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Johanngeorgenstadt will nicht an den Pranger

Die Vorgänge um die rechtsextremistische Zwickauer Terrorzelle ziehen immer größere Kreise. Unterstützer sollen auch aus Johanngeorgenstadt im Erzgebirge kommen. Die Stadt sieht sich am Pranger.

Von Ralf Hübner

Johanngeorgenstadt. Holger Hascheck (SPD), Bürgermeister von Johanngeorgenstadt im Erzgebirge, sieht seine Stadt durch Berichte über die rechtsextremistische Zwickauer Terrorzelle in Misskredit gebracht. „Das grenzt an Vorverurteilung“, schimpft der 46-Jährige am Montag und wird richtig laut. Medienberichten zufolge sollen ehemalige Mitglieder einer „Brigade Ost“ in der Stadt zum Unterstützerkreis des mordenden Zwickauer Neonazi-Trios gehören. Hascheck räumt ein, dass ihm jene „Brigade Ost“ bekannt sei.

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„Vor einigen Jahren habe ich bei der Polizei angefragt, ob das etwas Verbotenes ist“, sagt der Kommunalpolitiker. Die Ordnungshüter hätten dies verneint und argumentiert, diese Leute hätten sich unauffällig verhalten. Da habe er keine Veranlassung gesehen, gegen sie vorzugehen.

Der Weg nach Johanngeorgenstadt an der Grenze zur Tschechischen Republik führt durch dichte Nadelwälder. Am Ortseingang steht ein verwitterter roter Gedenkstein, der an Ernst Thälmann erinnert, den von den Nazis ermordeten Kommunistenführer. Hier liegt ein frisches Gebinde. Die Fassaden der Häuser strahlen hell - grün, gelb, weiß. Viele Gebäude sind mit Schiefer gedeckt. Auch die Neubaugebiete sind schick herausgeputzt. Schmierereien an Hauswänden sind in dem Städtchen mit seinen 4650 Einwohnern kaum zu entdecken.

„Vor etwa zehn Jahren hatte die Stadt ein Problem mit rechten und linken Jugendgruppierungen“, erläutert Haschek. Es sei zu Schlägereien gekommen. Ein Streetworker-Projekt wurde ins Leben gerufen, die Arbeiterwohlfahrt betreibt ein „Haus der Jugend“, und es gibt noch einen weiteren Jugendklub. „Wir hatten Erfolg“, sagt Haschek. In den vergangenen Jahren habe es solche Gewaltvorfälle nicht mehr gegeben.

Streetworker Michael Scholz teilt die Einschätzung seines Bürgermeisters und schätzt ihn. Er arbeitet seit April 2001 in Johanngeorgenstadt. In dem Ort habe sich viel getan, sagte er. Die Zeit, als immer wieder linke und rechte Gruppen aufeinanderprallten, sei vorbei. „Wir haben vor allem die Zufuhr junger Leute zur rechten Szene abgeschnitten. So wurde verhindert, dass immer wieder Jugendliche an die Szene angedockt haben“, berichtet Scholz. „Ich bin froh, dass wir hier Ruhe reinbekommen haben.“

Scholz setzt auf Projektarbeit, um Jugendlichen etwa Alternativen zur Gewalt aufzuzeigen. Scholz hat Freizeitaktivitäten organisiert: Wandern, Klettern, Skifahren. Und er hat gemeinsam mit Jugendlichen aus der rechten wie der linken Ecke einen Hilfstransport nach Rumänien organisiert. Das sei „aufsuchende Jugendarbeit“. „Die hilft und wirkt. Jeden Rechten, den wir verteufeln, schieben wir in den Untergrund.“

Scholz weiß, dass seine Arbeit auch kritisch beäugt wird und deshalb wurmen ihn etwa Äußerungen der Linke-Landtagsabgeordneten Kerstin Köditz. Deren Mutmaßung in der jüngsten Ausgabe des Magazins „Stern“, die rechte Szene in Johanngeorgenstadt könne sich aus einem von ihm betreuten Jugendklub entwickelt haben, empfinde er als unerträglich, sagt Scholz.

Warten auf Schnee

Johanngeorgenstadt wartet auf Schnee - möglichst noch an diesem Wochenende. Die Stadt hatte unter dem Uranbergbau zu leiden. Jetzt lebt sie wie so viele Orte im Erzgebirge vom Tourismus und dem Wintersport. Ob es jene „Brigade Ost“ noch gibt? Er wissen es nicht, sagt Hascheck. „Sie ist nicht mehr in Erscheinung getreten.“ Aber auszuschließen sei es nicht, dass die Jugendlichen, die sich da gelegentlich in einem Garagenhof treffen, „anders denken“. Für die Stadt und das ganze Erzgebirge seien die Nazi-Verdächtigungen schlimm - und für den Tourismus wenig hilfreich, beklagt der Bürgermeister.

Ein Sprecher des Bundesanwaltschaft aus Karlsruhe mochte sich zu Ermittlungen in Johanngeorgenstadt nicht äußern. Durchsuchungen, die es am vergangenen Wochenende in der Stadt gegeben haben soll, seien nicht von der Bundesanwaltschaft angeordnet worden, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. Im übrigen gelte: „Das Umfeld des Zwickauer Trios wird derzeit intensiv durchleuchtet.“ (dpa)