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Ausstellung gibt Opfern Identität zurück

Drei junge Menschen aus der Stadt an der Schwarzen Elster galten zu Nazi-Zeiten als lebensunwert. Ihr Schicksal ist aber dokumentiert.

Dr. Boris Böhm führte bei der Eröffnung Gabriele Schluttig (vorn) und andere Gäste durch die Ausstellung im Schloss.
Dr. Boris Böhm führte bei der Eröffnung Gabriele Schluttig (vorn) und andere Gäste durch die Ausstellung im Schloss. © Foto: Katrin Demczenko

Von Katrin Demczenko

Hoyerswerda. Richard Richter, Marie Kleida und Karl Heinrich lebten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit ihren Eltern in Hoyerswerda. Diese jungen Erwachsenen waren entweder psychisch krank oder geistig behindert und galten Nationalsozialisten wie 600.000 andere unheilbar kranke Menschen jeden Alters als „lebensunwert“.

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Sie gehörten zu den Betroffenen aus der ehemaligen preußischen Provinz Schlesien, über deren Schicksal die Wanderausstellung „Vergessene Opfer der NS-,Euthanasie‘. Die Ermordung schlesischer Anstaltspatienten 1940 bis 1945“ berichtet. Die Leiterin des Schloss & Stadtmuseums Hoyerswerda Kerstin Noack hat sie im Beisein des Leiters der Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein Dr. Boris Böhm eröffnet. Die Ausstellung ist Projekt der Stiftung Sächsische Gedenkstätten/Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein, informierte der Gast.

Er erklärte wenigen, aber interessierten Besuchern, dass Wissenschaftler verschiedner Länder im 19. Jahrhundert die Eugenik oder Rassenhygiene entwickelt haben. Die Ablehnung von Behinderten erreichte im Ersten Weltkrieg breite Bevölkerungsschichten und die Nazis nutzen den Trend aus. Im Juli 1933 verabschiedeten sie das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ und ließen fast 400.000 unheilbar kranke Menschen zwangsweise sterilisieren. Hitler formulierte am 1. September 1939 auf privatem Briefpapier den Euthanasie-Erlass. Dieses Schreiben war selbst nach damaligen Kriterien nicht rechtsverbindlich, erklärte Dr. Böhm, und doch initiierte Hitler so den Massenmord an 200.000 behinderten Menschen. Die drei Behinderten aus Hoyerswerda wurden mit 2.500 anderen aus Einrichtungen der Provinz Schlesien in sächsische „Zwischenanstalten“ verlegt und später in Tötungsanstalten wie Pirna-Sonnenstein umgebracht. Im Rahmen der staatlich gelenkten, geheimen „Aktion T4“ wurden dort 1940 und 1941 fast 15.000 Behinderte aus allen Teilen Deutschlands vergast. Erst 1941 teilten ca. 1.500 Schlesier dieses Schicksal, unter ihnen die Hoyerswerdaer Bürger, erzählte Dr. Böhm. Der Gauleiter von Schlesien hatte die Kranken offenbar beschützt, bis er 1940 abgelöst wurde. Es gab auch im Dritten Reich Menschen, die Weisungen aus Berlin ignoriert haben. Nach Protesten der Kirche und später der Öffentlichkeit gegen die „Aktion T4“ musste diese 1941 sogar abgebrochen werden. Die „Kinder-Euthanasie“ und die „Medikamenten-Euthanasie“ gingen aber überall, auch in schlesischen und sächsischen Pflegeanstalten bis 1945 weiter. Behörden informierten Eltern absichtlich zu spät über die Verlegung ihrer Kinder und in Sterbeurkunden stand immer eine natürliche Todesursache. Das verschleierte den Krankenmord, sagte Dr. Böhm. Daten der Hoyerswerdaer Opfer stammen aus Patientenakten, die 1990 in einem Sonderarchiv der Stasi gefunden wurden und von Karteikarten, die den Aufenthalt der Kranken in „Zwischenanstalten“ belegen. Diese Informationen können jetzt Wissenschaftler und nächste Angehörige für Recherchen nutzen. Die Besucherin Gabriele Schluttig lobte die Ausstellung, denn sie sorge dafür, „dass menschenverachtendes Gedankengut ja nicht wieder publikumswirksam wird.“

Die Wanderausstellung „Vergessene Opfer der NS-,Euthanasie‘. Die Ermordung schlesischer Anstaltspatienten 1940 bis 1945“ erzählt in deutscher und polnischer Sprache über einige Euthanasie-Opfer und über Täter, die die NS-Krankenmorde skrupellos vorbereitet und durchgeführt haben. Sie ist noch bis zum 15. November im Schloss zu sehen. Seit 2018 bringt die Ausstellung in Deutschland und Polen vor allem Jugendlichen diesen Teil der Geschichte beider Völker nahe.

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