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Der Tag, der alles veränderte

Im Oktober 2010 rutschten bei Bergen 160 Hektar Bergbaukippe weg – mit bis dahin ungeahnten Folgen für Jahrzehnte.

10 Jahre danach: Bodenerosion im Bereich des Rutschungsgebietes am Bergener See. Wie lange das Sperrgebiet bleibt, ist unklar.
10 Jahre danach: Bodenerosion im Bereich des Rutschungsgebietes am Bergener See. Wie lange das Sperrgebiet bleibt, ist unklar. © Foto: Gernot Menzel

Lausitz. Es gibt so Tage in der Geschichte, die verändern die Sicht auf einige Dinge nachhaltig. Das war so, als in der Nacht zum 15. April 1912 nach Eisbergkollision die Titanic sank und nicht genügend Rettungsmittel für alle Personen an Bord waren. Das war auch so, als der wasserstoffgefüllte Zeppelin LZ 129 am 6. Mai 1937 bei der Landung in Lakehurst in einem Feuerball aufging. Und der Ausstieg aus der Atomenergie, zumindest in Deutschland, wäre nicht ohne die Reaktorkatastrophen in Tschernobyl am 26. April 1986 und in Fukushima am 11. März 2011 denkbar.

Die Lausitz hat auch so einen Tag: Als sich am 12. Oktober 2010 im ehemaligen Tagebau Spreetal unweit von Bergen von einem Moment auf den anderen 160 Hektar sanierte Fläche in Bewegung setzten, war dies das Initial für einen Paradigmenwechsel bei der Bergbausanierung im Lausitzer Revier.

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Eckhard Scholz, Bereichsleiter Technik bei der LMBV, erinnert sich lebendig an den 7. Januar 2011, als im Barbarasaal am LMBV-Hauptquartier in Senftenberg all Jene zusammenkamen, die in Deutschland bei diesem Thema Rang und Namen haben – Sachverständige und Professoren aus dem ganzen Land, Vertreter der LMBV und des Bergbaukonzerns Vattenfall, heute Leag. „Wir haben es mit einer zum damaligen Zeitpunkt nicht komplett erklärbaren neuen Herausforderung zu tun.“ Das bis dahin angehäufte Wissen über Kippen, Sanierung von Bergbaufolgeflächen, den Grundwasserwiederanstieg und die Freigabe der Flächen für die Nutzung wurde zwar nicht unbedingt auf den Kopf gestellt. Aber es war der Punkt des Umdenkens erreicht. Bedingt durch die geologische Einmaligkeit der Kornstruktur der Lausitzer Sande in dieser Großflächigkeit. Ganz simpel ausgedrückt: Die Kornstruktur der Lausitzer Sande ist runder als üblich. Die Körner verzahnen sich nicht. Gesättigt mit Wasser neigt diese Masse dann zur Verflüssigung. Und diese braucht nicht wie bis dahin angenommen ein großes Erschütterungspotenzial von außen, um sich in Bewegung zu setzen. Eckhard Scholz fasst das heute, zehn Jahre später so zusammen: „Unsere Lausitzer Alt-Kippen sind instabil, verflüssigungsempfindlich. Wir müssen die Lagerungsdichte verändern. Und es gibt in den Kippen innere Initiale.“ Und selbstverständlich ist das alles hoch komplex.

Selbst international betrachtet ein spezielles Phänomen. Beschränkt man den Blick nur auf Deutschland steht schon das Rheinische Revier nicht vor diesen Sorgen und das Mitteldeutsche nur zu einem gewissen Teil.

Mit der deutschen Wiedervereinigung hatte man sich gesamtgesellschaftlich zur Bergbausanierung in den neuen Bundesländern bekannt, wollte die Folgen des Bergbaus aus den Jahren vor 1945 und zu DDR-Zeiten heilen, gerade auch dort, wo es keinen Rechtsnachfolger gab.

Vor allem in den 1980er-Jahren war die Technologie der Förderbrückenkippen eigentlich gut erforscht worden. Diese Forschung brach dann mit der Wende ab. Man glaubte, genügend zu wissen und war fest überzeugt davon, dass man so nach dem Bergbau auch eine attraktivere Landschaft schaffen könnte und sollte – hier ein toller Rodelberg, da eine möglichst wellige Landschaft für das geplante Karl-May-Land. Es war auch klar, dass Bereiche, die auf jeden Fall sicher stehen, eine Straße oder Schienenstrecke tragen sollte, eine Verdichtung der gekippten Massen bis hinunter zum Liegenden erfolgen musste. Man schuf sichere Seeufer, versteckte Dämme.

Man ging auch davon aus, dass nach 100 Jahren Bergbau 20 bis 25 Jahre Bergbausanierung ausreichen sollten. Man wusste um Rutschungen und Grundbrüche und Setzungen. Es war klar, dass Filterbrunnenschächte und Tiefbaustrecken der Entwässerung verwahrt werden mussten. Aber es gab nur ungenügende Erkenntnisse über den Wiederanstieg des jahrzehntelang großflächig abgesenkten Grundwassers. Und es sollte erst das Regenjahr 2010 kommen müssen, da in der Lausitz so viel Nass vom Himmel fiel, dass die Grundwasserstände ein Höchstmaß erreichten. Es war das Jahr, da man beispielsweise in der Gemeinde Lohsa nicht mehr existierende Entwässerungsgräben begann zu vermissen, Wasser in eigentlich trockenen Kellern aufstieg. Stellenweise lag der Grundwasserspiegel hier und da überirdisch.

Im Jahr 2009 gab es die ersten dieser nicht nachvollziehbaren geotechnischen Ereignisse im Bereich Seese/Schlabendorf, dem großen ehemaligen Tagebaugebiet zwischen Calau, Lübbenau und Luckau. Im Oktober 2010 folgte Spreetal/Bergen, am zweiten Weihnachtsfeiertag dann ein Grundbruch bei Lohsa. Als eine der ersten Maßnahmen wurden gigantische Gebiete gesperrt: 17.000 Hektar Fläche. Größtenteils Gebiete, die eh noch nicht für die Nutzung freigegeben waren, aber auch tausende Hektar Wald und Ackerfläche, die schon private Besitzer oder Nutzer hatten.

Und es wurde der geotechnische Beirat gebildet, besetzt mit Fachleuten aus ganz Deutschland – mit beratender Funktion. Man schaute bei der Erdbebenforschung nach und kam schnell zu der Erkenntnis, das Geodräns, also vertikal in die Erde eingebrachte Kunststoffstreifen sogenannte Porenwasserdrücke nach oben ableiten können und so die Gefahr der Verflüssigung von mit Wasser gesättigten Erdmassen im besten Fall verhindern können. Das half auf die Schnelle, als klar war, dass die B 97 zwischen dem Abzweig Burg und Spreetal nicht stabil liegt. Die 2004 schon mal teilweise weggerutschte Kreisstraße 9210 Knappenrode-Koblenz war so ein Fall.

Beide Straßen wurden mit solchen Dräns und daran angeschlossener Überwachungstechnik ausgestattet. Im Bedarfsfall würden Leuchttafeln die Straßen sperren. Minuten später würden Feuerwehren ausrücken. Und auf einigen Flächen wie der Innenkippe Koschen führte man Belastungstests durch, konnte vergleichsweise kleine Flächen anschließend wieder aus der Sperrung herausnehmen, bislang rund 2.000 Hektar.

Seitdem hat man viele Erfahrungen gesammelt und Erkenntnisse gebündelt. Man hat in Schlabendorf-Süd sogar eine ruhende Kippe überwacht in einem Bereich, in dem in 10 bis 15 Jahren die meisten geotechnischen Ereignisse registriert wurden. Eckhard Scholz: „Das Fazit ist: „Man kann diese geotechnischen Ereignisse nicht vorhersehen oder -sagen. Sie passieren spontan und plötzlich.“ Letztlich gab es für die Initiale keinen gemeinsamen Nenner – Niederschlag und Luftdruckschwankungen spielen ebenso eine Rolle, wie eben der Grundwasserwiederanstieg. Die Förderbrückenkippen sind nicht so homogen wie erhofft. Man weiß aber, dass selbst bei Rutschungen direkt daneben befindliche versteckte Dämme halten.

Man weiß auch, dass die gewünschte Veränderung bei der Lagerung der Lausitzer Sande nur durch gezielte Initiale möglich ist. So wurde seit 2012 die schonende Sprengverdichtung entwickelt. Statt einer Ladung von 150 Kilogramm Sprengstoff pro Bohrloch sind es nun nur 5 bis 10 Kilogramm, verteilt in verschiedenen Tiefen des Bohrloches. Man setzt auch weiterhin auf Rütteldruck- und Rüttelstopfverdichtung. „Wir haben jetzt Regeltechnologien, eine Matrix“, sagt Eckard Scholz.

Die Maximalvariante wäre eine nachträgliche Verdichtung aller Innenkippen. Ein selbst für die Maßstäbe der Bergbausanierung teures Unterfangen. Im Bereich Seese-Ost macht man dies aber nun auf 600 ha Fläche. Es ist ein überschaubares Pilotprojekt. „Es soll in den 2020er-Jahren fertig saniert werden. Dann haben wir alle Nachweise und entsprechende Unterlagen.“

Unabhängig davon wurden 2015 alle Innenkippen im Lausitzer Revier nach gleichen Maßstäben bewertet. „Seitdem wissen wir, was zu tun ist. Auch, dass es viel Geld kostet und sehr lange dauert. Wir reden von Zeiträumen über das Jahr 2050 hinaus.“ Daher wolle sich die LMBV auf die Gebiete mit den höchsten Entwicklungspotenzialen konzentrieren. Scholz nennt den Sedlitzer See und infrastrukturelle Vorhaben wie Trassenabschnitt der Landesstraße 60 in Brandenburg und der Bundesstraße 97 in Sachsen bei Spreetal. Die B 97 zusammen mit einem Abschnitt der S 130 sind seit der Sperrung der Tieflage bei Spreetal stärker in den Fokus gerückt. „Das wird eine der komplexesten Aufgaben“, sagt Scholz, spricht von einer eigenen Liga. Und meint damit nicht nur die Straßentrassen, sondern das gesamte Gebiet Spreetal Ost mit Tieflagen, Höhen, wichtigen Leitungstrassen und Aufbauten. Dann ist da auch die Millionenkippe, die nicht von einem versteckten Damm umgeben ist. Eckhard Scholz geht jetzt von drei bis vier Jahren Planung für den gesamten Bereich aus, dann soll saniert werden, und zwar so, dass nie mehr jemand bergtechnisch an dieses Gebiet heranmuss. Heute vor zehn Jahren hatte das so niemand auf dem Schirm. Und dann kam der 12. Oktober 2010.

Mit Bohrtechnik auf umgerüsteten Pistenbullys wird die schonende Sprengverdichtung auf den gesperrten Innenkippen vorgenommen.
Mit Bohrtechnik auf umgerüsteten Pistenbullys wird die schonende Sprengverdichtung auf den gesperrten Innenkippen vorgenommen. © Foto: LMBV
Künstliche Erhebungen sollten die Bergbaufolgelandschaft attraktiver machen. Jetzt werden sie wieder abgetragen, um Druck vom Gelände zu nehmen.
Künstliche Erhebungen sollten die Bergbaufolgelandschaft attraktiver machen. Jetzt werden sie wieder abgetragen, um Druck vom Gelände zu nehmen. © Foto: LMBV

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