SZ + Kamenz
Merken

"Durch 2G muss ich die Kulturmühle schließen!"

Normalerweise macht Jens Reuter in seinem besonderen Lokal in Bischheim im Advent den meisten Umsatz. Doch diesmal bleiben die Bühne leer und die Küche kalt.

Von Ina Förster
 4 Min.
Teilen
Folgen
Macht erst mal dicht: Jens Reuter, Betreiber der Kulturmühle in Bischheim, schließt aufgrund der aktuellen Corona-Situation. Neue Veranstaltungen plant er erst für nächstes Jahr.
Macht erst mal dicht: Jens Reuter, Betreiber der Kulturmühle in Bischheim, schließt aufgrund der aktuellen Corona-Situation. Neue Veranstaltungen plant er erst für nächstes Jahr. © Anne Hasselbach

Haselbachtal. In der Bischheimer Kulturmühle bleibt ab sofort die Küche kalt. Kein Schwibbogen wird diesen Advent in den vielen kleinen Fenstern leuchten, kein Stern den Weg zur beliebten Kleinkunstbühne weisen. Und auch kein Künstler auch nur ein einziges Lied, Gedicht, Sketch oder eine Performance in den dicken Mühlenmauern darbieten.

Dabei würden eigentlich jetzt die ersten Weihnachtsfeiern stattfinden. Schon für die Zeit vor dem ersten Advent gab es viele Reservierungen. Alle Vorstellungen bis Ende des Jahres waren laut Kulturmüller Jens Reuter gut nachgefragt beziehungsweise sogar ausverkauft. Doch dann erließ die sächsische Staatsregierung die 2G-Regel.

Firmen wollen bei Feiern keinen ausschließen

Für Jens Reuter eine Katastrophe. "Durch 2G muss ich die Kulturmühle schließen", sagt er resigniert. "Seit Ankündigung der neuen Bestimmungen klingelten bei mir die Telefone heiß. Keiner wusste, wie die nächsten Veranstaltungen überhaupt laufen sollen. Und ehrlich, ich selbst auch nicht", sagt der 55-Jährige.

Zuerst machte er sich schlau - und rief dann die Kunden an, um ihre Stimmung einzufangen. Fakt sei, dass in allen Unternehmen ungeimpfte und geimpfte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiten. "Unisono erklärten mir alle Firmenchefs, dass sie dann nur mit der Hälfte der Belegschaft zur Weihnachtsfeier kommen könnten. Und das will natürlich keiner, was nur verständlich ist", sagt Reuter. Das gleiche gelte für Vereine, Clubs und Freundschaftsrunden.

Auch von den Künstlern seien nicht alle geimpft und hätten dann nicht auftreten können. "Es wäre das reinste Chaos gewesen", stellt Jens Reuter fest. Und die Mühle weihnachtlich zu schmücken, bedeute einen riesigen Aufwand und zusätzliche Kosten.

Mit 20 Gästen rechnet sich der Aufwand nicht

Schon die letzten Monate unter der 3G-Regelung - geimpft, genesen oder getestet - seien nicht leicht gewesen. Die Kontaktnachverfolgung habe man zwar gut regeln können. Doch die Einhaltung der Mindestabstände habe angesichts der urigen Enge in der Mühle Probleme bereitet. So musste die Gästezahl radikal gekürzt werden.

"Zu normalen Zeiten bekommen wir 50 Leute unter, zuletzt waren es nur 35", sagt der Wirt. Aber er habe sich damit arrangiert. "Die Rechnung ging gerade so auf. Wir hätten spielen können, hätten jedenfalls kein großes Minus gemacht und den Geschäftsbetrieb aufrechterhalten." Unter 2G sei dies nun nicht mehr machbar. "Mit 15 bis 20 Gästen am Abend kann ich die Künstler nicht bezahlen, und auch sonst rechnet sich der Aufwand überhaupt nicht", sagt Jens Reuter frustriert.

Auch die schon öfter genutzte Ausweich-Location im nahen Reichenbacher Saal würde diesmal nichts bringen. "Wenn die Kunden reihenweise absagen, weil sie nicht geimpft sind - was nutzt mir dann ein größere Spielort?"

Den Kulturmüllern bleibt nur eines: Zuschließen in einer unsicheren Zeit. Mit weniger als der Hälfte der möglichen Gäste funktioniere das Konzept Kultur-Gastronomie nicht.
Den Kulturmüllern bleibt nur eines: Zuschließen in einer unsicheren Zeit. Mit weniger als der Hälfte der möglichen Gäste funktioniere das Konzept Kultur-Gastronomie nicht. © Anne Hasselbach

Bereits seit 18 Jahren leben er und Partner Christian Schydlo ihren Traum in Bischheim. Der eine kümmert sich ums Kulturelle, der andere steht in der Küche und versorgt Hungrige mit rustikalen und regionalen Speisen. Genau in dieser Kombination funktioniert das Geschäftsmodell.

"Unsere Gäste kaufen im Normalfall Karten für ein Kulturevent und verzehren an diesen Abenden etwas. Dann geht unser Konzept auf." Nur selten würden sich Tagesgäste her verirren, um nur zu essen. "Wir leben also von den Veranstaltungen", sagt Jens Reuter. Das unterscheide die Kulturmühle von anderen Gastronomen.

Überhaupt sei seit der Pandemie alles im Ausnahmezustand. "Wir waren zuerst wie alle anderen auch monatelang im Lockdown, dann kam ein recht guter Sommer, in dem man Hoffnung schöpfte", blickt Reuter zurück. Gern denkt er vor allem an die schönen Trauungen und Hochzeiten, denn die Kulturmühle ist seit Jahren auch als Standesamt ausgewiesen. Das Hauptgeschäft aber wäre eben jetzt angelaufen. "Wir holen in den Wochen vor Weihnachten unseren Jahresumsatz rein", sagt der Bischheimer. Daraus wird nun nichts.

Keine Überbrückungshilfe in Aussicht

Aktuell gebe es allerdings auch keinerlei Hilfsprogramme der Regierung, die greifen. Nach der Überbrückungshilfe 3 und ein paar Zuwendungen der Überbrückungshilfe 3+, die extra für Hotellerie und Gastronomie aufgelegt wurde, sehe es nun düster aus. In der Theorie könne die Kulturmühle schließlich öffnen. Doch praktisch sei das aber eben unrentabel.

Deshalb hat der Kulturmüller nun entschieden: "Wir schließen die Kulturmühle vorübergehend. Und ich plane erst ab Januar wieder weiter." Das sei freilich eine vage Aussicht. Doch er müsse jetzt für 2022 die Künstler buchen. "Eigentlich wollte ich endlich mal wieder einen Jahresflyer rausbringen, aber das ist mir jetzt wieder zu unsicher", sagt Jens Reuter.

Aufgeben will er trotz allem nicht . "Es ist nur eine vorübergehende Schließung, das möchte ich noch einmal betonen. Noch sind wir nicht am Ende!"