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„Tourismus hat nichts mit Massenabfertigung zu tun“

Anja Ittmann möchte noch mehr auf die individuelle Betreuung von Seenland-Gästen setzen.

Von Juliane Mietzsch
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Die Hoffnung, dass bald wieder Bustouren in dem gewohnten Umfang stattfinden können, ist groß. Denn das macht den Großteil der Buchungen in Anja Ittmanns Unternehmen Lausitzer Seenland Touren aus.
Die Hoffnung, dass bald wieder Bustouren in dem gewohnten Umfang stattfinden können, ist groß. Denn das macht den Großteil der Buchungen in Anja Ittmanns Unternehmen Lausitzer Seenland Touren aus. © Foto: Juliane Mietzsch

Klein Partwitz. Die schlimmsten vier Wochen ihrer Firmengeschichte hat Anja Ittmann vorletztes Frühjahr erlebt. „Das Datum werde ich nie vergessen – 15. März 2020.“ Da haben die ersten umfänglichen Pandemie-Maßnahmen gegriffen. „Es ging wirklich gar nichts mehr. Der Tourismus war gleich als erstes stark betroffen.“ Zu diesem Zeitpunkt waren die Buchungen für den Sommer schon unter Dach und Fach, dann hagelte es Stornierungen. „Für nichts anderes bin ich täglich ins Büro gefahren.“

Der Aufbau der Firma Lausitzer Seenland Touren in Klein Partwitz hat in den Jahren zuvor den Alltag bestimmt, da sei das Privatleben schon hintangestellt gewesen. Doch trotz der misslichen Lage hat sich eine neue Tür geöffnet, wie es Anja Ittmann beschreibt, und meint damit Tochter Anna, die in einigen Tagen den ersten Geburtstag feiern kann.

Wie eine Geisterfirma …

Irgendwann konnten wieder Bustouren stattfinden, und Anja Ittmann meint, dass das Lausitzer Seenland einen Boom erlebt hat. Zum Beispiel die Nachfrage nach Rundflügen hat zugenommen, einige Bustouren waren durch Terminverschiebungen erhalten geblieben. Nur im Umsatz war das so nicht spürbar. „Das Jahr haben wir eher schlecht als recht überstanden“, lautet ihr Fazit. Einigkeit herrschte unter den touristischen Anbietern: Der Kunde kann nichts für die Situation, es wurden kostenlose Stornierungen angeboten. Zwischenzeitlich hatte Anja Ittmann den Eindruck einer Geisterfirma – keine Mails, keine Telefonate, als würde das Unternehmen gar nicht existieren. Die Klein Partwitzerin vermutet, am Ende des Jahres ein um etwa ein Drittel geringeres Aufkommen gehabt zu haben. „Wir haben uns durch den Sommer gehangelt, und es war klar, dass der Winter hart werden würde.“

Die Gedanken drehten sich darum, wie alles künftig mit einem Neugeborenen zu stemmen sei. Denn schon die Schwangerschaft während der Pandemie sei eine Herausforderung gewesen. Letztendlich blieb viel mehr Zeit für die kleine Anna, als es in einer anderen Situation der Fall gewesen wäre. Dennoch der Dämpfer, dass kaum etwas möglich war, was junge Mütter beziehungsweise Familien für gewöhnlich machen. Diese Veränderung von der Berufstätigen mit vielen Einsätzen am Wochenende hin zu der Mutter, die gezwungenermaßen zu Hause die Zeit verbringen muss, sei eine 180-Grad-Wendung gewesen, umschreibt Anja Ittmann den völlig neuen Alltag Anfang 2021. „Es war nichts an der Situation zu ändern, aber ich verliere meinen Optimismus nicht. Da hat Anna mir dann Halt gegeben.“ So war es letztlich der perfekte Zeitpunkt für Nachwuchs, kann Anja Ittmann stolz behaupten.

Was wird im Sommer möglich sein?

Der Start im neuen Jahr verlief ebenso holprig wie das Jahr zuvor endete. Es fehlten im Frühsommer die Tage um Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten. Erst im Juni konnten wieder Touren angeboten werden. Anja Ittmann erinnert sich, die erste Bustour Ende Juli gefahren zu sein, was verhältnismäßig spät ist. Ebenso mussten Kompromisse zwischen dem Beruf und der Familie gefunden werden, und das sei gemeinsam gut gelungen. Auch die Rundflüge, die zusammen mit einem anderen Unternehmen realisiert werden, seien wieder super angenommen worden.

Seit einiger Zeit werden Buchungen für 2022 vorgenommen, doch insgesamt sei das Aufkommen noch sehr verhalten. Denn wie Urlaub in diesem Sommer aussehen kann; ob Auslandsreisen möglich sind, weiß noch niemand. Die daraus resultierende Unsicherheit kann Anja Ittmann gut verstehen. Doch einerseits geben Busunternehmen schon ihre Tourenpläne hinaus und andererseits ist auch schon die erste Radtour seit einigen Tagen gebucht. Das freut Anja Ittmann. Denn genau in diesen Bereichen möchte sie als Reiseleiterin noch mehr Menschen erreichen – bei Radtouren, Wanderungen und V.I.P.-Touren. „Der Mehrwert eines Tourguides wurde noch nicht so richtig erkannt“, lautet das bisherige Urteil. „Ich wünsche mir, dass die Seenland-Gäste das noch mehr annehmen.“ Auch Einheimische können hierbei genauso profitieren, neue Wege kennenlernen und Neues über ihre Heimatregion erfahren – Anja Ittmann spricht von Insidertipps. „Wir zeigen andere Routen, da gucken auch die Einheimischen manchmal nicht schlecht.“ Gerade das Radfahren sollte ihrer Meinung nach noch mehr entdeckt werden, denn es ist für die Umwelt und die eigene Gesundheit gut. Dass Umweltschonung mehr ins Bewusstsein rückt, nimmt die Unternehmerin nämlich auch wahr.

„Es wird uns weiterhin geben“

Außerdem ist die junge Mutter überzeugt, dass es zum Wandern keine Berge braucht. Zuletzt hat sie bedauert, die Silvester-Wanderung wieder nicht durchgeführt haben zu können. „Es ist an der frischen Luft, mit Abstand und in der Familie, aber der Tourismus darf mal wieder nicht.“ Sie spricht von einer fehlenden Lobby und betont, dass „Tourismus nichts mit Massenabfertigung zu tun hat“. Es sei beispielsweise denkbar, einen Bus nur halb zu besetzen, die Kunden müssten mehr zahlen, aber laut Anja Ittmann gäbe es die Bereitschaft dafür. Individualität und Qualität sind die Stichworte – „die Massen haben wir nicht, und das wollen wir auch gar nicht.“ Es ist die Rede von qualitativ hochwertigen Produkten, Leistungen und Anbietern, die es in der Region gibt, und die als Partner involviert sind. „Das will ich den Gästen zeigen und noch mehr kleinere Gruppen ganz hochwertig betreuen.“ Denn für Anja Ittmann ist die Region mehr als nur „baden und die Seen. Wir brauchen uns überhaupt nicht zu verstecken“. Vielleicht hat die Pandemie sogar einige Gäste ins Seenland gebracht, die sonst nicht gekommen wären, sieht Anja Ittmann eine Chance.

„Wir sind die letzten, die sich von der Krise erholen werden“, findet die Unternehmerin deutliche Worte. „Uns wird es auch weiterhin geben, aber mit Schrammen.“ Jetzt lautet der Appell, für dieses Jahr Ausfahrten zu planen, damit die Kundenwünsche erfüllt werden können und die Anbieter eine Nachfrage erfahren.