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Raus aus der Online-Verbannung, aber wie?

Dauer-Lockdown, digitaler Unterricht, geschlossene Jugendclubs: Das Leben der Jugendlichen im Großenhainer Land steht still - langfristig ein großes Problem.

Raimo Siegert von der Mobilen Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz macht sich große Sorgen darüber, wie sich die jetzige Situation auf junge Menschen auswirken wird.
Raimo Siegert von der Mobilen Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz macht sich große Sorgen darüber, wie sich die jetzige Situation auf junge Menschen auswirken wird. © Manfred Müller

Großenhain. Es ist nichts, was sich irgend jemand so vorstellen konnte. „Wir wissen noch gar nicht, welche Folgen aus der jetzigen Situation für junge Leute erwachsen“, sagt Raimo Siegert von der Mobilen Jugendarbeit Großenhain & Priestewitz. Die SZ sprach mit dem Jugendbetreuer über Perspektiven für die Freizeitgestaltung unter Corona-Bedingungen.

Was macht der Dauer-Lockdown mit den jungen Leuten in Großenhain?

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Wir müssen uns eingestehen, dass wir es bislang nicht wirklich wissen. Nicht wissen können. Die Jugendarbeit ist ja komplett zum Erliegen gekommen – wir sind nicht mehr so dicht dran an den jungen Menschen. Wir haben Vermutungen, ja, auch Befürchtungen, dass uns die sozialen Folgen der Isolierung später auf die Füße fallen. Wir richten uns darauf ein, dass die Zahl der Menschen, die einer Unterstützung bedürfen, ansteigen wird.

Wenn Sie die Situation im ersten und zweiten Lockdown vergleichen – welche war angespannter?

Beim ersten Lockdown gab es mehr Unsicherheit, mehr Fragen. Warum müssen die Jugendclubs schließen? Warum gibt es keine Freizeitangebote mehr? In den Medien wurde die Situation als ganz schlimm dargestellt, aber draußen im Alltag sah man noch nicht so viel davon. Diese Wahrnehmungsdiskrepanz hat den Jugendlichen zu schaffen gemacht. Im Herbst war die Gefahr wegen des gewaltigen Anstiegs der Infiziertenzahlen greifbarer.

Und wie steht es heute um die Akzeptanz für die Corona-Beschränkungen?

Sie lässt wieder nach. Ein Jahr – für einen 14-, 15-Jährigen ist das eine Ewigkeit. Die jungen Leute wollen auch mal wieder wahrgenommen werden. Und zwar nicht nur als Schüler.

Wie soll das gehen?

Ich kann nur dafür werben, dass sich alle an die Sicherheitsbestimmungen halten. Nur so können wir wieder Freizeitangebote machen. Im vorigen Sommer ging ja mit Hilfe von Hygienekonzepten auch eine ganze Menge. Im Baudaer Jugendclub zum Beispiel wurde festgelegt, dass sich nur noch sieben Leute zur gleichen Zeit in den Räumlichkeiten aufhalten dürfen. Die anderen blieben dann draußen auf den Bänken. Andere haben gleich unter freiem Himmel gemeinsam Sport gemacht oder Projekte durchgezogen. Der „Großenhainer Jugendsommer“ lief ja zwischen Juni und Oktober nicht so schlecht. Wenn wir Glück haben, bekommen wir in der warmen Jahreszeit wieder so ein Zeitfenster.

Und wenn nicht?

Dann haben wir ein Problem. Darüber, dass junge Menschen den persönlichen Kontakt zu Gleichaltrigen brauchen, dass solche Treffen in der Gruppe ein Muss sind, lacht heute keiner mehr. Zu Hause ziehen sich viele zurück, wollen der ohnehin gestressten Familie nicht zur Last fallen. Junge Menschen, die nicht mehr wissen, wo ihre Bedürfnisse liegen – man kann nur hoffen, dass daraus längerfristig kein weiterer Schaden erwächst.

Was vermissen Sie persönlich am meisten?

Am Abend mit Freunden zusammensitzen. Bowlen. Volleyball spielen. Das Fitness-Studio. Es hat doch kein Mensch mehr Lust auf Online-Kontakte.

Wie stellen Sie sich die Mobile Jugendarbeit im kommenden Frühjahr und Sommer vor?

Ich hoffe natürlich, dass wieder Gruppenprojekte möglich werden. Wir waren zum Beispiel kurz vor dem Lockdown auf einer Klettertour in der Sächsischen Schweiz. Das würde ich dieses Jahr gern wieder anbieten. Eine Jugendgruppe in Rostig will einen jugendgerechten Treffpunkt bauen, wobei ich gern behilflich bin. Und da ist noch unsere App, die alle Freizeitangebote in Großenhain aktuell erfasst. Daran wollen wir weiterarbeiten. Wir werden auch Lösungen dafür finden, dass die Jugendclubs eine größere finanzielle Unterstützung bekommen. Sie konnten ja durch den Lockdown den Club nicht öffnen, keine Veranstaltungen durchführen und hatten demzufolge auch keine Einnahmen. Und natürlich bin für alle da, die mich brauchen und brauchen könnten.

Raimo Siegert ist unter der Mailadresse [email protected] oder der Mobilfunknummer 0172 2348 076 erreichbar.

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