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Großenhainer stirbt nach tagelangem Martyrium

Ein Mordkomplott steht seit Mittwoch im Mittelpunkt eines Prozesses gegen vier Angeklagte aus der Röderstadt. Sie schweigen vorerst zu den Vorwürfen.

Stefanie W. war zum Zeitpunkt der Tat mit dem Opfer verheiratet, lebte aber getrennt von ihm. Laut Anklage soll sie ihre drei Komplizen angestiftet haben, ihm schwere Gewalt anzutun.
Stefanie W. war zum Zeitpunkt der Tat mit dem Opfer verheiratet, lebte aber getrennt von ihm. Laut Anklage soll sie ihre drei Komplizen angestiftet haben, ihm schwere Gewalt anzutun. ©  Foto: Kristin Richter

Großenhain. Nach fast einem Jahr haben sie ein Gesicht. Als sich um kurz nach neun die Türen zum großen Saal des Landgerichts in Dresden öffnen, treten jene Frauen und Männer ein, über die längst nicht nur in Großenhain gesprochen wird. Über die man im Supermarkt und in der Schule hinter vorgehaltener Hand redet, welche Anlass sind für wilde Spekulationen und tiefschürfende Überlegungen gleichermaßen, weil sie zu viert eben getan haben sollen, was sonst nur als Film in die eigenen vier Wände gerät.

Eskortiert von Justizbeamten und mit Handschellen gefesselt, betreten Stefanie W., Stefan B., Andreas R. und Anke F. nacheinander jenen Raum, in dem in den kommenden Wochen über das Leid zu befinden sein wird, das die vier Menschen einem anderen Menschen zugefügt haben sollen. Einem 38-jährigen Großenhainer, der zum Zeitpunkt der Tat noch immer mit seiner getrennt lebenden Ehefrau Stefanie W. verheiratet war und nicht nur ein Kind, sondern eine zutiefst erschütterte Familie hinterlässt.

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Eine Mutter, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt und an diesem Mittwochmorgen fast unerkannt von der zahlreich erschienenen Öffentlichkeit dort Platz nimmt, wo es auch für Stefanie W. kein Entrinnen mehr gibt. Die Hände gefaltet, den Blick auf der genau gegenüber sitzenden, ehemaligen Schwiegertochter ruhend, muss auch sie in den kommenden fünf Minuten noch einmal laut und deutlich hören, was für die meisten der Anwesenden harte Kost sein dürfte.

Laut Anklage habe die als Reinigungskraft tätige Stefanie W. nicht nur einen Sorgerechtsstreit um den gemeinsamen Sohn umgehen wollen, sondern sei auch auf den Erlös einer Sterbegeldversicherung in Höhe von 17.000 Euro aus gewesen. Am 13. Juni 2020 habe sie deshalb geplant, Dirk W. zu entführen, um ihn in einem einsamen Waldstück zu töten. „Der muss weg!“ habe sie mehrfach geäußert.

Unter der Vorspiegelung, er könne dort seinen Sohn sehen, hätte die Angeklagte mit einer Chatnachricht ihren Noch-Ehemann um 19.30 Uhr auf den Großenhainer Rahmenplatz gelockt. Statt des Nachwuchses erwarteten ihn indes Stefan B. (29), Andreas R. (52) und Anke F. Während Dirk W. unter körperlichem Zwang in einen grünen Opel Zafira gedrängt worden sein soll, habe die 51-jährige Beschuldigte in Kauf genommen, dass ihr ebenfalls anwesender, geistig behinderter Sohn in den kommenden Stunden alles mit ansehen muss. Er habe sich mit im Auto befunden.

Nach einem halbstündigen Zwischenstopp an einer Aral-Tankstelle seien die Angeklagten schließlich in ein Waldstück nahe Zottewitz gefahren, dem Tatort. Dort sollen die beiden Männer auf Dirk W. einprügelt und eingetreten haben. Ein Tischbein, das als Werkzeug genutzt wurde, wäre durch die Wucht der Schläge zerbrochen. Im Glauben, ihr Opfer werde sterben, hätten sie den schwer verletzten Mann zurückgelassen.

Anke F. ist die einzige der Beschuldigten, die am ersten Prozesstag durch ihren Anwalt Angaben zur eigenen Person verlesen ließ.
Anke F. ist die einzige der Beschuldigten, die am ersten Prozesstag durch ihren Anwalt Angaben zur eigenen Person verlesen ließ. © Kristin Richter

Doch damit nicht genug. Stefan B. und Andreas R. sowie die Noch-Ehefrau seien an jenem Abend und den folgenden drei Tagen mehrfach zum Tatort zurückgekehrt. Sie hätten sich vergewissern wollen, dass Dirk nicht doch noch am Leben ist und sollen schließlich nachgeholfen haben: Mutmaßlich mit kräftigen Fußtritten an den Kopf und dem Wurf in einen nahe befindlichen Graben. Als die Täter feststellen, dass der Mann immer noch atmet, sollen sie sieben bis zu 50 Kilogramm schwere Steine auf ihn geworfen haben. Am 16. Juni habe sich Stefanie W. laut Staatsanwaltschaft noch einmal selbst vom Zustand des Opfers überzeugen wollen und habe mit einem spitzen Gegenstand mehrfach auf den Hals des Wehrlosen eingestochen.

Ihr Ehemann und Vater des Kindes, ein Sohn und Bruder, wird schließlich von der Polizei am 19. Juni nur noch tot aufgefunden. Aufgrund seiner schweren Verletzungen - unter anderem mehrere Knochenbrüche und ein Polytrauma - sei er wahrscheinlich zwischen dem 15. und 16. Juni verstorben. Noch während die Nachricht vom grausamen Tod des Großenhainers in der Region die Runde macht, werden die vier Beschuldigten vorläufig festgenommen und befinden sich seit dem 20. Juli in Untersuchungshaft.

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Die Staatsanwaltschaft wirft den drei Hauptbeschuldigten gemeinschaftlichen Mord, versuchten Mord und Menschenraub vor. Anke F. muss sich wegen Beihilfe verantworten. Insgesamt vier Beschuldigte, die bisher schweigen. Über deren Taten und ihre Beweggründe aber in momentan 19 angesetzten Prozesstagen zu sprechen sein wird. Denn seit diesem Mittwoch haben sie ein Gesicht. Eines, hinter das es unter Vorsitz von Richter Herbert Pröls gilt, zu blicken. (mit lex)

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