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Kann man einfach zu Hause bleiben?

Für die Betroffenen bedeutete die Evakuierung Donnerstagabend Stress und Schlafentzug. Eine Wahl hatten sie aber nicht.

Von Daniel Förster, Heike Sabel und Christian Eissner

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Pirna. Es ist keine schöne Sache, wenn abends halb zehn die Polizei an der Wohnungstür klingelt und zum Verlassen des Hauses auffordert – auf unbestimmte Zeit. Die Kinder schlafen schon fest, und man selbst ist vielleicht auch gerade dabei, ins Bett zu gehen. Die Aussicht, die ganze Nacht keine Ruhe mehr zu finden in einer Turnhalle mit Hunderten anderen Menschen, ist alles andere als verlockend. Aber hat man die Wahl bei einer Evakuierung wie am Donnerstag in Pirna? Oder hätte die Bombe nicht wegtransportiert oder am Tage entschärft werden können, um die Anwohner weniger zu belasten? Die SZ beantwortet die wichtigsten Fragen.

Warum wurde die Bombe vor Ort entschärft?

Aufgrund ihres Alters und der Bauart der Zünder erhöht jede Bewegung der Bombe das Risiko, dass sie detoniert, erläutern die Fachleute vom Kampfmittel-Beseitigungsdienst. Die in Pirna gefundene Bombe hatte zwei Zünder, einen Kopf- und einen Heckzünder. Wenn möglich, entschärfen die Spezialisten die Bomben deshalb direkt am Fundort, genau wie im November 2017 in Heidenau.

Warum verschob man das Entschärfen nicht auf den nächsten Tag?



Der am Donnerstagnachmittag eingerichtete Notfallstab aus Polizei, Stadt, Feuerwehr und Kampfmittelbeseitigern hat diese Frage diskutiert. Schließlich ist es für betroffene Anwohner nicht angenehm, spätabends die Wohnung verlassen zu müssen – ungewiss, ob man in der Nacht noch zurückkehren kann. Die Fachleute sahen allerdings unmittelbaren Handlungsbedarf, da die Bombe durch den Baggerhub bereits bewegt worden war. Zudem lässt sich – so bitter das für die Betroffenen ist – eine Evakuierung nachts logistisch oft leichter bewerkstelligen als am Tage, wo Unternehmen viel stärker beeinträchtigt würden und Straßensperrungen größere Auswirkungen hätten.

Warum musste ein so weiter Umkreis evakuiert werden?



Die Bombe lag auf einer ehemaligen Obstplantage in der Erde, rund 450 Meter entfernt von den nächsten Wohnhäusern. Üblich bei Entschärfungen dieser Art ist ein 1 000-Meter-Sicherheitsradius. Allerdings schauen sich die Spezialisten vom Kampfmittelbeseitigungsdienst die Gegebenheiten genau an. Eine Rolle für die Größe des Sicherheitsbereichs spielen u.a. das Geländeprofil und die Bebauung. Auf dieser Grundlage legen die Spezialisten fest, welches Haus noch evakuiert wird und welches nicht mehr. Die Entscheidung des Sprengmeisters ist bindend.

Muss man den Aufruf, die Wohnung zu verlassen, unbedingt befolgen?


Neben rund 130 Feuerwehrleuten und Rettungskräften sowie Mitarbeitern der Pirnaer Stadtverwaltung waren am Donnerstagabend in der Pirnaer Südvorstadt und auf dem Sonnenstein circa 280 Polizeibeamte an der Evakuierung von rund 1 800 Anwohnern beteiligt.

Wenn für die eigene Wohnung eine Evakuierung angeordnet ist, muss man gehen. Der Sprengmeister trifft zuvor eine Prognose-Entscheidung, in welchem Umkreis des Bomben-Fundortes Leib und Leben der Anwohner gefährdet sein könnten. Der Verweis aus der Wohnung ist dann rechtlich verbindlich – sowohl für die Polizei als auch für die Betroffenen. „Gibt es Anhaltspunkte, dass sich in einer Wohnung noch Personen aufhalten könnten, lassen die Einsatzkräfte sie öffnen“, gibt Polizei-Sprecherin Ilka Rosenkranz zu bedenken. Sie rät, der Aufforderung nach Möglichkeit sofort und ohne Diskussion Folge zu leisten. „Umso schneller kann mit dem Entschärfen begonnen werden.“

Wer sich trotzdem zu Hause versteckt, riskiert den Verlust von etwaigen Schadenersatzansprüchen und auch eine Strafverfolgung, z.B. wenn er andere durch sein Verhalten gefährdet.