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Schönstes Geburtstagsgeschenk für Altbürgermeister

Das Dorf Proschim ist in 80 Jahren dreimal dem Braunkohlebagger von der Schaufel gesprungen. Nun für immer.

Alte Schule Proschim im Winterzauber 2021. Das Haus ist ebenso gerettet wie das gesamte Dorf – seit 14. Januar steht es fest.
Alte Schule Proschim im Winterzauber 2021. Das Haus ist ebenso gerettet wie das gesamte Dorf – seit 14. Januar steht es fest. © Foto: Jost Schmidtchen

Von Jost Schmidtchen

Am 14. Januar 2021 fiel die Entscheidung: Teilfeld II des Tagebaus Welzow-Süd wird auf Grund der politischen Entscheidungen zum Braunkohleausstieg vom Unternehmen Leag nicht mehr in Anspruch genommen. Verbunden damit ist die Endgültigkeit: Proschim wird nicht abgebaggert! Vorausgegangen war ein über 80-jähriger Kampf der Einwohner gegen die Braunkohle. Ein einmaliger Vorgang.

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In der kleinen Stadt in der Oberlausitz gibt es ein Archiv, das weltweit seinesgleichen sucht und nun mithilfe der TU Dresden/TUD zugänglich wird.

Erster Besitzer verfiel dem Alkohol

Die Gründung des Ortes ist auf 1527 datiert, die erste urkundliche Erwähnung stammt von 1551. Die ersten Siedler waren Wenden, wie überall in der hiesigen Gegend. Noch bis in die Mitte der 1950er-Jahre trugen einige Frauen täglich die Tracht, die sorbische Sprache wurde seit Beginn des 20. Jahrhunderts verdrängt und verlor sich infolge der zunehmenden Industrialisierung in den 1960er-Jahren völlig.

Bereits vor mindestens 120 Jahren geriet Proschim erstmals in den Fokus der Braunkohle. Ein Graf Oppersdorf sicherte sich Grabungs- und Schürfrechte in der Gemarkung Proschim. Die Bauern erhielten aber kein Geld für ihre Flächen; der Graf verfiel dem Alkohol und zum Kohleabbau kam es nicht. Vor dem II. Weltkrieg wurden, vermutlich von der Ilse-AG, erneut Flächen, unter denen Braunkohle lagerte, gekauft. Insgesamt waren es um die 400 Hektar. Es war das Gebiet „Weiße Berge“ zwischen Haidemühl und Wolkenberg, welches dann der Stadt Welzow zugeschlagen wurde. Da wurde es dann erstmals ernst mit dem Bergbau. Der Ausbruch des II. Weltkrieges beendete diese Abbaupläne zunächst. Sie kamen erst Mitte der 1960er-Jahre zur Ausführung mit der Inanspruchnahme von Gosda in Richtung Jessen.

Dann sollte es ganz schnell gehen

1957 klopfte der Bergbau zum zweiten Mal in Proschim an. Das Kombinat Schwarze Pumpe war im Aufbau, die erforderlichen Braunkohlelagerstätten in der Lausitz längst bekannt. Der Tagebau Welzow-Süd war geplante Sache. Mit den Dörfern Gosda (1965) und Jessen (1971) begann die Devastierung von insgesamt elf Dörfern. Proschim stand als letztes auf der Agenda. Das beunruhigte damals zunächst niemanden, doch der Tagebau meldete sich schneller zurück als gedacht. 1984 hieß es auf einmal: Der Tagebau Proschim wird aufgeschlossen! Hintergrund der Eile waren die ungedeckten Kohlebilanzen für die Stromerzeugung und die Braunkohleveredlung, nicht nur in Schwarze Pumpe, sondern im gesamten Lausitzer Revier. Mit anderen Worten: Es wurde mehr Braunkohle benötigt als momentan gefördert werden konnte. Der Bau der Tagesanlagen und des Montageplatzes zwischen Bluno und Proschim wurden forciert; die Proschimer sahen ihr Dorf erneut gefährdet. Widerspruch erschien fast aussichtslos. Kurz vor der Wende blieb den Einwohnern von Karlsfeld die Umsiedlung nach Klein Partwitz nicht erspart. Einige wenige erhielten übriggebliebene Grundstücke in Spremberg-Heinrichsfeld, wohin zeitgleich Wolkenberg umgesiedelt wurde. Zukünftiges Ziel war jedoch die Umsiedlung von Proschim insgesamt nach Klein Partwitz.

Dass daraus nichts wurde, war der wirtschaftlichen Entwicklung des Braunkohlebergbaus nach der politischen Wende geschuldet. In Proschim keimten neue Hoffnungen und neuer Mut. Zu den mutigsten gehörten die Frauen. Sie fuhren zu viert schon Anfang der 1990er-Jahre ins Ministerium für Kohle und Energie nach Berlin und forderten, dass die leer gezogenen Häuser von Karlsfeld wieder besiedelt werden. Die Forderung wurde durchgesetzt! Laubag-Vorstand Dr. Kurt Häge kam persönlich zur Sitzung der Gemeindevertretung und ließ wissen, dass es seitens der Laubag keine Einwände gäbe. Die Häuser wurden in der Betriebszeitung den Mitarbeitern angeboten mit der Kaufoption (oder Verpachtung für 30 Jahre) und dem Versprechen, dass alle Häuser in einen für damalige Verhältnisse entsprechenden mittleren Wohnstandard versetzt werden, was dann auch erfolgte. Die Nachfrage war riesengroß. Altbürgermeister Erhard Lehmann erinnert sich, dass allerdings damals der Bergbaubetreiber mit gezinkten Karten spielte. „30 Jahre“ – das bedeutete: Die weitere Tagebauplanung für Welzow-Süd war beschlossene Sache.

Mitte der 1990er-Jahre wurde allen Proschimern klar: Der Bergbau kommt zurück! Die Unsicherheiten in der Bevölkerung wuchsen erneut. Und sie waren begründet. Etwa um 1996 entschied sich Haidemühl zu einer vorzeitigen Umsiedlung, die dann zehn Jahre später auch erfolgte.

Eine unbewusste Mitteilung

Dabei gab es ein Problem: Proschim und Haidemühl hatten einen gemeinsamen Friedhof. Der musste nun geteilt werden, und bei dieser Teilung ließ der Dresdener Friedhofsprojektant eines Tages wissen, man könne hier aufhören, denn er wisse, Proschim werde demnächst (meinte: 2015) auch abgebaggert ... Das rief etwa 2010 die Proschimer erneut auf den Plan. Ihr Dorf wollten sie nicht mehr widerstandslos der Braunkohle überlassen. Jetzt beschloss man, alle Möglichkeiten des Widerstands zu nutzen. Eine dieser Möglichkeiten: sich zum wendischen/sorbischen Siedlungsgebiet bekennen; wissend, dass dieses Bekenntnis es dem Bergbaubetreiber erschweren würde, Proschim in Anspruch zu nehmen. Aber Proschim war zu diesem Zeitpunkt zum Ortsteil der Stadt Welzow geworden, die dieses Bekenntnis nicht gelten ließ. Andere Aktivitäten kamen in Proschim dazu. 2012 formierte sich im Dorf gegen die Braunkohle aktiver Widerstand, der überregional wahrgenommen wurde. Umweltverbände schalteten sich ein. Die Auseinandersetzungen mit dem Bergbaubetreiber verschärften sich. 2013 und 2016 gab es Klimacamps in Proschim. Bei letzterem zu Pfingsten 2016 eskalierten die Gegensätzlichkeiten derart, dass hinterher in der Lausitzer Öffentlichkeit die Frage aufkam, wo das denn alles enden solle.

Inzwischen haben Vernunft und die Politik für Entspannung gesorgt. Vattenfall verkaufte seine Braunkohlensparte; der Nachfolger und neue Bergbaubetreiber Leag stellte im Frühjahr 2017 sein neues Revierkonzept vor. Das beinhaltete den Verzicht auf das Vorranggebiet Nochten II und den Erhalt von fünf Dörfern im Kirchspiel Schleife. Eine Option für Proschim behielt sich die Leag bis 2020 vor. Hinzu kam die Frage: Was wird in der Lausitz nach der Braunkohle? Inzwischen wissen wir das im Rahmen des Strukturwandels und auch Proschim darf aufatmen.

Altbürgermeister Erhard Lehmann las von der Entscheidung der Leag am 14. Januar zum Frühstück in der Tageszeitung – an seinem 70. Geburtstag. „Das war mein schönstes Geburtstagsgeschenk“, sagte er.

Die Proschimer sind sich einig: Nach 80 Jahren Kampf gegen die Braunkohle haben wir gewonnen, aber wir sind fair und sagen: Es gibt in diesem Kampf keine Verlierer und keine Sieger. Es gibt auf beiden Seiten nur Gewinner: Wir haben unser Dorf und die Heimat gewonnen, die Leag hat ein Problem weniger und wird damit auch gut leben können.“

Kein Leerstand befürchtet

Eine Siegesfeier wird es in Proschim allerdings nicht geben. Nur so viel: „Wenn Corona vorbei ist, werden wir alle Bürger zu Kuchen, Grillsteak und Bierchen einladen und wir werden nicht allein sein“, so Erhard Lehmann. „Alle werden wir einladen, die mit uns gleichgesinnt waren: aus Atterwasch, aus Trebendorf und Rohne, aus Pödelwitz und dem Leipziger Raum. Dabei werden wir nicht der Vergangenheit nachreden, sondern den gemeinsamen Blick auf die Zukunft unserer Dörfer richten“.

Um die Zukunft ihres Dorfes ist den Proschimern nicht bange. Leerstehende Häuser wird es nicht lange geben; das zeigt das Beispiel Rohne. Die Nachfrage nach Bauanträgen für neue Eigenheime wird auch nicht auf sich warten lassen. Proschim wird wieder ein lebenswertes Dorf. Die Nähe zum Lausitzer Seenland spricht ebenso dafür wie die touristischen Anbindungen an das Seenland.

Das wendische/sorbische Leben wird weiter gepflegt. Die Mitgliedschaft im Krabatverein hilft dabei. Der sehr gut erhaltene Dorfkern mit Kirche, Alter Schule und Kulturhaus wird in seiner Attraktivität aufgewertet. Und normalisiert sich das Leben, gibt es sicherlich auch wieder die beliebten Dorffeste in Proschim.

Erste Erfolge sind bereits sichtbar: Sybille und Alexander Tetsch kehrten aus Niedersachsen in ihr Heimatdorf zurück und eröffneten das Restaurant „Schmeckerlein“. An Gästen mangelte es nicht – und wird es „nach Corona“ nicht mangeln.

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