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Ein Jahr Marktschwärmerei in Hoyerswerda

Die Anbieterzahl hat sich verdoppelt, das Angebot ist größer, Erzeuger und Kunden sind stets im Austausch miteinander.

Am Freitag waren erstmals die Wittichenauer Stadtbrauerei und Berryline, als Anbieter von Nuss-Frucht-Mischungen, zu Gast in der Marktschwärmerei.
Am Freitag waren erstmals die Wittichenauer Stadtbrauerei und Berryline, als Anbieter von Nuss-Frucht-Mischungen, zu Gast in der Marktschwärmerei. © Foto: Juliane Mietzsch

Hoyerswerda. Bevor am 5. Juni des vergangenen Jahres die erste Verteilung stattfinden konnte, musste Dagmar Steuer einiges an Überzeugungsarbeit leisten. Doch das ist gelungen, und die Marktschwärmerei Hoyerswerda ist nun mittlerweile ein Jahr alt. Neue Kunden und neue Erzeuger sind in dieser Zeit hinzugekommen. Das Prinzip dahinter ist recht einfach.

Auf einer Plattform findet die Kundschaft Produkte, die aus der Region kommen. Der Einkauf erfolgt online. Eine Anmeldung auf der Website ist notwendig und schon können Gemüse, Aufstrich, Kuchen, Wurst und andere Dinge in den Warenkorb gelegt werden. Online wird bezahlt und dann kann freitags das Bestellte während anderthalb Stunden in der Markthalle in der Straße E abgeholt oder nach Hause geliefert werden. So werden Erzeuger und Verbraucher zusammengebracht.

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Initiatorin Dagmar Steuer ist schon lange an natürlicher, regionaler und saisonaler Ernährung interessiert. So kam nach der Beendigung eines Fastenkurses, der diese Werte auch vermittelt hat, die Idee auf, lokal eine Lösung zu finden. Denn besonders für Berufstätige scheint es schwierig zu sein, Hofläden aufzusuchen. Und, was im Supermarkt erhältlich ist, hat für die Hoyerswerdaerin nichts mit „Lebens“-mitteln zu tun, wenn viele Stoffe in der Nahrung fehlen. So standen sich also der Wunsch und die Realität gegenüber. Eine Zwickmühle, meint Dagmar Steuer. „Aber ich konnte die Zeit im Lockdown nutzen.“ Der Kontakt zu Produzenten brachte die Idee einer Marktschwärmerei hervor. Von Berlin aus wird das Netzwerk betreut und dann auch in Hoyerswerda etabliert.

Die Teichwirtschaft Ringpfeil aus Königswartha ist beispielsweise auch an den Standorten Bautzen und Zittau vertreten. „Wenn es die Leute nicht zu uns schaffen, dann kommen wir eben hier her“, sagt Karsten Ringpfeil. Er liefert Fisch auch an hiesige Gastronomien. Der Einzelhandel als Absatzmarkt hat bisher gefehlt. „Wir wollen nur anbieten, was wir züchten.“ Etwa 50 Teiche werden durch den 2013 gegründeten Betrieb bewirtschaftet. Er hat nun die Erfahrung gemacht, dass Frischfisch weniger nachgefragt wird, aber verarbeitete Spezialitäten gut gehen.

Über 30 regionale Erzeuger

Auch Dagmar Steuer hat bemerkt, dass die Erzeuger sich auch schon mal der Nachfrage der Kunden anpassen. Überhaupt können im direkten Gespräch Fragen zur Produktion und Verarbeitung gut gestellt und beantwortet werden. „Sie haben hier einen neuen Absatzmarkt gefunden und manche erweitern ihr Portfolio.“ Mit 16 Anbietern wurde der Anfang gemacht, jetzt sind es schon 32. Das spricht auch für ein breiteres Angebot, als noch vor einem Jahr.

Claudia Finster sieht hingegen auch noch enormes Entwicklungspotenzial dieses Marktes, obwohl sie anfangs skeptisch war, ob das Konzept funktioniert. Die Bäckerei Ermer hat durchschnittlich 30 Bestellungen, weiß sie. Und genau danach kann die Bäckermeisterin und Konditorin die Ware produzieren. Denn bis Mittwochnacht können Bestellungen jeweils für den kommenden Freitag aufgegeben werden. Sie vermutet unter der Kundschaft vor allem ernährungsbewusste Menschen. Dagmar Steuer sieht eher drei Menschengruppen, die diesen Handel nutzen: Unterstützer, die etwas für die Region tun möchten; Bewusste, die sich gesund ernähren wollen; Genussmenschen, die den Geschmack zu schätzen wissen. Zu dieser Gruppe scheint das Ehepaar Lisseck zu gehören. Sie möchten durch ihren Einkauf regionale Produzenten unterstützen, wissen damit um ihren besseren ökologischen Fußabdruck. Doch sie sagen auch, „es schmeckt einfach lecker – alles, was wir bisher gekostet haben“. Eingekauft wird je nach Bedarf, Freunde konnten sie schon für die Marktschwärmerei begeistern.

Carmen Retzela-Kühn vertreibt keine Lebensmittel, sondern hat unter anderem Mulchabdeckung und Tiereinstreu im Angebot. Die in Göda ansässige Firma baut Chinaschilf an, ist auch an Versuchsflächen beteiligt. Ein kleiner fester Kundenstamm hat sich etabliert. Doch sie sieht auch den Vorteil, dass „wir hier auf Kunden zugehen und uns weiter bekanntmachen können“.

Austauschen und dazulernen

Besonders die Pflege der Plattform koste Zeit. Daher gibt es laut Dagmar Steuer noch einige Produzenten, die Interesse bekundet haben, aber noch nicht vertreten sind. „Wir haben hier Platz, es können weitere Stände dazukommen“, sagt sie über die von der Lautech zur Verfügung gestellte Halle im Industriegebiet. Doch sie muss auch immer weiter akquirieren, und versucht neue Unternehmen zu gewinnen. Auch die Erzeuger sind untereinander im Kontakt und tauschen sich aus, hat die Erfahrung gezeigt.

So kam beispielsweise eine Zusammenarbeit der Krabat-Milchwelt und der Winzerfamilie Wobar zustande. „Wein und Essen gehören zusammen“, erklärt Cornelia Wobar, deren Weine am Großräschener See angebaut und per Hand gelesen werden. Etwa eine bis fünf Bestellungen hat die Winzerfamilie pro Woche zu bearbeiten. „Ich bin nicht jede Woche vor Ort“, hat sie es sich nun organisiert. Zuletzt hat Cornelia Wobar sogar online Verkostungen durchgeführt. Da trafen sich auch schon mal Freunde digital, weiß sie.

Ursula Pech aus Wittichenau hatte schon über das Format gelesen, als es den Standort in Hoyerswerda noch nicht gab. Immer wieder erklärt sie Bekannten das Prinzip und lobt, dass die Bestellung schnell und einfach geht. „Ich beschäftige mich mit gesunder Ernährung und sehe, was der Erzeuger bekommt.“

Für Monika Wauer aus Neschwitz bedeutet die Teilnahme an der Marktschwärmerei einen Mehraufwand, aber „es passt zu mir“, sagt sie weiter. „Man muss es gut organisieren, dann klappt das.“ Sie konnte sogar eine weitere Mitarbeiterin einstellen. Mittlerweile hat sie Mehrweg-Gläser eingeführt und achtet auf eine nachhaltige Art der Verpackung. Bei Wind und Wetter auf dem Wochenmarkt sein, das kann sie nicht mehr bewältigen, aber so geht es gut.

Roland Nuck aus Bergen, der schon sein Sortiment um Nudeln erweitert hat, sagt, dass er dadurch enorm dazugelernt hat.

Die Hofläden sollen durch diesen Verkauf keinesfalls verdrängt werden, betont Dagmar Steuer und sieht eher eine Ergänzung. „Ich möchte den Erzeugern ermöglichen, neue Kundenstämme aufzubauen.“

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Keine Lebensmittel, sondern verarbeitetes Schilf aus Göda gibt es auch. © Foto: Juliane Mietzsch
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