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Was hat es mit der Heidenauer Hutfabrik auf sich?

Der Brand der Mafa-Halle rückt ein anderes Haus in den Mittelpunkt. Seine Bezeichnung sorgt für viele Fragezeichen. Die Geschichte des besonderen Gebäudes.

Von Heike Sabel
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Eine Hutfabrik in Heidenau? Die Geschichte eines besonderen Gebäudes auf dem Mafa-Gelände.
Eine Hutfabrik in Heidenau? Die Geschichte eines besonderen Gebäudes auf dem Mafa-Gelände. © Daniel Schäfer

Eine Hutfabrik in Heidenau? Da scheitern sogar eingefleischte Hobby-Historiker. Und trotzdem: So bezeichnen unter anderen die Architekten Peter Kulka und Kathrin Leers-Kulka das Gebäude, das unmittelbar neben der in der Silvesternacht abgebrannten Halle steht. Es bekam aufgrund der Windrichtung von dem Brand nichts ab.

Doch woher hat es den Namen Hutfabrik? Den meisten ist es lediglich als Betriebsberufsschule bekannt, einige alte Mafaianer erinnern sich auch noch an die Abteilung Konstruktion in der oberen Etage. Wobei Mafa ja für Maschinenfabrik steht, für den bekannten ehemaligen Betrieb im Areal.

Im vergangenen Jahr wurde das Hutfabrik-Gebäude jedenfalls als Denkmal anerkannt. Das erfolgte im Rahmen einer Überprüfung. Zwar ist die ehemalige Maschinenfabrik im Ganzen seit 1991 als Kulturdenkmal erfasst, jedoch gab es eine Überprüfung des Denkmalwertes einzelner Gebäude. Darunter war auch die Hutfabrik. Ihre baugeschichtliche, wirtschafts-, sozial- und ortsgeschichtliche Bedeutung begründen nun das öffentliche Interesse der Erhaltung, sagt das Landesamt für Denkmalpflege. Doch was macht diese Bedeutung aus?

Baulich: Das älteste Gebäude auf dem Gelände

Der Bau 1897 als Stroh- und Filzfabrik "Arnold & Erler & Co" ist der Hinweis auf die heute verwendete Bezeichnung Hutfabrik. Obwohl es offenbar nicht sehr lange als solche genutzt wurde, hat sich der Begriff doch weit über ein Jahrhundert erhalten. Ob tatsächlich Hüte produziert worden oder nur die dafür benötigten Materialien Stroh- und Filz, dazu gibt es keine Unterlagen. Möglich ist es aber, da auch im benachbarten Dohna die Strohhutproduktion beheimatet war.

Ein Blick auf die verschiedenen Fenster am Gebäude.
Ein Blick auf die verschiedenen Fenster am Gebäude. © Architekturbüro Kulka

Die Hutfabrik ist das älteste und westlichste Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen volkseigenen Betriebes Schokoladen-, Seifen- und Farbmaschinenwerke Heidenau. Es handelt sich um einen dreigeschossigen Ziegelstein-Massivbau mit Hochparterre. Im Kellergeschoss sind segmentbogige Zwillingsfenster erhalten. Im zweiten Obergeschoss wurden diese Fenster im Laufe der Zeit größtenteils zu rechteckigen Fenstern vergrößert. Das Treppenhaus hat Rundbogenfenster und der großzügige, nahezu quadratische Eingang hat angeschrägte Granitwände. Stufengiebel verdecken an den Stirnseiten das flache Satteldach.

Nutzung: Unterkunft, Lager, Berufsschule

So viel um- und angebaut wurde, so wechselvoll war auch die Nutzung des Gebäudes. Den Treppenanbau hat es der Vereinigten Gelatine- und Celloidinpapierfabrik der Firma Heinrich Ernemann zu verdanken. Es war eine Sicherheitsmaßnahme für die hier lagernde brennbare Collodiumwolle. Der Anbau eines Kistenschuppens geht auf die Kartonagenfabrik Arthur Märkel & Co. zurück.

Seit Anfang der 1940er-Jahre gehörte das Gebäude zur benachbarten Maschinenfabrik von Johann Martin Lehmann. Gegründet worden war diese 1834 in Dresden, 1912 startete in Heidenau ein Zweigwerk. Es baute Maschinen für die Kakao- und Schokoladenherstellung.

Stätte der Zwangsarbeit, dann Kegelbahn

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hutfabrik umfassend umgebaut. Hier wurden die sogenannten Fremd- und Ostarbeiter - in Wahrheit Zwangsarbeiter - und ihre Bewachungsmannschaften untergebracht. Der Umbau umfasste auch den dreischiffigen Maschinensaal im Erdgeschoss, im ersten Obergeschoss die Schlosserei mit Feilbänken und Klempnerei sowie in zweiten Geschoss den Speisesaal und den Schulungsraum. Hier wurde "kriegswichtiger Nachwuchs des Rüstungswerkes" geschult und Zivilgefangene umgeschult. Insbesondere die Nutzung als Wohn- und Arbeitsstätte von Zwangsarbeitern zeige die Verstrickung von Wirtschaft und Gesellschaftssystem. Das mache auch den wissenschaftlich-dokumentarischen Wert des Gebäudes aus und begründe das öffentliche Interesse am Erhalt, sagt das Landesamt für Denkmalpflege.

Legendär und gern und viel genutzt: die Mafa-Kegelbahn.
Legendär und gern und viel genutzt: die Mafa-Kegelbahn. © Architekturbüro Kulka

Nach dem Kriegsende 1945 und der Enteignung der Firma Lehmann lagerte die Drogen-Großhandels-GmbH in den leeren Räumen der Hutfabrik Medikamente. In den Obergeschossen wurden die zwischenzeitlich entfernten Zwischenwände aus Leichtbauplatten wieder eingezogen. Mit der Verstaatlichung 1947 übernahm der VEB Schokoladen-, Seifen- und Farbmaschinenwerke das Objekt. Später war es dann bis zum Ende der Mafa Anfang der 1990er-Jahre Betriebsberufsschule. Legendär auch die Kegelbahn, die gern und viel genutzt wurde. In jüngster Vergangenheit probten unter anderem die Linedancer in dem Gebäude.

Eine Idee für die künftige Nutzung der Hutfabrik im Gesamtkonzept des Mafa-Parkes gibt es aktuell noch nicht.