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Im Dienst der Posaune

Der Freitaler Klaus Geiger wird für sein ehrenamtliches Engagement geehrt. Mit einem Orden der Bundesrepublik.

Von Thomas Morgenroth
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Für sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement rund um die Posaune und deren Chöre bekam Klaus Geiger das Bundesverdienstkreuz am Bande. Heute Freitaler, hatte er zuvor 26 Jahre in Schmiedeberg gelebt und gewirkt.
Für sein jahrzehntelanges ehrenamtliches Engagement rund um die Posaune und deren Chöre bekam Klaus Geiger das Bundesverdienstkreuz am Bande. Heute Freitaler, hatte er zuvor 26 Jahre in Schmiedeberg gelebt und gewirkt. © Egbert Kamprath

Auch wenn es zu seinem Nachnamen passen würde, nein, Herr Geiger spielt keine Geige, sondern Posaune. „Die Geige spiele ich, und zwar die erste“, sagt Frau Geiger, „allerdings kein Instrument.“ Klaus und Christine Geiger lachen. Das Ehepaar steht in seiner vorweihnachtlich geschmückten Wohnung in Freital-Burgk und amüsiert sich. Über die Instrumentierung in ihrer Familie lassen sich treffliche Bonmots finden. „Daran sind wir gewöhnt“, sagt Klaus Geiger.

Während seine Frau die erste Geige im übertragenen Sinne meint, ist er tatsächlich ein Meister an der Posaune. Weil ihm aber nicht nur die Musik, sondern auch das Zusammenspiel und der Nachwuchs am Herzen liegt, fördert und unterstützt Klaus Geiger seit Jahrzehnten die Posaunenchöre der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Deutschland. Ehrenamtlich.

Für sein Engagement bekam der 74-Jährige jetzt das Verdienstkreuz am Bande der Bundesrepublik Deutschland, das ihm der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer in einer Feierstunde Mitte November überreichte. Eine finanzielle Zuwendung ist damit nicht verbunden. Klaus Geiger findet das konsequent: „Ich übernehme ja das Ehrenamt nicht, um damit Geld zu verdienen.“ Seine Motivation liege vielmehr in seinem Glauben an Gott und dessen Sohn Jesus Christus begründet, „der mir unendlich viel an Gaben und Möglichkeiten geschenkt hat, die ich gern zu seiner Ehre einsetze.“ Eine Maxime, die sich seit Geigers Kindheit in Lichtenstein im Erzgebirge durch sein Leben zieht.

Angefangen hat alles mit seinem Interesse an der Musik. Mit neun Jahren beginnt er im Posaunenchor der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde seines Heimatortes mit dem Trompetespielen, wird mit 16 Mitglied der Gemeinde – und in der christlichen Rockband Allianz. Schon mit zwölf gibt er seine Kenntnisse an Jüngere weiter. Ehrenamtlich. Im Laufe der Jahre lernen mehr als einhundert Schüler bei ihm ein Blechblasinstrument. Viele, weiß Geiger, sind noch immer aktiv.

Mit neunzehn Jahren wechselt Klaus Geiger zur Posaune, notgedrungen. „Meine Schneidezähne hatten bei einem Unfall Schaden genommen, das erschwerte das Blasen auf der Trompete, sodass ich mich neu orientieren musste“, sagt er. Vielleicht ein Wink des Schicksals. Die Posaune ist Geiger schnell ans Herz gewachsen. Auch nach mehr als einem halben Jahrhundert nimmt er das Instrument gern zu Hand und spielt nach wie vor in einem Posaunenchor, seit einigen Jahren in der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde in Cotta.

Der Reiz der Posaune liegt für Klaus Geiger im Klang und in der Spielweise. Der Ton, präzisiert durch die Bedienung des Posaunenzugs, wird vor allem mit den Lippen erzeugt. Ventile, wie bei der Trompete, braucht man dafür nicht. Das hat entscheidende Vorteile, besonders in einer hellhörigen Mietwohnung. „Ich kann ohne Instrument oder nur mit dem Mundstück üben“, sagt Geiger. Und unterwegs. So kommt es, dass Posaunisten auch beim Einkaufen ihre Lippen trainieren – meistens aber nur, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

Klaus Geiger spielt seit rund vierzig Jahren eine Quartposaune aus der Werkstatt von Karl Mönnich aus Erlbach im Vogtland. Der Erwerb des glänzenden Messinginstruments fällt in die Zeit um 1976, als der Hobbymusiker den Vorsitz und die Geschäftsführung des Posaunenwerks der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in der DDR übernimmt. Ehrenamtlich.

Dienstsitz ist seine Wohnung, eine Geschäftsstelle gibt es nicht. Daran ändert sich auch nichts, als Geiger die deutsche Teilung der Posaunisten beendet. 1993 wird er stellvertretender Vorsitzender und 1998 Geschäftsführer des gesamtdeutschen Bundes Christlicher Posaunenchöre. Aus 300 Musikern, die er einst im Osten betreute, übrigens argwöhnisch von der Stasi beobachtet, sind 1800 geworden. Die Aufgaben sind ähnlich: Rüstzeiten, Freizeiten und Bläsertreffen auf die Beine stellen, den Chören mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Höhepunkte sind die Posaunentage, zwölf organisiert er federführend mit. Geiger ist auch Projektleiter für den ersten Posaunentag des Dachverbandes Evangelischer Posaunendienst i.D. 2008 in Leipzig, der 18000 Bläser vereint. Noch 2000 mehr sind es acht Jahre später in Dresden, als Geiger erneut mit die Fäden zieht. Die Organisation des nächsten großen Posauentags aber, der für 2024 geplant ist, überlässt er seinen Nachfolgern im Ehrenamt. „Seit Januar kümmere ich mich nur noch ein bisschen um die Finanzen“, sagt Geiger.

Die Musik bleibt all die Jahre Klaus Geigers liebste Freizeitbeschäftigung. Beruflich geht er andere Wege. Weil er weder in der FDJ ist noch an der Jugendweihe teilnimmt, darf Geiger zunächst nicht studieren. Er geht ins Handwerk und wird Elektromeister, später studiert er dann doch noch, berufsbegleitend, er wird Ökonom. Er arbeitet als technischer Leiter im VEB Strickwaren Oberlungwitz, der Bade- und Trainingsbekleidung herstellt.

1984 ziehen Klaus Geiger, seine Frau Christine und ihre beiden Kinder nach Schmiedeberg. Geiger übernimmt für die nächsten 26 Jahre die Leitung des Martin-Luther-King-Hauses. Sein musikalisches Ehrenamt gibt er dafür nicht auf, im Gegenteil, er übernimmt zusätzliche Aufgaben. 16 Jahre lang sitzt Geiger für die CDU im Gemeinderat und ist stellvertretender Bürgermeister, auch im Schicksalsjahr 2002, als die Jahrhundertflut im Ort wütet.

Mit 66 geht Klaus Geiger in Rente – und zieht 2010 mit seiner Frau nach Freital. Wegen der Nähe zur Dresdner Kultur und des besseren Nahverkehrs. Das Erzgebirge haben sie mitgenommen, im Herzen und in Form einer umfangreichen Sammlung von Räuchermänneln, zu denen zwei Posaunisten gehören. Für einen Chor reicht es noch nicht ganz, aber das kann ja noch werden. Das Blasen jedenfalls könnten die Holzmusikanten von Klaus Geiger lernen.