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Sterben graue Zellen in der Höhenluft ab? Ein Experiment.

Ein Experiment belegt, dass das Bergsteigen in der Todeszone aber noch viel gefährlicher ist, als bisher angenommen wurde.

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Sicher ist sicher. Apa Sherpa stand 21-mal auf dem Gipfel des Mount Everest – hier in Sauerstoffmontur.
Sicher ist sicher. Apa Sherpa stand 21-mal auf dem Gipfel des Mount Everest – hier in Sauerstoffmontur. © epa/picture alliance/dpa

Wer hätte das gedacht: Die sauerstoffarme Luft in der Todeszone hat bei einem Himalaja-Experiment die Testpersonen nicht dümmer gemacht. Ob graue Zellen in der Höhe absterben, war selbst Reinhold Messner einst ein Rätsel. Der Südtiroler drang mit dem Zillertaler Peter Habeler 1978 in neue Dimensionen vor. Als erste Menschen standen sie ohne Hilfe von Flaschensauerstoff auf dem Mount Everest. Beide belegten, dass Menschen jenseits der 8 800 Meter überleben. Aber um welchen Preis? "Wenn ihr ganz großes Glück habt, kehrt ihr als lallende Idioten zurück", hörte Habeler vor dem Wagnis von Kritikern.

Vor zwei Jahren wollten es 20 Ärzte und 39 Testpersonen aus Deutschland und der Schweiz in Nepal ganz genau wissen. Auf 7 000 Meter Höhe sammelten sie im Himalaja Erkenntnisse für die Intensivmedizin. Die Forscher werteten zum Beispiel Magnet resonanzaufnahmen aus, die sie vor und nach der Expedition von den Hirnstrukturen der Probanden gemacht hatten.

"Es bleibt eine hohe objektive Gefahr"

Die Bilder zeigen, dass einige auf 7 000 Metern ungeahnt in akuter Lebensgefahr waren. Bei drei der 15 Testpersonen, die auf dieser Höhe noch untersucht werden konnten, war die eigentlich undurchlässige Schranke zwischen Blutbahn und Hirngewebe bereits undicht geworden. Dies hatten die Betroffenen und Ärzte im Gebirge nicht erkennen können. Solche Mikroblutungen sind Vorboten eines Hirnödems. Dabei kommt es zu einer Schwellung des Gehirngewebes, die binnen Minuten zu Störungen des Gleichgewichts, zu Bewusstlosigkeit und gar zum Tod führen kann. "Vielen Kunden von Expeditionsagenturen wird das nicht bewusst sein", sagt der Forschungsleiter der Expedition, Dr. Tobias Merz von der Universitätsklinik Bern, in der Zeitschrift GEO. "Sie wähnen sich in der Sicherheit einer organisierten Gruppenreise. Aber es bleibt eine hohe objektive Gefahr." GEO-Redakteur Lars Abromeit, der die Expedition begleitete, ergänzt: "Selbst wer langsam aufsteigt und dabei aufmerksam auf die Signale seines Körpers hört, setzt sich in der sauerstoffarmen Luft offenbar einem unkontrollierbaren Risiko aus."

Eine überraschende Erkenntnis lieferte das Experiment auch: Der Aufenthalt in der sauerstoffarmen Höhe hat die Untersuchungsteilnehmer nicht dümmer gemacht. Frühere Studien legten nahe, dass Alpinisten, die auf den höchsten Bergen der Erde gestanden hatten, im Vergleich zu Kontrollgruppen aus dem Flachland weniger graue Zellen besaßen. Und sie schienen unter Mikroinfarkten zu leiden. Jetzt zeigten die aktuellen Hirnscans keinerlei Hinweise dieser Art. "Zum ersten Mal haben wir nun methodisch sauber gewonnene Daten, die diesen Verdacht eines bleibenden Hirnsubstanzverlusts widerlegen", erklärt Merz.

Entwarnung gibt es für das Höhenbergsteigen aber nicht, wie die Mikroblutungen zeigen. Der Gang in die Todeszone bleibt voller Risiken. Je genauer die erforscht sind, desto besser können sich Wagemutige darauf einstellen. Oder sich aus Vernunftgründen gegen den Aufenthalt in lebensfeindlicher Umgebung entscheiden. (Sebastian Franz)