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Die Wiederkehr der Stadtmühle

Eine frisch gesponnene Legende um Schadowitz/Krabat, ein Ausflug in die wahre Geschichte und ein Ausblick auf bald.

Radlos: Wittichenaus Stadtmühle. Einst hatte sie sogar zwei Mühlräder. Der vordere Durchbruch, obwohl vermauert, ist so weit frei gelegt, dass erahnbar ist, wo sich Rad Nr. 2 befand. Von Rad Nr. 1 ist die Welle erhalten geblieben.
Radlos: Wittichenaus Stadtmühle. Einst hatte sie sogar zwei Mühlräder. Der vordere Durchbruch, obwohl vermauert, ist so weit frei gelegt, dass erahnbar ist, wo sich Rad Nr. 2 befand. Von Rad Nr. 1 ist die Welle erhalten geblieben. © Foto: Uwe Jordan

Wittichenau. Ein milder Tag Mitte Mai 1704. Johann von Schadowitz ist, wie jeden Tag zwei Mal, von Groß Särchen nach Wittichenau zum katholischen Gottesdienst gefahren. Und zum Gespräch mit dem Stadtmüller! In dessen Kämmerchen, keine drei Meter im Quadrat messend (und durch das noch ein Aufzug führt), diskutieren die Herren seit Jahren von gleich zu gleich – war doch Krabat, zu dem die Sage schon zu Lebzeiten Schadowitz verklärt hat, in seiner Jugend auch Müller.

Jetzt gilt er als Zauberer, weil vieles, was er tut und veranlasst, den Menschen unverständlich ist; selbst wenn es zu ihrem Besten ausschlägt. Ist es etwa kein Zauberwerk, wenn einst sumpfige, unbestellbare Felder plötzlich Ernte tragen; nur weil der Herr hat Gräben anlegen lassen, durch die das Wasser abzieht?

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Der Koraktor im Stadtteich

Eigentlich wäre Schadowitz ja selbst gern Wittichenauer – aber einerseits hat ihn der König mit Groß Särchen (das er durchaus schätzt!) belehnt; andererseits ist in Wittichenau kein Bauland zu haben. So muss er sich mit den täglichen Besuchen bescheiden – und den Gesprächen mit dem Müller. Dann bleibt dessen Käfterchen verschlossen. Wer mit dem großen Schwengel draußen anklopft, um Einlass zu erlangen, findet kein Gehör. Was haben die beiden nur immer zu besprechen, wozu sie ungestört bleiben wollen? Nun, oft geht es um Krabats Koraktor. Vermeintlich ein Zauberbuch, eher wohl aber ein „technisches Kompendium“, in dem sich manches zu Nutz und Frommen findet. Anderes hingegen, aus der Zeit des Kriegsmannes, des Obristen Schadowitz, sind verderbenbringende Ratschläge. Gerät das nach dem Tode des Besitzers in falsche Hände, kann damit viel Schaden gestiftet werden! Der Müller dringt in seinen Gast, das Buch zu vernichten: Wisse man, was anderenfalls daraus entstünde? Wolle er, Schadowitz, sich vor seinem Ewigen Richter dafür verantworten, sorglos dem Bösen in die Hände gearbeitet zu haben? Schließlich fügt sich Schadowitz seufzend; wirft eines Nachts heimlich den Folianten an der tiefsten Stelle in den Wittichenauer Stadtteich. Wenige Tage später stirbt er. In Frieden. Das kündet der weiße Schwan, der sich über Schadowitz’ Sterbehaus in Groß Särchen einstellt. Am 2. Juni findet Schadowitz in der Wittichenauer Kirche seine letzte Ruhestatt.

Zweitältestes Gebäude der Stadt

So könnte es sich zugetragen haben in der Wittichenauer Stadtmühle. Das heutige Haus, nach der Kirche St. Mariä Himmelfahrt das zweitälteste in Wittichenau, entspricht in Teilen noch der Mühle aus Krabats Zeiten. Nach dem verheerenden Stadtbrand 1780 wurde sie wieder errichtet. Das eigentliche Mühlhaus ist, wiewohl öffentlich nicht zugänglich, noch so erhalten, wie es um 1780 und früher ausgesehen hat – bis hin zum Müllerstübchen mit dem Signalschwengel; dem Fachwerk und Teilen des mechanischen Mahlwerks. Freilich ist dort längst kein Mehl mehr in Trichter und Säcke gerieselt. Die eigentliche Mühlengeschichte endet am 1. Mai 1945. Müller Max Graf stellt sich schützend vor Frauen, die die Begierde marodierender Polen geweckt haben. Graf büßt seinen Mut mit dem Leben: Er wird erschossen.

Zwischenzeitlich Jugendklub

Die Mühle bleibt. Margarete Graf, eine Tochter des Müllers, heiratet Johannes Kockert. Dessen Sohn Gerhard wächst am Stadtteich auf, sieht sein Vaterhaus und das Ensemble des geschlossenen Hofes noch wie zu Grafs Zeiten – mit der Mühle, der Niederlage (einem Nebengebäude, Lager für Fertigprodukte), mit Pferdestall, Kuhstall und kleiner Walke (Fellgerberei). Manches verfällt, weil es nicht saniert werden kann. Ein Teil der Mühle wird (was noch heute zu sehen ist) vorübergehend von einem Jugendklub genutzt. Der Zustand des Mühl-Traktes wird bedenklich. Die Kockerts beschließen, zu handeln: 2004 beginnen Sohn Tobias und seine Frau Claudia im Einvernehmen mit der Familie, dieses einmalige Stück Wittichenauer Stadtgeschichte zu retten: Stück für Stück; Schritt für Schritt; wie es Kraft, Zeit und Geld erlauben – und wie es die Unterstützung vieler Freunde möglich macht.

Eine Aufgabe für ein Jahrzehnt

Zuerst wird die marode Niederlage auf den alten Fundamenten wieder neu aufgebaut; ist heute im leuchtenden Orange-Farbton Wohnhaus. 2018 nimmt Tobias Kockert Kontakt mit dem Denkmalschutz und der Stadt Wittichenau auf. Zusammen mit den Planern Dirk Jerominek und Sven Jakubetz wird überlegt: Was kann man tun, um die eigentliche Mühle zu erhalten und zu sichern? 2020 folgen entscheidende Schritte: Mit regionalen Firmen, so Schlegel & Koplanski (Wittichenau) sowie Sorabia Bau (Rosenthal), werden Fundamente und Dach saniert; wird Fachwerk restauriert. In diesem Jahr 2021 versehen Zschorlich & Kühn (Kotten) die Fassade mit originalgetreuer Farbe und bauen einen Fußboden im Parterre ein – im Innenraum, der, wie erwähnt, in Teilen noch „anno 1780“ ist. Ferner geplant: Aufarbeiten und Erneuern der Fenster durch die Denkmalpflege Sauer aus Crostwitz. Dies alles wurde und wird erst möglich durch sächsische Landesmittel – bereitgestellt aus dem Denkmalschutz.

„Die Sanierung wird eine Aufgabe für ein Jahrzehnt“, schätzt Tobias Kockert ein. Dann soll die Mühle ein Anziehungspunkt am Stadtteich sein. Vielleicht wird man dort einen Kaffee oder ein Eis bekommen; vielleicht ist die Walke als Rasthütte wiederauferstanden. Und vielleicht gibt es im Müllerstübchen „Geschichtsstunden“ mit Krabat. Nur der Koraktor wird am Seegrund bleiben müssen – für das Zauberhafte sind die Nachfahren der Müller aus eigener Kraft zuständig.

Im Zuge der Bauarbeiten gefunden: ein alter Mahlstein, der ausgedient hatte, vergraben wurde und nun im Mühlhof als Dekorationsstück seinen neuen Dienst tut.
Im Zuge der Bauarbeiten gefunden: ein alter Mahlstein, der ausgedient hatte, vergraben wurde und nun im Mühlhof als Dekorationsstück seinen neuen Dienst tut. © Foto: Uwe Jordan
Fachwerk – meisterhaft restauriert; an maroden Stellen mit Stücken aus anderen Wittichenauer Häusern ergänzt, so geschickt, dass man die „Übergänge“ fast nicht sieht.
Fachwerk – meisterhaft restauriert; an maroden Stellen mit Stücken aus anderen Wittichenauer Häusern ergänzt, so geschickt, dass man die „Übergänge“ fast nicht sieht. © Foto: Uwe Jordan
Die Stadtmühle an der Wittichenauer Mühlgasse 5 hat ein neues, dichtes Dach – und die Fassade ist erneuert. Damit ist der Grundbestand nun dauerhaft gesichert.
Die Stadtmühle an der Wittichenauer Mühlgasse 5 hat ein neues, dichtes Dach – und die Fassade ist erneuert. Damit ist der Grundbestand nun dauerhaft gesichert. © Foto: Uwe Jordan
Dachgebälk: teils original wie vor 250 Jahren, noch mit alten Zimmermannszeichen; teils kunstvoll ausgebessert und ergänzt.
Dachgebälk: teils original wie vor 250 Jahren, noch mit alten Zimmermannszeichen; teils kunstvoll ausgebessert und ergänzt. © Foto: Uwe Jordan

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