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Chronisten wissen, wie Viren früher wüteten

Wer aus der Geschichte lernen will, kann die Ortschronisten fragen. Sie tragen zusammen, wie sich große Ereignisse im Kleinen auswirkten.

Stadtarchivarin Anke Brekow ist auch ehrenamtliche Ortschronistin für Großenhain und seine Ortsteile.
Stadtarchivarin Anke Brekow ist auch ehrenamtliche Ortschronistin für Großenhain und seine Ortsteile. © Brühl

Großenhain. 19. Oktober, die Schulen in Großenhain werden geschlossen. Eine Grippe-Epidemie geht um. Die Bürgerschule, die Real- und die landwirtschaftliche Schule machen für acht Tage zu. Da immer mehr Menschen erkranken, müssen die Schließungen bis zum 13. November verlängert werden. "Besonders unter den Schulkindern trat die Grippe in besorgniserregender Weise auf. In vielen Großenhainer Industriebetrieben war eine größere Anzahl Arbeiter erkrankt."

Diese Zeilen lesen sich wie aus heutigen Zeitungen und sind doch schon über 100 Jahre alt. Wir sind im Jahr 1918, die spanische Krankheit, auch Spanische Grippe genannt, wütet auch in Großenhain. Ein Professor Loew aus München wird in der damaligen Großenhainer Tagezeitung mit der Meinung zitiert, dass die große Verbreitung der spanischen Krankheit auf die kalkarme Nahrung zurückzuführen ist. Milch, Käse, die kalkreichsten Nahrungsmittel, sowie Gemüse gab es durch den Krieg kaum noch. Wegen der Weiterverbreitung der Grippe wurden auch damals schon - mit Ausnahme der Gottesdienste - Konzerte und Vorträge, Theater-, Kinoveranstaltungen und Tanzstunden verboten. Zudem stand Deutschland noch im Krieg.

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Chronisten wissen auch, dass es in jenen Tagen ebenfalls zu Massenprotesten kam. Stadtarchivarin Anke Brekow verweist auf den 23. Oktober 1918. In der Stadt fand eine große Demonstrations-Kundgebung statt. Die organisierte Arbeiterschaft von Großenhainer Firmen, Männer und Frauen, vereinten sich vormittags vorm Rathaus und vor der Königlichen Amtshauptmannschaft in der Herrmannstraße. Teilweise standen Betriebe, denen die Arbeiter angehörten, von 10 Uhr an still. Auf dem Markt hatten sich circa 300 Personen versammelt. "Eine Abordnung von sechs Arbeitern und drei Arbeiterinnen ging ins Rathaus zu Bürgermeister Hotop, um dort die Wünsche und Vorstellungen der Versammelten zum Vortrag zu bringen", heißt es in der Chronik.

Es ging um die Versorgung der Stadt mit Fischen, Räucherwaren, Grüngemüse und Obst, Süßwaren und dergleichen. Für Freibankfleisch, weiß Stadtarchivarin Anke Brekow, sollte ein Nummernzwang eingeführt werden, um alle gerecht zu versorgen. Kritisiert wurde damals die "Beleuchtungsnot", gefordert wurden Maßnahmen gegen das Hamstern, "besonders auch seitens der Militärangehörigen". Nur wenig später, am 7. November 1918, bildete sich Sachsens erster Soldaten- und Arbeiterrat. Ein Geschichtsereignis, das Großenhain damit überregional bekanntmachte.

Lebensmittel und andere Güter waren 1918 rationiert und nur mit Marken bzw. Karten erhältlich. Das spielte auch der Spanischen Grippe in die Hände.
Lebensmittel und andere Güter waren 1918 rationiert und nur mit Marken bzw. Karten erhältlich. Das spielte auch der Spanischen Grippe in die Hände. © Großenhain-Eine Bilderchornik

Viel privates Geld eingesetzt

Anke Brekow ist im Großenhainer Rathaus nicht nur hauptamtlich im Archiv angestellt. Sie ist ehrenamtlich auch Ortschronistin für die Stadt und ihre Ortsteile. Bis zur Wende war das für Zabeltitz Dietmar Enge. Keiner kennt sich in der Geschichte des Barockdorfes so gut aus wie er. Mit Helmut Enger sammelte er alles, was für Zabeltitz wichtig war. Manches davon kann öffentlich genutzt werden. Doch Dietmar Enge hat erhebliche Summen seines eigenen Geldes für Dokumente und Kopien ausgegeben. Das möchte er nun nicht einfach so verschenken. Schon in der Vergangenheit hätten Amtspersonen Geschichtsdokumente unterschlagen und auf eigene Rechnung verkauft. Dietmar Enge macht sein Wissen als Mitglied im Verein der Heimatfreunde der Großenhainer Pflege und Verein Heimatpflege Röderaue Zabeltitz öffentlich.

Heimatforscher nennen sich allerdings viele. Sie haben private Archiv zu ihren Interessengebieten. Sie sammeln Fotos oder Postkarten und veröffentlichen diese zum Beispiel bei Facebook. Ratespiele sind besonders beliebt und finden reichen Anklang. Doch wer führt eigentlich noch systematische Ortschroniken? Wer kann über die Auswirkungen zum Beispiel großer Pandemien der Vergangenheit im Kleinen Auskunft geben?

Hartmut Scholz ist Ortschronist von Wildenhain. Er erstellt jährlich eine Jahreschronik für das Großenhainer Archiv.
Hartmut Scholz ist Ortschronist von Wildenhain. Er erstellt jährlich eine Jahreschronik für das Großenhainer Archiv. © Klaus-Dieter Brühl

In Wildenhain sammelt Hartmut Scholz, der ehemalige Stadtarchivar, Ereignisse und Begebenheiten. Er hat eine ganz klare Haltung: "Wenn ein eingemeindeter Ortsteil weiter seine Identität bewahren will, braucht er dringend seine eigene geschichtliche Basis." Das hat sich zum Beispiel bei der 725-Jahr-Feier von Wildenhain 2011 gezeigt. Da gab es eine vielbesuchte Fotoausstellung aus 130 Jahren Ortsgeschichte. Auf Seuchen und Pandemien angesprochen, weiß der Chronist sofort, dass die Pest im Mittelalter das Dorf auf lediglich sieben Einwohner dezimiert hatte. "Anfang 1962 gab es die Maul- und Klauenseuche in allen Orten", erinnert sich Hartmut Scholz. Auch da waren Höfe gesperrt und in Quarantäne, am Dorfeingang befanden sich Sperren zur Desinfektion.

Alljährlich erstellt Hartmut Scholz eine Wildenhainer Jahreschronik. Die gibt der 75-Jährige dann ins Stadtarchiv. "Auch ich stecke privates Geld in meine Forschungen, aber meine Frau stockt dafür das Taschengeld auf", so der Wildenhainer scherzhaft. Schüler melden sich bei ihm, wenn sie Material für Schularbeiten brauchen: so zum früheren Aussehen wichtiger Wildenhainer Gebäude.

In Strauch könnte man dafür Aris Gutsche anrufen. Der Heimatfreund betreibt die Facebookseite "Straucher Heimat im Bild" und hat viele historische Aufnahmen und Dokumente gesammelt. In Skäßchen gab Silvio Päpscheck sechs Jahre lang den Heimatkalender heraus. Die diesjährige Auflage war die letzte. Doch Päpscheck sammelt alles über Skäßchen und weiß, dass Familie Hänßgen einst durch eine Seuche im Ort stark dezimiert wurde.

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