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Im Café der Ganzmacher

Kaputter als kaputt geht nicht. Das Repair-Café in Tharandt wirbt für den beherzten Griff zum Schraubendreher.

Noch zu retten? Marc Simmat versucht, die Heißklebepistole von Thorben zu reparieren. Das Repair-Café in der Kuppelhalle Tharandt wird immer populärer. Jeden vierten Mittwoch im Monat gibt es hier Hilfe zur Selbsthilfe.
Noch zu retten? Marc Simmat versucht, die Heißklebepistole von Thorben zu reparieren. Das Repair-Café in der Kuppelhalle Tharandt wird immer populärer. Jeden vierten Mittwoch im Monat gibt es hier Hilfe zur Selbsthilfe. © Karl-Ludwig Oberthür

Einen Moment nicht aufgepasst, schon droht der Verlust eines treuen Freundes. Im Fall von Thomas Kretschmer heißt der Freund Kärcher. Er ist ein Nass-Trocken-Sauger, gekauft wohl noch zu D-Mark-Zeiten. Zuverlässig hielt er den Hobby-Bereich sauber. Doch dann fiel er aus Versehen die Treppe runter. Seither gibt er keinen Mucks mehr von sich. Deshalb ist Thomas Kretschmer hierher gekommen, in den Konzertsaal der Tharandter Kuppelhalle, wo heute statt der Gitarren und Plattenteller die Phasenprüfer und die Lötkolben im Einsatz sind.

Jeden vierten Mittwoch im Monat öffnet in der Kuha das Café der Ganzmacher. Wer ein kaputtes Gerät besitzt, kann damit vorbeikommen und versuchen, es gemeinsam mit technikaffinen Ehrenamtlern wieder in Gang zu bringen. Die Idee der kollektiven Fehlersuche bei Heißgetränken und Snacks gibt es schon eine ganze Weile. Seit etwa zehn Jahren macht sie als Repair-Café von sich reden. Im Landkreis öffnete 2015 das erste Repair-Café am Umweltzentrum in Freital. 2016 startete die Schrauberrunde in Tharandt. Mittlerweile hat sich ein drittes Repair-Café in Stolpen etabliert.

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Unter dem Kuppeldach sind Tische zusammengestellt. Eine improvisierte Flutlichtanlage aus Palettenholz erhellt das Arbeitsfeld, Werkzeugkisten, Lötstationen, Messgeräte und Etuis mit fast chirurgisch wirkenden Spezialschraubendrehern. Es gibt eine Art Wettrüsten zwischen den Herstellern bestimmter Geräte und denen, die sie auf eigene Faust auseinandernehmen wollen, sagt Jens Heinze, einer der Café-Macher. Viele Schrauben haben nicht nur außergewöhnliche Köpfe. Sie sind auch außergewöhnlich gut getarnt, etwa mit irgendwelchen Aufklebern. „Manchmal grübeln wir zu zweit oder zu dritt nach, wo die letzte Schraube versteckt ist.“

Bei Thomas Kretschmers Kärcher sind die Schrauben kein Problem. Joachim Preuschoff von der Repair-Crew hilft dem Freitaler Tischler, das Gerät zu zerlegen. Was die Chancen auf Heilung angeht, ist er guten Mutes. Die Erfolgsquote bei Staubsaugern beträgt fast hundert Prozent, sagt er. Entweder es liegt am Kabel oder am Schalter. „Was anderes war noch nie kaputt.“ Auch diesmal ergibt die Diagnose: Schalter hin. Womöglich etwas abgebrochen beim Treppensturz. Preuschoff will sicher gehen und beginnt, den mutmaßlichen Defekt mit einem Drahtstück zu überbrücken.

Anfangs gab es Zweifel, ob sich ein Repair-Café im kleinen Tharandt lohnt. Doch das Einzugsgebiet erwies sich als dehnbar. Die Leute kommen auch aus der Freiberger Gegend, aus Wilsdruff oder aus Dippoldiswalde. Im Schnitt sind pro Termin vier bis sechs Gäste da. Die Reparaturtage stehen mittlerweile auch im Abfallkalender, der bei vielen in der Küche hängt. „Das war der Durchbruch für uns“, sagt Jens Heinze

Zwiesprache mit einem Bügeleisen: Jens Heinze auf Fehlersuche. (Fotos: Karl-Ludwig Oberthür)
Zwiesprache mit einem Bügeleisen: Jens Heinze auf Fehlersuche. (Fotos: Karl-Ludwig Oberthür) © undefined
Reparierhilfe und Kaffee sind gratis. Spenden kommen ins Glas.
Reparierhilfe und Kaffee sind gratis. Spenden kommen ins Glas. © undefined
Diagnose: Schalter kaputt. Joachim Preuschoff (r.) hat herausgefunden, was dem Kärcher von Thomas Kretschmer fehlt.
Diagnose: Schalter kaputt. Joachim Preuschoff (r.) hat herausgefunden, was dem Kärcher von Thomas Kretschmer fehlt. © undefined
Schlüssel zum Erfolg: Viele Schrauben lassen sich nur mit speziellen Bits herausdrehen.
Schlüssel zum Erfolg: Viele Schrauben lassen sich nur mit speziellen Bits herausdrehen. © undefined
Der Lautstärkeregler am Radio ist hin. Daniel Becker sucht an dem Bauteil nach einem Code, um Ersatz zu beschaffen.
Der Lautstärkeregler am Radio ist hin. Daniel Becker sucht an dem Bauteil nach einem Code, um Ersatz zu beschaffen. © undefined

Der Kleinopitzer Joachim Preuschoff ist fast jedes Mal als Helfer dabei. Der Neugier folgend, hat er schon als Kind an Sachen herumgeschraubt, wollte wissen, wie es darin aussieht. Mittlerweile kennt man viele Geräte, sagt er. „Da findet man schnell den Übeltäter.“ Die Brücke am Staubsaugerschalter steht. Jetzt den Stecker in die Dose. Spannung: Läuft der Sauger an?

Bums. Es wird dunkel. Das ist aber nicht Kärchers Schuld, sondern die einer Heißklebepistole, die nicht mehr heiß werden will. Nach dem Zerlegen und Zusammensetzen ist der Test schiefgegangen, die Sicherung rausgeflogen. Das Gerät ist wohl ein hoffnungsloser Fall. Aber der Versuch war es wert, sagt Jens Heinze. „Kaputter als kaputt geht nicht.“ Thomas Kretschmer aber hat Glück. Sein Kärcher saugt wieder. Er freut sich, dass er seinen alten Bekannten doch noch ein Weilchen behalten darf. Der Schalter ist ein Normteil. Ihn zu besorgen dürfte weder mühsam noch teuer sein.

Das Repair-Café soll helfen, den Leuten die Angst vor der Technik zu nehmen. „Reparabel ist mehr, als man denkt“, sagt Jens Heinze. Es geht aber auch um Ressourcenschonung. Als Konstrukteur träumte er einmal davon, Dinge zu entwickeln, die nachhaltig funktionieren. Die Realität, das weiß er längst, sieht anders aus. Es geht darum, einfach, schnell und billig zu produzieren. „Das Öko-Zeugs ist da nur Luxus.“

Eine geschlagene Stunde bringt Heinze damit zu, das Bügeleisen einer Frau aus Grumbach zu sezieren und die kaputte Thermosicherung freizulegen. Einen Euro kostet die neu, wenn überhaupt. Die Besitzerin steckt mehrere Euros ins Spendenglas. Müllvermeidung ist doch der eigentliche Wert, sagt sie. Die Bastler können das Geld gut gebrauchen. Das Wettrüsten fürs eigenständige Reparieren geht weiter.

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