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"Wir sind am Ende Opfer unserer eigenen Taten"

ARD-Wettermoderator Sven Plöger prophezeit in seiner Dresdner Rede lange Dürren in Mitteleuropa – falls sich nichts ändert.

Sven Plöger spannt in seiner Dresdner Rede den Bogen von den Pfützen vor der Haustür bis zur großen Politik.
Sven Plöger spannt in seiner Dresdner Rede den Bogen von den Pfützen vor der Haustür bis zur großen Politik. © Jürgen Lösel

Dresden. Man muss sich das vorstellen wie beim Backen, sagt Sven Plöger. Gießt man Milch aufs Mehl, bleibt die Milch obenauf. So ist das mit dem Regen der vergangenen Wochen. Er dringt nicht ein. Der Boden ist viel zu trocken. Man braucht kein passionierter Kuchenbäcker zu sein, um den Vergleich zu verstehen. Das ist ein besonderes Talent des ARD-Wettermoderators Sven Plöger: Er kann komplexe Zusammenhänge auf anschauliche Weise begreifbar machen. Das tut er mit Leidenschaft, Humor und Überzeugungskraft – selbst vor einem leeren Saal. Das Dresdner Schauspielhaus öffnet erst Anfang Juni wieder. So ist die Rede an diesem Sonntagvormittag nur im Livestream zu verfolgen, dann für 24 Stunden auf der Internetplattform „dringeblieben“ und in der Mediathek von Sächsische.de. Wer sich angesichts von Hitzerekorden und Überschwemmungen fragt: Ist das noch Wetter oder schon Klima?, der erhält einige schlüssige Antworten.

„Man muss Wetter und Klima voneinander trennen“, sagt Plöger: Wetter ist das, was der Einzelne an einem konkreten Ort wahrnimmt, was er täglich auf der Haut spüren kann. Klima ist die Statistik des Wetters. Da wird weltweit gemessen, gezählt, verglichen, und das über mindestens drei Jahrzehnte. Dann erst lassen sich Trends erkennen. Und es zeigt sich, wie doch eins mit dem anderen zusammenhängt. Wenn sich das Klima extrem verändert, gibt es auch extreme Veränderungen beim Wetter. Plöger beschreibt es mit ausgreifenden Bewegungen, als stünde er vor der Weltkarte. Da ist die Arktis. Durch die Erderwärmung weicht das Eis zurück, gibt dunklere Oberflächen frei, die sich viel stärker mit Sonnenenergie aufladen. Der Temperaturunterschied zwischen Pol und Äquator wird geringer, er muss weniger ausgeglichen werden durch Wind. Ohne Wind aber bleiben die Hochs und Tiefs, wo sie sind. Dann regnet es an einem Ort wochenlang – oder gar nicht. „Falls in der Klimapolitik nichts passiert, werden in der Mitte Europas zehnjährige Dürren zum Normalfall“, prophezeit der Experte.

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Er habe extra dafür gesorgt, dass dieser Sonntag der erste schöne Tag des Frühlings werde, sagt Sven Plöger im Dresdner Schauspielhaus.
Er habe extra dafür gesorgt, dass dieser Sonntag der erste schöne Tag des Frühlings werde, sagt Sven Plöger im Dresdner Schauspielhaus. © Jürgen Lösel

Sven Plöger, 1967 in Bonn geboren, studierte Meteorologie in Köln und begann seine Laufbahn beim Schweizer Wettervorhersagedienst von Jörg Kachelmann. Schnell folgten die ersten Radiomoderationen. Seit 1999 sagt Plöger „Das Wetter im Ersten“ voraus. Wenn er das nicht tut, hält er Vorträge, dreht Fernsehdokumentationen und schreibt Bücher. Das jüngste zeigt schon im paradoxen Titel das Widerspruchsdenken des Autors: „Zieht euch warm an, es wird heiß!“

Einen der größten Widersprüche sieht er darin, dass viele Menschen zwar begreifen, dass sich das Klima dramatisch verändert – doch sie ziehen keine Konsequenzen aus der Erkenntnis. „Alles soll so bleiben, wie es ist.“ Gerade weil die Klimaveränderung nicht sinnlich spürbar ist wie das Wetter und die Bedrohung in weiter Ferne zu liegen scheint, verweigert man sich den eigenen Einsichten. „Wenn irgendwann irgendwas passieren wird, fühlt man sich nicht zum Handeln herausgefordert. Man hofft, nicht betroffen zu sein.“ Das Dilemma verdeutlicht Plöger in seinem Buch am Beispiel des kettenrauchenden Lungenfacharztes. Den dürfte es eigentlich nicht geben. Dieses Handeln wider besseres Wissen findet sich in der Gesellschaft genauso. Plöger zitiert den ehemaligen Chefökonomen der Weltbank Nicholas Stern: „Der Klimawandel ist das Ergebnis des größten Marktversagens, das die Welt je gesehen hat.“ Er stimmt mit Stern überein, dass ungebremstes Wirtschaftswachstum fatale Folgen hat für Mensch und Natur. Andererseits erlaubte genau dieses Wachstum nach dem Zweiten Weltkrieg einen beachtlichen Wohlstand, und wer, fragt Plöger, wollte darauf verzichten?

Seine Rede macht deutlich, wie Pfützen auf dem Fußweg mit der großen Politik zusammenhängen. Vom Wohlstand hierzulande ist es für ihn ein Gedankensprung zu den Textilarbeiterinnen von Bangladesch. „Das berührt die Grundfrage nach Gerechtigkeit bei Löhnen und Bezahlung. Eine Welt, in der 85 der reichsten Menschen so viel besitzen wie 3,5 Milliarden der ärmsten Menschen, eine solche Welt kann nicht funktionieren“, sagt Sven Plöger. „Wir müssen die Welt gerechter machen. Und klimafreundlicher. Entweder gestalten wir das selbst, oder wir sind am Ende Opfer unserer eigenen Taten.“ Bei solchen Sätzen kann er sich richtig in Zorn reden. Die Stichwortzettel auf dem Pult braucht er kaum. Den Zwischenbeifall muss man sich denken. Er wäre dem Moderator gewiss.

Sturm "Lothar" hat Plöger geprägt

Seit mehr als zwanzig Jahren befasst er sich mit den Ursachen und Folgen des Klimawandels. Den Anstoß gab der Sturm Lothar. In einem Gespräch erzählt Sven Plöger, wie dieser Sturm am zweiten Weihnachtsfeiertag 1999 über den Schwarzwald, Österreich und die Schweiz hinwegfegte und er in der Wetterstation sah, wie der Wald davor zusammenknickte. Ein Drittel der Bäume fiel krachend um. Solche Ereignisse prägen auch dann, wenn man sie nur aus der Ferne erlebt. Erregt erzählt er von den Waldbränden ungeahnten Ausmaßes 2019 in Australien, denen mehr als eine Milliarde Tiere zum Opfer fielen. Im Jahr zuvor brannten die Wälder in Schweden. „Und ein kleines Mädchen setzte sich vor die Schule mit einem Schild, das zum Schulstreik aufrief.“ In diesem Moment, so Plöger, trafen offenbar mehrere Faktoren zusammen. „Wäre in Schweden der Klimawandel nicht so spürbar gewesen und wären nicht auch noch Wahlen gewesen, dann hätte der Streik vielleicht mit einem Eintrag im Klassenbuch geendet.“ Er nennt es einen Glücksfall, dass es anders kam. „Ich bin schwer beeindruckt, wie sich junge Menschen zusammentun, um für ihre Zukunft zu kämpfen.“ Jemand habe mal gesagt, man brauche eine Ikone des Klimawandels. „Mit Greta Thunberg haben wir sie.“ Mit ihrer Forderung – Politiker, hört auf die Wissenschaftler! – kann der Wissenschaftler sehr einverstanden sein.

Für ihn gehört zur Kritik der Vorschlag, wie es besser gehen könnte. Wie schafft man mehr Bäume und Wasser in die Städte? Wie findet man neue Konzepte für den Individualverkehr auf dem Land, reicht es, nur den Motor zu tauschen? Wie lässt sich Mikroplastik im Meer vermeiden? Solche Probleme erörtert Sven Plöger im Buch, auf der Bühne kann er sie nur anreißen. Sie münden in einem Appell. Dabei beruft er sich auf ostdeutsche Erfahrungen beim Sturz der Berliner Mauer. Sie würde heute noch stehen, meint Plöger, wären nicht alle auf die Straße gegangen: „Es kommt auf jeden Einzelnen an.“

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  • Die Dresdner Reden werden in Kooperation von Staatsschauspiel Dresden und Sächsischer Zeitung veranstaltet. Nächste Reden: Der SPD-Politiker Franz Müntefering spricht am 6. Juni, die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann am 16. Juni, jeweils 11 Uhr. Tickets für den Livestream für 7 Euro, mit SZ-Card 5 Euro.

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