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Pilgerin will Hutbergturm einstricken

Hunderte Pilger kommen jährlich nach Kamenz , doch die Herberge auf dem Berg ist in einem schlechten Zustand. Eine ungewöhnliche Aktion soll das ändern.

Kerstin Boden ist in Kamenz als Glückspilgerin bekannt und empfängt auch selbst Pilger in ihrer Herberge. Um in der Stadt bessere Bedingungen für Pilger zu schaffen, plant sie eine besondere Aktion.
Kerstin Boden ist in Kamenz als Glückspilgerin bekannt und empfängt auch selbst Pilger in ihrer Herberge. Um in der Stadt bessere Bedingungen für Pilger zu schaffen, plant sie eine besondere Aktion. © René Plaul

Kamenz. Kamenz ist schön! Das wissen nicht nur die Einheimischen, sondern mittlerweile Hunderte Pilgerinnen und Pilger, die jährlich durch die Stadt am Stein ziehen. Denn diese liegt direkt am Jakobsweg. Wer hier entlang wandert, kommt von der Herberge in Crostwitz, zieht unweigerlich durch die Kamenzer Altstadt und über den Hutberg weiter. Lange schon profitieren Geschäfte, Gaststätten, Cafés und  Museen davon. Und trotz oder gerade wegen Corona zogen in diesem Sommer so viele Pilger wie noch nie durch Kamenz. 

Allein 65 davon kehrten  in den letzten Monaten bei Kerstin Boden in Jesau ein. Sie eröffnete im März ihre neue Herberge mit zwei Betten. "Dann kam Corona und ich wurde ein bisschen ausgebremst. Doch seit Mai gibt es kein Halten mehr. Ich bin mehr als zufrieden", erzählt sie.  Die Kamenzerin war jahrelang selber auf verschiedenen  Pilgerwegen dieser Welt unterwegs, schrieb ein Buch über ihre letzte große Reise auf dem Jakobsweg und ist in der Szene als Glückpilgerin bekannt, weil sie unterwegs sogenannte Schornis - kleine Schornsteinfeger aus Plastik - verteilte. 

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Viele Pilger ziehen enttäuscht weiter

Nun hatte die 56-Jährige eine verrückt klingende Idee: Den Hutbergturm einstricken! Denn gleich daneben befindet sich die andere Pilgerherberge der Stadt. Und die braucht Hilfe. Das Objekt gehört der Stadt und wird von der evangelisch-lutherischen Kirchgemeinde betreut. 

Doch seit Corona ist das Türmerhäuschen durchgehend zu. Die Pilgersaison beginnt auf dem Hutberg in der Regel Ende März und endet im Oktober. Denn in dem kleinen Haus muss das Wasser über den Winter abgestellt werden, sonst friert es ein. Auch die Schlafräume sind nicht beheizbar, nur der Aufenthaltsraum. Zudem gibt es nur ein Plumpsklo, Duschen fehlen.

Das möchte Kerstin Boden ändern, denn es ärgert die engagierte Pilgerin, dass so viele weiterwandern müssen, ohne Kamenz richtig kennen gelernt zu haben. "Wer bei mir unterkommt, tut das auf Spendenbasis. Es gibt zwar noch ein, zwei Pensionen, die Pilger aufnehmen. Doch das war es schon. Die meisten ziehen also zwangsweise weiter zur nächsten Herberge nach Schwosdorf oder Stenz", sagt sie. 

Und weil das nicht um die Ecke liegt, müssen sich die Pilger sputen, verweilen kaum in der Stadt. "Viele bedauern, dass sie das Sakralmuseum verpassen oder hätten in der Katechismuskirche oder St. Marien reingeschaut. Wir sind so reich gesegnet. Ein Pfund, mit dem die Stadt noch immer zu wenig wuchert", findet Kerstin Boden.

6.500 Quadrate müssen gestrickt werden

Deshalb soll das Türmerhäuschen nun aufgearbeitet werden. "Wir wollen 2021 den Hutbergturm einstricken, so Aufmerksamkeit erzeugen und Spenden sammeln. Zumindest eine Dusche sollte herausspringen", so die Kamenzerin. Gelingen könnte es ihr mit Hilfe der befreundeten Strickliesels, mit denen sie schon einige Projekte stemmte.  

Natürlich hat Kerstin Boden als studierte Betriebswirtschaftlerin durchgerechnet, was da auf sie zukommt: Ganze 6.500 Häkel- bzw. Strick-Quadrate von 20 mal 20 Zentimetern  benötigt sie, um den Hutbergturm bunt zu bekommen. "Sie können von den Mitmachern in beliebigen Farben und Mustern geliefert werden. Jeder kann daheim in Ruhe stricken", sagt die Pilgerin. "Anschließend häkeln wir sie zusammen. Zuerst in langen Bahnen, zum Schluss zum Teppich für jede Seite", sagt sie. Die Fenster werden ausgespart. Die Bahnen müssen auf Stoff aufgenäht werden, damit die Wollfussel nicht am Turm hängen bleiben.

An alles hat sie gedacht. Auch, dass man am Sockel etwas Luft lassen sollte, damit sich keiner dranhängen kann. Und Kerstin Boden hat sogar den Wassertest gemacht und eine 18 Meter lange Bahn eingeweicht, um zu sehen, wie viel die Wolle bei Regen wiegt. Das ist eine ganze Menge. "Hier müsste sicherlich noch ein Fachmann drüber schauen, ob das Geländer am Turm das Gewicht hält."

Pilger-Spaziergänge durch Kamenz geplant

Überhaupt braucht sie Unterstützung - beim Woll-Spenden sammeln wie beim Stricken und Häkeln, bei Marketing und Planung. "Ich würde mich freuen, wenn ich mit der Stadt ins Gespräch komme." Einen Wunschtermin für die Einweihung hat sie: das Forstfest. Das wird jährlich in der Woche um den 24. August gefeiert. Im nächsten Jahr soll es vom 20. bis zum 26. August stattfinden. Das würde passen, denn am 21. August 1864 wurde der Hutbergturm eingeweiht.  

"Zu Pfingsten kommen eh viele Leute her. Wir wollen den Hutberg auch zu anderen Zeiten beleben", sagt Boden.  Das Ganze soll temporär passieren - ein paar Wochen wären schön für einen bunten Turm. Es sei auch eine  Hommage an den kürzlich verstorbenen Verhüllungskünstler Christo. Dieser hat in Deutschland unter anderem den Reichstag in Berlin mit rund 100.000 Quadratmeter dickgewebtem Kunststoff umhüllt. 

Neben der Turm-Einstrickung schweben ihr weitere Aktionen vor, zum Beispiel Spaziergänge auf dem Pilgerweg durch die Stadt mit verschiedenen Stationen. "Der ökumenische Weg ist einer der schönsten in Europa", meint Kerstinh Boden. Das würden ihr immer wieder erfahrene Pilger bestätigen. "Um zu wissen, was für einen Schatz wir besitzen, müssen vor allem erst einmal die Kamenzer mehr darüber erfahren." Denn vor allem die wissen: Ihre Heimatstadt ist schön.

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Kerstin Boden aus Kamenz lief 2018 bis nach Santiago de Compostela. Darüber hat sie ein Buch geschrieben.

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