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Bei den Händlern wächst die Verzweiflung

Weil die Inzidenz zu hoch ist, bleiben die Läden im Landkreis Bautzen wieder geschlossen. Besonders stark betroffen ist die Modebranche. Ein Beispiel.

Gaby Hahn führt drei Modeläden; zwei in Kamenz, eines an der Reichenstraße in Bautzen. Die Geschäftsfrau kritisiert die aktuelle Corona-Politik.
Gaby Hahn führt drei Modeläden; zwei in Kamenz, eines an der Reichenstraße in Bautzen. Die Geschäftsfrau kritisiert die aktuelle Corona-Politik. © Matthias Schumann

Bautzen/Kamenz. Gaby Hahn ist genervt. Seit Langem. Aber jetzt noch einmal so richtig. Laut neuem Bundesinfektionsgesetz darf sie seit Sonnabend wieder nur "Click & Collect" in ihren drei Modeläden Hügelmoden und Yellow in Kamenz und Bautzen anbieten. Zu gut Deutsch: Kunden dürfen sie kontaktieren, wenn sie etwas aus dem Schaufenster haben möchten. Ohne Anzuprobieren können sie die Ware an der Ladentür in Empfang nehmen. Sie dürfen mit Abstand zahlen - wenn möglich mit EC-Karte - und wieder gehen. Am Montag gab es nicht eine einzige Anfrage dazu.

So trostlos ging es in fast allen sächsischen Geschäften zum Wochenstart zu. Die Inzidenz steigt. Sogar in der Landeshauptstadt ist am Montag der Wert von 150 überschritten worden. Das hat Konsequenzen. Das praktizierte "Click & Meet" der vergangenen Wochen, zu dem man das Geschäft wenigstens mit Termin und tagesaktuellem Corona-test betreten und ausgiebig shoppen durfte, musste zurückgefahren werden. Seit Freitagnacht gilt die Bundesnotbremse. Und damit Regeln, die vor allem für den Einzelhandel oft unverständlich sind.

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Seit Dezember nicht einen Tag normal geöffnet

In der Modebranche sei das Ganze ein einziges Dilemma, denn keiner kaufe Ware auf Zuruf. "Für uns sind Click & Collect und auch Click & Meet eine Nullrunde", sagt Gaby Hahn. "Für uns in der Modebranche war das keine Option. Es lief verhalten. Wozu brauchen Frauen denn gerade schicke Sachen? Es findet nichts statt - kein Theater, kein Restaurantbesuch, kein Geburtstag", sagt die Pirnaerin.

Seit vergangenem Dezember durfte sie nicht einen Tag normal öffnen. "Dafür haben die Supermärkte aufgerüstet. Dort bekommt man mittlerweile alles - von Schuhen über Schmuck und Spielzeug bis hin zu Klamotten. Ganz toll", sagt sie zynisch.

Auch David Tobias, Geschäftsführer des Handelsverbandes Sachsen, kritisiert die Gesetzgebung: "Zahlreiche Unternehmen sind finanziell ausgelaugt und stehen am Rande ihrer Existenz. Es ist lange vom Robert-Koch-Institut belegt, dass der Einkauf mit Hygienekonzept als sicher gilt. Die Verzweiflung wächst. Unzählige Gespräche mit der Politik sind geführt, bei denen immer viel Verständnis geäußert wird. Unzählige Briefe und E-Mails sind geschrieben".

Zahlreiche Händler hätten sich mit kreativen, emotionalen, hilferufenden, sachlichen oder appellierenden Aktionen an die Öffentlichkeit gewandt, sagt er. Gleichzeitig hätten sie - ohne nennenswerte Einnahmen zu erzielen - aufwändig das neue Geschäftsmodell "Click & Meet" umgesetzt. "Mit den immer gleichen Maßnahmen, die offensichtlich nicht die gewünschten Erfolge bringen, schwächt man trotzdem immer wieder dieselben betroffenen Branchen", so David Tobias.

Staatliche Hilfen enthalten keinen Unternehmerlohn

Nach den Berliner Beschlüssen wachse der Eindruck, dass das Leben für den Großteil der Gesellschaft, der nicht von einer Schließung betroffen ist, beruflich weitergeht wie bisher. Das ließe sich eindrucksvoll im Berufsverkehr oder den Staus auf der A 4 feststellen. "Die Politik greift an den falschen Stellen an, und ausbaden müssen es weiterhin Soloselbstständige, kleine und mittlere Unternehmen ausgewählter Bereiche", so der Verbandschef.

Nur "Bob, der Streuner" schaut momentan vorbei und macht es sich regelmäßig im Schaufenster bequem. Foto: Matthias Schumann
Nur "Bob, der Streuner" schaut momentan vorbei und macht es sich regelmäßig im Schaufenster bequem. Foto: Matthias Schumann © Matthias Schumann

"Der Verband hat noch nichts erreicht für uns. Das ist bittere Realität. Wir haben keine Lobby wie die großen Industriemagnaten", sagt Gaby Hahn frustriert. Ihre beiden Kamenzer Geschäfte führt sie seit 1993. Die Bautzener Filiale an der Reichenstraße kam vor fünf Jahren hinzu.

Ihre Mitarbeiter sind seit Monaten in Kurzarbeit. Erst nach drei Monaten Schließzeit konnte sie staatliche Hilfen beantragen. 90 Prozent der Fixkosten wie Miete und Nebenkosten durften davon bezahlt werden. "Ein Unternehmerlohn für mich ist darin nicht enthalten", sagt sie. Auch ihre Ware durfte sie nicht absetzen. Das wäre das größte Problem im Mode-Einzelhandel.

Ware für die nächste Saison kaufen oder nicht?

Mit einer Wundertüten-Aktion im Februar konnte sie die Verluste kleiner halten. So wurde wenigstens die alte Winterware aus den Regalen und Lagern verkauft. "Die Stammkundschaft hielt zu uns", sagt die Geschäftsfrau. Gewinn machte sie nicht.

Nun hängt die Sommerware in den Läden, und keiner kauft sie. Im Juni kommt schon die Herbst- und Winterware. "Wo bitte soll ich die hintun?", fragt Gaby Hahn. Und am 27. April müsste sie eigentlich nach Leipzig und Sommerware fürs nächste Jahr ordern. "Ich bin in einer Zwickmühle. Bestelle ich und die Lage wird nicht besser, bin ich ruiniert. Bestelle ich nicht, habe ich keine Ware, sollte wieder alles normal laufen. Der Einzelhandel steht vor einer Katastrophe! Wenn das bis 30. Juni so weiter geht, auf jeden Fall! Und Rechnungsmodelle zeigen das mit diesen Inzidenzwerten auf. Die komplette Saison würde damit in den Sand gesetzt."

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