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Familien-Tradition endet in 3. Generation

In der Landbäckerei Köhler in Bröthen produziert und verkauft ab Januar die Lautaer Bäckerei Krause.

Die Landbäckerei Köhler und der Weihnachtsmarkt in Bröthen/Michalken bildeten immer eine Einheit. Links im Bild zu sehen ist Jürgen Köhler 2019 beim Anschnitt des von seiner Bäckerei gesponserten Riesenstollens durch das sorbische Bescherkind..
Die Landbäckerei Köhler und der Weihnachtsmarkt in Bröthen/Michalken bildeten immer eine Einheit. Links im Bild zu sehen ist Jürgen Köhler 2019 beim Anschnitt des von seiner Bäckerei gesponserten Riesenstollens durch das sorbische Bescherkind.. © Foto: Gernot Menzel

Hoyerswerda. Wo seit vielen Jahren „Landbäckerei Köhler“ dran steht, wird ab Januar zwar keine Landbäckerei Köhler mehr drin sein. Die Backöfen werden allerdings nicht abgeschaltet. Und auch die zur Backstube gehörende Verkaufsstelle an der Neuen Straße in Bröthen soll erhalten bleiben, betrieben allerdings nicht mehr von Familie Köhler in dritter Generation, sondern von der Bäckerei Krause aus Lauta.

Jürgen Köhler und seine Ehefrau Michaela haben sich entschieden, die Rollen zu tauschen. Aus den Chefs der eigenen Bäckerei werden demnächst Mitarbeiter der Bäckerei Krause im eigenen Hause. Es gibt zwei wesentliche Gründe für die beiden Mittfünfziger, gerade jetzt diesen Schritt zu gehen und die Selbstständigkeit aufzugeben. „Wir haben keinen Nachfolger, der das Geschäft übernimmt“, bedauern Köhlers, dass es mit der Fortführung des von Großvater Max Graupner im Jahre 1933 gegründeten Familien-Unternehmens nichts wird. Als ausgebildete Bäckermeisterin käme Tochter Maria dafür allemal infrage, wissen die Eltern. Doch sie hat sich inzwischen beruflich anders orientiert. Früher oder später hätten Köhlers also ihre Bäckerei an jemand anderen ab- oder sie gar aufgeben müssen. Sie trugen sich daher schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken, zu verkaufen oder zu verpachten.

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Zum beiderseitigen Vorteil

Als sich nun Stefan Krause nach zusätzlichen Backstuben-Kapazitäten für seine Lautaer Bäckerei umschaute, bot es sich an, die Gelegenheit zu beiderseitigem Vorteil beim Schopf zu packen. „Leicht ist uns dieser Schritt nicht gefallen“, sagt Jürgen Köhler mit belegter Stimme. „Das Geschäft läuft sehr gut“, merkt Michaela Köhler an. Beide wissen aber auch: „Eine gutgehende Bäckerei lässt sich natürlich besser verpachten.“ Und so übernimmt Stefan Krause die Backstube samt Gerätschaften sowie das sechsköpfige Mitarbeiter-Team der Landbäckerei. „Das sind richtig gute Leute“, betont Jürgen Köhler, der weiß, dass Fachkräfte auch in dieser Branche nicht leicht zu finden sind. Für die Filiale in der Friedrichsstraße in Hoyerswerda hat „der fröhliche Bäckerbursche“, wie Jürgen Köhler im Dorf gern genannt wird, ebenfalls einen Interessenten gefunden. Hier wird ab dem neuen Jahr der Knappensee-Bäcker Willy Bleschke sein Sortiment anbieten. Er hat schon im November den Verkaufswagen der Bröthener Bäckerei übernommen.

Künftig sechs Tage geöffnet

Köhlers werden am 24. Dezember letztmalig auf eigene Rechnung backen und die Verkaufsstellen öffnen. Zwischen Weihnachten und Neujahr soll der Bäckereibetrieb umgestellt werden. Am 4. Januar erfolgt dann die Neueröffnung durch die Bäckerei Krause. „Von da an wird auch wieder am Montag geöffnet sein“, so der Hinweis von Jürgen Köhler. Derzeit erfolgt der Verkauf nur von Dienstag bis Samstag.

In der Vorweihnachtszeit ist die Landbäckerei Köhler in Bröthen/Michalken – so wie derzeit auch wieder - immer hübsch beleuchtet und dekoriert.
In der Vorweihnachtszeit ist die Landbäckerei Köhler in Bröthen/Michalken – so wie derzeit auch wieder - immer hübsch beleuchtet und dekoriert. © Foto: Ralf Grunert

Meister und Quereinsteiger

Wenn Michaela und Jürgen Köhler in wenigen Tagen die Selbstständigkeit aufgeben, dann geschieht das zu einem Zeitpunkt, an dem sie eigentlich ein Jubiläum hätten feiern können. Im Dezember 1990 haben beide die Bäckerei von ihren Eltern übernommen, sie als gelernte Bäckermeisterin, er als gelernter Dachdecker und Quereinsteiger ins Bäckerhandwerk. Die nötigen Fähigkeiten hat er sich angeeignet, indem er zuerst seinem Schwiegervater und dann seiner Ehefrau über die Schulter geschaut hat. „Wenn ich in der Backstube rufe, ich möchte ein Mal mit Profis arbeiten, lachen mich die anderen aus“, nimmt er sich selbst auf die Schippe. Jürgen Köhler ist auch nicht der einzige Quereinsteiger in der Bäckerfamilien. Sein Schwiegervater war ursprünglich Zimmerer.

Das halbe Dorf packte mit an

Weniger lustig, aber ein Teil der Geschichte der Landbäckerei Köhler ist ein schwerer Brand. Der hat Ende der 1990er-Jahre die Bäckerei zerstört und die im gleichen Gebäude befindliche Wohnung schwer beschädigt. Beide Köhlers kamen mit einer Rauchgasvergiftung ins Krankenhaus. Ein Gutachter prognostizierte angesichts der immensen Schäden einen Betriebsausfall von mindestens einem halben Jahr, blickt Jürgen Köhler zurück. Es kam anders. „Das halbe Dorf hat beim Entkernen und beim Wiederaufbau geholfen. Nach drei Monaten haben wir wieder gebacken. Nach vier Monaten konnten wir den Landen öffnen.“

Die Zeit bis zur Inbetriebnahme der eigenen Backstube wurde seinerzeit mit Unterstützung von Bäcker-Kollegen überbrückt. Köhlers durften freie Kapazitäten in den Backstuben der Bäckereien Pieprz in Hoyerswerda, Ermer in Bernsdorf und Mevius in Laubusch nutzen. Dadurch konnte das Geschäft mit dem Verkaufswagen und im Laden in Hoyerswerda aufrechterhalten werden. „Das sind keine Konkurrenten, sondern Mitbewerber und vor allem auch gute Freunde“, sagt Jürgen Köhler.

In wenigen Tagen beginnt nun für Familie Köhler ein neuer Lebensabschnitt. „Der Zeitpunkt ist günstig. Ob sich diese Möglichkeit auch noch in fünf oder zehn Jahren geboten hätte, lässt sich nicht sagen“, wissen beide. „Wir wollten gern, dass es weiter einen Laden mit Backwaren in Bröthen gibt. Dass jetzt sogar die Bäckerei weiter läuft, ist umso schöner.“

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