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Die Wunden von Weesenstein

Im August 2002 machte die Müglitz den Ort über Nacht unfreiwillig berühmt. Nun haben sich die Bilder im Westen wiederholt. Ein Besuch in Weesenstein.

Wohnen mit Blick auf Schloss Weesenstein und an der Müglitz: Familie Wilhelm-Zimmel hat dort gebaut, wo 2002 neun Häuser von den Fluten zerstört worden.
Wohnen mit Blick auf Schloss Weesenstein und an der Müglitz: Familie Wilhelm-Zimmel hat dort gebaut, wo 2002 neun Häuser von den Fluten zerstört worden. © Marko Förster

Die Weesensteiner haben im Alltag den 12. August 2002 verdrängt. Jetzt holten die Bilder aus Altenburg, Ahrweiler und Schuld den Tag der verheerenden Flut zurück. Den Tag, an dem die kleine unschuldige Müglitz ihr idyllisches Dörfchen untergehen und in allen Sendern und Zeitungen auftauchen ließ. Zwei Weesensteiner kamen damals im Hochwasser ums Leben. Das Foto von den vier Menschen auf der letzten Mauer eines Hauses mitten auf einer Sandzunge des Flusses ging um die Welt und ist heute noch vielen in Erinnerung.

Fast 20 Jahre später: Im Ort sieht man kaum noch Spuren der Katastrophe. Nur die Einheimischen wissen, wo die neun Häuser standen, die heute im Ortsbild fehlen. Eines gehörte der Familie Wilhelm.

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Verwandte als vermisst gemeldet

Saskia Wilhelm-Zimmel ist in Weesenstein aufgewachsen und hat inzwischen mit Mann und Sohn hier ein neues Haus gebaut. Direkt am Fluss, mitten im Ort, nicht weit vom einstigen Heim der Familie. Manche fragen sich: Wer ist denn so verrückt und wer genehmigt so etwas? Es hat nichts mit Verrücktheit zu tun, nur mit einer großen Liebe zu Weesenstein. Genehmigt wurde das Haus, weil inzwischen viel in Sachen Hochwasserschutz passiert ist.

Im Mai 2002, ein Vierteljahr vor der Flut, war Saskia Wilhelm-Zimmel nach Dresden gezogen, um näher an der abendlichen Meisterschule zu sein. Ihre Wohnung dort wurde im August zum Zufluchtsort. Sieben Wochen lebten ihre Mutter, Tante und Oma bei ihr. Zuvor aber durchlitt sie Tage der Ungewissheit. Wo sind die drei Frauen? Leben sie? Telefonieren ging nicht. Hinfahren gleich gar nicht. Weesenstein war abgeschnitten von der Welt. Also meldete die junge Frau ihre drei Verwandten als vermisst. Doch es ging ihnen gut. Ein Verwandter hatte die drei einschließlich des Hundes zu sich geholt. Das aber wusste Saskia Wilhelm-Zimmel nicht, als sie erfuhr, dass eine schwimmende Scheune das Haus ihrer Familie zerstört hatte.

Der Blick zum Schloss

Es gab viele alte Häuser in Weesenstein, die die Menschen in den Jahren nach 1990 renoviert hatten. Nach und nach, so wie sie über Jahrhunderte hinweg gebaut worden waren. Immer mit dem Blick hoch zum Schloss. Nun hatte das Wasser die Häuser in ein paar Stunden zunichtegemacht. Als die Weesensteiner daran gingen, von vorn anzufangen, gab ihnen der Blick hinauf zum Schloss immer auch ein Stück Kraft. Am Anfang hatten sie so viel zu tun, dass sie gar nicht zum Nachdenken kamen. Als dann Zeit dafür war, wurde es besonders schwer. Das Wasser war weg, die Helfer kehrten in ihre Orte zurück, die Nachrichten berichteten über andere Katastrophenorte. Plötzlich waren die Weesensteiner wieder allein. Mit all dem, was erst noch kommen sollte.

Der Fremde mit dem Schild

Axel Prussak kannte Weesenstein damals auch nur aus dem Fernsehen. Er kam erst 2013 in die Region, zunächst nach Heidenau, dann nach Weesenstein, wo er die Gaststätte unterhalb des Schlosses übernahm. Unweit der Schloss-Bäckerei, deren Brot wegen die Leute von weit her kommen. Ausgerechnet Prussak erinnerte Weesenstein im Sommer 2019 an den August 2002. Er lud die Weesensteiner ein, die neuen und die alten, weil er sie zusammenbringen wollte. Ohne Filme und Fotos von damals anzugucken, aber mit dem Schild "Weesenstein lebt". Nach dem Hochwasser hatten es die Weesensteiner trotzig in den Schlamm gesteckt und sich damit gegen Abrisspläne gewehrt. Das Schild half, die Pläne wurden aufgegeben, die Menschen blieben. Das Schild auch. Voriges Jahr trafen sie sich wieder. Wieder mit dem Schild. Wegen der Erinnerung und noch mehr wegen der Gegenwart. "Weesenstein lebt" wurde im Corona-Jahr 2020 zum Hilferuf. Ob das auch dieses Jahr wieder so sein wird, weiß Prussak im Moment noch nicht. Die Älteren werden weniger und haben keine Lust mehr, die Jungen haben andere Sorgen. "Ich bin eben doch der Fremde", sagt Prussak.

Das Schild, das Weesenstein begleitet - und Roswitha Rehwald, den ehemaligen Bürgermeister Jörg Glöckner sowie Gastwirt Axel Prussak (v.l.).
Das Schild, das Weesenstein begleitet - und Roswitha Rehwald, den ehemaligen Bürgermeister Jörg Glöckner sowie Gastwirt Axel Prussak (v.l.). © Daniel Schäfer

Die Älteren können die Erinnerungen noch immer schwer aushalten. Die Bilder wollen sie nicht wieder und wieder sehen. „Das ist nicht gut für die Seele“, sagt Roswitha Rehwald. Aber zusammenkommen, gemeinsam lachen und Pläne machen – darum geht es. Auch gerade jetzt. Es gäbe viel zu reden. Die tragischen Hochwasser im Westen Deutschlands, das unsagbare Leid, die vielen Toten und die vergangenen Corona-Monate. Vielleicht ist es für manche aber auch zu viel. Es sind die Wunden, die Schmerzen bereiten, wenn sie aufreißen, weil sie nie ganz verheilen. "Diese Tage jetzt wühlen gerade viel in den Menschen auf", sagt Bürgermeister Michael Neumann.

Die Nachbarn auf der Mauer

Er wurde 2018 gewählt und ist ehrenamtlich tätig. 2002 hat der Weesensteiner als Feuerwehrmann erlebt. Das Sofa, das die britische Botschaft in Berlin damals der Gemeinde spendete, hat noch heute seinen Platz in der Verwaltung. Auch das Neumann'sche Haus in Familienbesitz steht an einer markanten Stelle in Weesenstein. In der Kurve gegenüber dem Schloss. Jetzt steht es dort allein. Vor der Hochwasserzeitrechnung gehörte noch ein Sechs-Familien-Haus dahin. Das Haus gehört inzwischen Neumanns Tochter, er wohnt in dem weiter oben gelegenen Burkhardswalde. Nicht wegen des Wassers, sondern weil jede Generation ihren Platz braucht, sagt er. Die Menschen von der Mauer gehörten zu seinen Nachbarn. Sie leben heute im Nachbarort Dohna und wollen nicht mehr darüber reden. Manche sind ebenso weggezogen, andere geblieben, einige auch dazugekommen.

Mut für jetzt, Hoffnung für danach

Saskia Wilhelm-Zimmel ist geblieben. Angst hat sie nicht. Wenn es etwas regnet, sagt sie sich, sie hätten hier schon immer mit Wasser im Keller gelebt, auch wenn es manchmal nicht nur im Keller steht. Wenn es stärker regnet, wird ihr dennoch etwas schwummrig. Wenn sie jetzt die Bilder aus Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen sieht, weiß sie, wie viel Mut und Kraft es braucht, alles wieder aufzubauen. Diesen Mut will sie den jetzt betroffenen Menschen machen. Auch weil sie hofft, dass danach im Ahrtal und den anderen betroffenen Gebieten so wie im Müglitztal viel in mehr Schutz investiert werden wird.

Platz für das Wasser schaffen

Die Mauern sind jetzt dicker hier, die Brücken breiter, Stützmauern wurden erneuert und vergrößert, Rückhaltebecken in Lauenstein und Glashütte oberhalb von Weesenstein sammeln das Wasser im Notfall. All diese Maßnahmen sind Teil des Hochwasserschutzkonzeptes der Landestalsperrenverwaltung Sachsen für die Müglitz. Erstellt wurde es nach 2002, ergänzt nach dem Hochwasser 2013. Schwerpunkt ist, mehr Platz für das Wasser zu schaffen und Hindernisse zu beseitigen. Noch immer werden im Müglitztal Schäden von 2013 beseitigt.

Weesenstein im August 2002: Das gelbe Gebäude ist die Gaststätte, die Prussak jetzt betreibt. Das Haus vom Familie Wilhelm-Zimmel steht jetzt weiter links außerhalb des Fotos am gegenüberliegendem Ufer der Müglitz.
Weesenstein im August 2002: Das gelbe Gebäude ist die Gaststätte, die Prussak jetzt betreibt. Das Haus vom Familie Wilhelm-Zimmel steht jetzt weiter links außerhalb des Fotos am gegenüberliegendem Ufer der Müglitz. © Daniel Förster

In Dohna, dem nächsten Ort flussabwärts, wird noch bis September die Gewässersohle in einem Firmengelände instand gesetzt. Die Schäden von 2013 sind nicht vergleichbar mit 2002, auch nicht mit 2006 und 2010 oder jetzt. In diesen Jahren traf es immer einzelne Orte und das heftig. 2002 schossen in der Region erst die Müglitz und die Weißeritz über die Ufer, danach die Kirnitzsch und Elbe. Für Weesenstein sind die Flüsse weit weg, die Müglitz hat gereicht, den Ort zu verändern.

Verantwortung und Versicherung

Das Haus der Familie Wilhelm-Zimmel hat eine Bodenwanne und viele andere erfüllte Auflagen. Menschen haben immer an Flüssen gelebt. Doch Menschen haben auch die Flüsse verändert, bis die sich ihre alten Wege suchten und das Leben der Menschen veränderten. Es geht um das Miteinander. Von Menschen und von Menschen und Natur. Dass es Versicherungen gibt, die dieses Miteinander und die Risiken nicht mehr versichern, das dürfe es nicht geben, sagt Saskia Wilhelm-Zimmel. Die Versicherung ersetzt nicht die Verantwortung, aber dort, wo die Verantwortung ihre Grenzen hat, muss die Versicherung einspringen.

"Optisch ist alles in Ordnung"

In einem Jahr wird Weesenstein wohl wieder überrannt werden. Nach 20 Jahren werden alle wissen wollen, wie es die Weesensteiner geschafft haben und wie es denn jetzt so ist. Bürgermeister Michael Neumann wird von den zwei Jahren reden, die es gedauert hat, bis die Infrastruktur wieder komplett in Ordnung war. Er wird von den zwei Toten und den neun fehlenden Häusern erzählen. Und er wird sagen: Optisch ist alles in Ordnung. Doch die seelischen Wunden, die niemand sieht, die bleiben. Egal, wie viele Jahre vergehen.

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