenten und vor allem ein Vollprofi. Die tickende Uhr ignorierend, nimmt der letzte Vorsitzende der SED lächelnd Platz und plaudert mit der Sächsischen Zeitung ganz entspannt über einige Dinge, die angesichts des bevorstehenden 3. Oktober schon einmal erlaubt sein dürfen, auf den ostdeutschen Tisch zu packen.

Herr Gysi, was beschäftigt die Leute dieser Tage mehr: Die deutsch-deutsche Hochzeit vor 30 Jahren oder die unsichtbare Gefahr Corona?

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Ich glaube, Corona beschäftigt sie mehr und vor allem die Frage, ob alle Grundrechte wieder hergestellt werden. Aber natürlich denken sie auch über die deutsch-deutsche Einheit nach. Das Neue ist ja ein gewachsenes Selbstbewusstsein der Ostdeutschen. So ein bisschen nach dem Motto: Ich bin ostdeutsch! Wer ist mehr? Eigentlich gefällt mir das, wenn es nicht in Richtung Pegida geht. Das Selbstbewusstsein im Osten hätte man vor 30 Jahren aufbauen müssen.

Obgleich sich die Situation anders verhält und die Thematik nicht zu vergleichen ist: Stellt die Bewältigung der Pandemie und ihre Auswirkungen in alle Bereiche des Lebens nicht eine gleichermaßen große historische Herausforderung dar, wie seinerzeit die Ausgestaltung der Deutschen Einheit, bei der die Politik schnell in Gefahr geraten kann, Vertrauen einzubüßen?

Ja, mit einem Unterschied! Damals bestanden vorwiegend Hoffnungen. Davon kann im Augenblick keine Rede sein. Jetzt bestehen vorwiegend Ängste, dass die Grundrechte nicht vorübergehend, sondern dauerhaft eingeschränkt werden. Die Menschen sehen ja die Einschränkung von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit in anderen Ländern, also etwa den USA, der Türkei, aber auch in Ungarn und Polen. Daraus wächst die Sorge, dass die Pandemie missbraucht werden könnte, um solche Entwicklungen auch bei uns dauerhaft einzuleiten.

Haben Sie selbst das Empfinden, eingeschränkt worden zu sein?

Nein! Ich empfinde das nicht so, auch wenn es mir in gewisser Weise genauso geht wie allen Bürgern. So fiel meine private Urlaubsreise nach Grönland aus, andere Dienstreisen musste ich absagen, da ich weder Lust noch Zeit habe, mich nach dem Aufenthalt in einem bestimmten Land in Quarantäne zu begeben. Bei näherer Betrachtung gibt es da schon einiges. Ich kann viele Menschen verstehen, die unzufrieden darüber sind, dass sie das hart angesparte Geld für ihren Urlaub verloren haben! Die Versammlungsfreiheit ist eingeschränkt, Kunst- und Kulturschaffende leiden erheblich. Dank Corona wurden alle meine Abendveranstaltungen erstmal abgesagt. Damit hatte ich zwar mehr Zeit als üblich, aber ich konnte weder ins Restaurant noch ins Konzert oder Kino gehen, alles war dicht. Aber das ist Jammern auf hohem Niveau, eingedenk der Tatsache, dass viele Branchen inzwischen um ihre Existenz kämpfen.

Muss sich Frau Merkel heute vorwerfen lassen, was Sie stets dem Kanzler der Einheit, Herrn Kohl angekreidet haben, nämlich die Menschen zu wenig gedanklich in die notwendigen Prozesse einbezogen zu haben?

Kohls Bundesregierung konnte einfach nicht aufhören, zu siegen. Deshalb hat sie sich für den Osten nicht interessiert. Wenn sie sich nämlich für den Osten interessiert hätte, dann wäre ihr unweigerlich aufgefallen, dass es dort Entwicklungen gab, die weiter waren als in der Bundesrepublik. Das beste Beispiel ist die Gleichstellung der Geschlechter, über 90 Prozent der Frauen waren in der DDR voll berufstätig. Daran war in der alten Bundesrepublik gar nicht zu denken! Das hätte ja ein ganz anderes Netz an Kinderkrippen, Kindergärten, Nachmittagsbetreuung in Schulen, Ferienspiele und vieles andere mehr vorausgesetzt. Da hätte man doch sagen können, das Bestreben der jungen Frauen geht tendenziell auch im Westen in diese Richtung. Wir lassen die Einrichtungen im Osten und bauen sie deutschlandweit aus. Aber das hat die Bundesregierung nicht gemacht. Deshalb war einerseits das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen nicht besonders hoch, und andererseits hatten die Westdeutschen kein positives Einigungserlebnis, wie sich ihre Lebensqualität durch das Hinzukommen des anderen Landesteils in bestimmten Punkten hätte erhöhen können. Darunter leidet die Einheit bis heute. Auch jetzt, in einer Zeit, in der die Bundesregierung immer so tut, als wären sie die virologischen Experten. Im Kern wird der Widerstreit der Fachleute nicht so transparent gestaltet, dass sich die Menschen leichter eine Meinung bilden können.

Schlägt Ihr Herz beim Gedanken an den 3. Oktober eher vor Freude oder trauern Sie wie nicht ehemalige DDR-Bürger einem Land nach, das für sie Heimat, Vertrautheit und Identität bedeutete?

Alles in allem bin ich persönlich eher bereichert worden. In den ersten Jahren wurde ich furchtbar behandelt. Aber dann habe ich doch die Akzeptanz der Mehrheit erreicht. Erst im Osten, dann im Westen, zum Schluss in Bayern. Ich darf und will die ersten Jahre nicht vergessen, wenn ich an die jetzige Zeit denke. Aber viele Ostdeutsche hatten eine solche Chance nicht. Sie waren in der DDR vielleicht anerkannt, hatten berufliche Bedeutung und haben mit der Einheit die Anerkennung, möglicherweise sogar den Lebensinhalt verloren. Bei mir war beispielsweise eine Grundschullehrerin. Weil ihr Abschluss bis heute nicht richtig anerkannt wird, bekommt sie nach wie vor weniger Geld. Und das, obwohl sie die gleiche Arbeit leistet. So etwas verletzt die Menschen. Aber wir dürfen auch nicht vergessen, was wir gewonnen haben! Kein Krieg zwischen beiden deutschen Staaten mehr möglich, eine frei konvertierbare weltweit akzeptierte Währung, natürlich die Sanierung der Stadtzentren und Wohnungen. Das will ich alles nicht vergessen, aber ich weiß auch um die Verluste.

Sie sprachen das Selbstbewusstsein der Ostdeutschen an! Aber etwas muss nach wie vor schief laufen, wenn sich Menschen wie diese Lehrerin immer noch ungleich behandelt fühlen. Jeder Rentner in Großenhain, Suhl oder Rostock wird sich diese Frage übrigens auch jeden Monat stellen, meinen Sie nicht?

Da haben Sie völlig recht! Wir haben nach wie vor nicht gleichen Lohn für gleiche Arbeit in gleicher Arbeitszeit und nicht die gleiche Rente für die gleiche Lebensleistung. Das ist absolut indiskutabel. Der Unterschied zu früher besteht nur darin, heute empört es die Menschen, und sie setzen sich zur Wehr. Die Lehrerin hat damals ihre schlechtere Stellung erstmal klaglos akzeptiert. Heute ist sie nicht mehr dazu bereit, das meine ich mit neuem Selbstbewusstsein. Wissen Sie, die SED-Führung wollte den Leuten immer ein DDR-Bewusstsein beibringen. Das ist ihr nicht gelungen. Der Bundesrepublik ist es gelungen. Jetzt empfinden sich die Menschen als ostdeutsch und sind auch stolz auf ihre Herkunft.

Wortgewandt, mit Witz und einer großen Portion Lebenserfahrung unterhielt der 72-jährige Berliner am Mittwochabend seine Zuhörer.
Wortgewandt, mit Witz und einer großen Portion Lebenserfahrung unterhielt der 72-jährige Berliner am Mittwochabend seine Zuhörer. ©  Kristin Richter

Wie viele Generationen wird es brauchen, bis das ehemals geteilte Land auch in Herz und Kopf tatsächlich wieder eins sein wird?

Das wüsste ich auch gern! Bei denjenigen, die am Sonnabend, also am 3. Oktober 2020 geboren werden, erscheint es denkbar. Aber die Mentalitätsunterschiede bleiben auf jeden Fall. Die gibt es ja auch zwischen Schleswig-Holstein und Bayern.

Vor 20 Jahren haben Sie mal in einer Bundestagssitzung ausgerufen: „Wer die Deutsche Einheit will, muss sich auch mit mir abfinden!“ Ein Versprechen, dass Sie durchaus wörtlich zu nehmen scheinen. Was haben Sie noch auf dem Zettel, was gibt es noch zu tun?

Ich würde gerne noch Sondierungs- und Koalitionsgespräche mit führen, wenn die Linke plötzlich anfängt, eine andere Politik in Deutschland zu ermöglichen! Dabei darf es aber nicht nur um einen Regierungswechsel gehen, sondern um eine Änderung der Politik. Dazu braucht man allerdings auch eine Stimmung in der Bevölkerung. Wenn ich eine solche Option 1990 prognostiziert hätte, wäre ich wahrscheinlich in die geschlossene Psychiatrie gesteckt worden. Heute wäre es für mich auch ein Stück Genugtuung. Aber im Kern geht es mir um die Angleichung der Löhne und Renten. Wir brauchen eine andere Außenpolitik, eine andere Steuergerechtigkeit, eine andere soziale Gerechtigkeit und ganz wichtig, wir brauchen eine ökologische Nachhaltigkeit, aber in sozialer Verantwortung.

In Ihrer Biografie haben Sie die Leser abschließend wissen lassen, dass Sie wild entschlossen sind, das Alter zu genießen! Herr Gysi, wissen Sie inzwischen, wie sich das Genießen anfühlt und wann dieses Alter beginnt?

Also, wenn ich jemals wissen sollte, wann das Alter beginnt, rufe ich Sie an, versprochen! Was ich Ihnen aber jetzt schon verraten kann, ist, dass zum Genießen drei Sachen gehören! Als ich 60 Jahre alt geworden war, kam ein junger Mann zu mir und fragte, ob er mir die Tasche tragen dürfe. Ich antwortete ihm, er solle jetzt mal nicht komisch werden, das kann ich noch allein. Das war ein großer Fehler! Ich hätte sagen sollen, selbstverständlich und da steht noch ein Koffer. Man darf die Privilegien des Alters nicht ablehnen, nur um jünger zu wirken. Man muss sie annehmen und einfordern! Der zweite Aspekt ist, ältere Leute gönnen sich nichts! Sie sind zu sich selbst geizig. Dabei steht nirgendwo im Bürgerlichen Gesetzbuch geschrieben, dass man verpflichtet ist, alles an seine Kinder zu vererben! Und drittens sollen die so genannten alten Menschen aufhören, den ganzen Tag über Krankheiten zu quatschen. Davon wird man nicht gesund!

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