merken
PLUS Großenhain

So viel Grund, sich zu schämen

Jane Taubert aus Sacka hat als Amerikanerin nicht an der Präsidentenwahl in den USA teilgenommen. Im SZ-Gespräch sagt sie warum.

Jane Taubert mit ihrem Mann Frank zu Hause in Sacka. Die USA-Kissen hat die Amerikanerin mittlerweile beiseite geräumt.
Jane Taubert mit ihrem Mann Frank zu Hause in Sacka. Die USA-Kissen hat die Amerikanerin mittlerweile beiseite geräumt. © Klaus-Dieter Brühl

Frau Taubert, in den USA wurde gerade ein neuer Präsident gewählt. Sie sind auch Amerikanerin. Wie haben Sie gewählt, wie denken Sie geht die Wahl aus?

Ich habe mich nicht beteiligt und das Wahlgeschehen ehrlich gesagt auch gar nicht verfolgt. Ich hab nur einmal am Mittwochmorgen kurz Radio gehört, aber da war ja noch gar nichts klar. Dass ich nicht gewählt habe, hat mehrere Gründe, doch der wichtigste ist: Ich möchte deutsche Staatsbürgerin werden. Ich lebe jetzt länger in Deutschland als in meinem Geburtsland, ich bin seit 30 Jahren an den Landesbühnen Sachsen tätig. Das Einbürgerungsverfahren in Deutschland wäre schon lange abgeschlossen, wenn nicht Corona dazwischengekommen wäre. Vor diesem Hintergrund hätte es sich für mich falsch angefühlt, mitzumachen. Die Amerikaner müssen selbst wissen, was sie wollen. Wenn, dann hätte ich den Demokraten Joe Biden gewählt, und er wird hoffentlich auch der nächste Präsident der Vereinigten Staaten. 

Anzeige
Coole Typen gesucht: Servieren in Döbeln!
Coole Typen gesucht: Servieren in Döbeln!

Hier hat Kreativität Tradition! Seit 1903 überrascht der Bürgergarten in Döbeln mit spannenden Ideen in der Küche und bei Feiern! Komm ins Team: als Servicekraft!

Das klingt sehr distanziert. Wie sind Sie zu dieser Haltung gekommen?

Das war tatsächlich ein längerer Prozess. Zum einen ist die doppelte Staatsbürgerschaft für Amerikaner nicht möglich. Wichtiger aber ist, dass ich mich hier mehr zugehörig fühle, hier bin ich durch meine Familie und meine Arbeit jetzt heimisch, in den USA fühle ich mich fremd. In Deutschland konnte ich erstmalig ein politisches und soziales Bewusstsein entwickeln. 

Wie meinen Sie das? 

Ich kam als junge Sängerin von 23 Jahren hierher. In Deutschland zählt soziale Verantwortung sehr viel mehr als in den USA. Dort ist die Individualität stärker ausgeprägt, auch das "Amerika First". Ich habe dagegen hier das Wir schätzen gelernt. Das merkt man jetzt in der Corona-Krise beispielsweise bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Deshalb würde ich künftig gern in Deutschland wählen und hoffe, bald alles regeln zu können.  

Sie sagen, dass Sie mit zunehmender Fremdheit auf die Verhältnisse in den USA schauen. Können Sie das noch etwas näher beschreiben? 

Ich verstehe vieles nicht mehr und ich schäme mich für manche Dinge. So kann es nicht sein, wenn Menschen das Wahlgeheimnis missachten und öffentlich vor dem Wahlausgang ihre Abstimmung posten. Auch, dass viele kleine Leute Donald Trump wählen, finde ich unverständlich. Er mag ihnen wirtschaftlich kurzfristig zur Besserung verholfen haben. Aber es ist wie wenn es am Auto klappert. Man kann schnell ein Teil austauschen. Oder aber man beseitigt längerfristig die wirkliche Ursache. Das hätte übertragen bedeutet, in den USA ein besseres Gesundheitssystem einzurichten und bessere öffentliche Programme gegen die Armut. Nicht den Leuten nur einmal Geld in die Hand drücken.  Sondern mehr Finanzen in die Sozialsysteme investieren. 

Aber warum schämen Sie sich dafür? 

Natürlich ging das Peinliche von Donald Trump aus den letzten vier Jahren nicht spurlos an mir vorbei. Der Präsident ist eine Witzfigur, und viele amerikanische Komiker leben schon die ganze Amtszeit von dem, was er ihnen an Material liefert. Aber nicht nur Trump, sondern auch die Reaktionen auf ihn sind Dinge, die für mich gar nicht mehr gehen. Man sollte ihn einfach ignorieren. Ich wünsche meinem Geburtsland, dass es künftig nicht mehr so viele Gründe zum Schämen gibt. Aber Amerika ist viel heftiger gespalten, als es beispielsweise in Deutschland der Fall ist. 

Sie haben immer am amerikanischen Unabhängigkeitstag die Flagge auf ihrem Haus in Sacka gehisst. Und sich gern mit typischen USA-Kissen umgeben. Ist das noch so?

Weiterführende Artikel

Unsere Lehren aus der Wahl in den USA

Unsere Lehren aus der Wahl in den USA

Die Politik in den USA wird seit Jahren von Angst bestimmt. Europa muss jetzt aus der Opferrolle herauskommen, damit uns nicht Ähnliches passiert. Ein Leitartikel.

Jane Taubert entführt in die Goldenen Zwanziger 

Jane Taubert entführt in die Goldenen Zwanziger 

Die Sackaerin war künstlerische Leiterin des diesjährigen Bühnenballs der Landesbühnen. Auch die Kaffeerösterei Müller aus Wildenhain beteiligte sich.

Ausgewandert nach Amerika

Ausgewandert nach Amerika

Jane Taubert kam 1990 als Sängerin aus den USA nach Deutschland. Ihre Vorfahren nahmen den umgekehrten Weg – eine Geschichte für die Bühne.

Weihnachten auf Amerikanisch

Weihnachten auf Amerikanisch

Künstlerin Jane Taubert von den Landesbühnen hat in ihre Familie einige Traditionen aus der alten Heimat mitgebracht.

Nein, seit 2016 habe ich diese Deko schon weggepackt, auch die Flagge oder einen Schal als Kleidungsstück. Das hat für mich nicht mehr die Bedeutung wie früher. Wir waren wegen Corona auch ein Jahr schon nicht mehr in Amerika zu Besuch. Mein Vater lebt noch dort. Aber wir skypen.  

Mehr lokale Nachrichten aus Großenhain lesen Sie hier.

Mehr lokale Nachrichten aus Riesa lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Großenhain