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Warum welken überall die Blätter?

Volker Weidermann folgt den Spuren von Anna Seghers in Mexiko. Leider hatte er es viel zu eilig.

Anna Seghers an ihrem 80. Geburtstag am 19. November 1980.
Anna Seghers an ihrem 80. Geburtstag am 19. November 1980. © dpa

Von Wolfgang David

Gefragt, in welchem Sektor Berlins sie wohnen wolle, soll die aus dem Exil heimgekehrte Anna Seghers gesagt haben: „Im mexikanischen“. Das galt weniger der vom Krieg gezeichneten Stadt als vielmehr dem Land, das ihr von 1941 bis 1947 Zuflucht bot, in dem sie den Erfolg ihres Romans „Das siebte Kreuz“ erlebte und ihre beiden Kinder heranwuchsen, ein schwerer Unfall sie andererseits fast das Leben gekostet hätte und die Sorge um ihre Eltern in Mainz – orthodoxe Juden, die sie nicht retten konnte – niemals verließ. Kontrastreiche Jahre, denen das vorliegende Buch nachgeht.

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Auch sonst war unter Mexikos Sonne nicht alles eitel Sonnenschein. 1940 wurde in Mexiko-Stadt ein anderer Flüchtling, Leo Trotzki, von einem Killer Stalins ermordet. Der tötende Eispickel warf lange Schatten, noch Jahre nach der Tat. Auf Menschen, die nicht bloß Asylanten waren, sondern eine Kampfgemeinschaft mit spezifischen Regeln. Diese kamen aus Moskau, wo man keinen Spaß verstand, wenn sie nachlässig befolgt oder gar ignoriert wurden.

Aus Sohn Peter wird Pierre

Als Seghers einen exkommunizierten Genossen, mit dem sie befreundet war, heimlich besuchte, klingelte es. Vor der Tür ist niemand, doch hat Niemand ein paar Zeilen hinterlassen: „Anna, ich habe dich ertappt, du verkehrst mit …“ Wie ernst derlei gemeint war, erfuhr Peter, ihr 19-jähriger Sohn. Nach vorsichtiger Kritik an den Macht- und Glaubenskämpfen zwischen den Freunden seiner Eltern wurde er derart in die Mangel genommen, dass er eine ungewöhnliche Entscheidung traf: Statt der geliebten Mutter nach Deutschland zu folgen, gab er Frankreich den Vorzug – und wurde Pierre.

Wer Seghers vorhält, dass sie zu vielem schwieg, was ihrem Gerechtigkeitssinn zuwider gewesen sein dürfte, wird Erlebnisse wie diese mitdenken müssen. Als sie Brecht Ende 1947 in Paris besuchte, wirkte sie auf ihn noch immer „verängstigt“. Auch dem Tapfersten ist nur ein begrenztes Quantum Mut zugemessen. Hat es sich verbraucht, tritt er ins Glied zurück. Angreifbar machte sich Seghers womöglich auch durch ihr Naturell. Fasziniertsein vom Dogmengebäude der kommunistischen Bewegung ist aus ihren Schriften nicht herauszulesen, Parteichinesisch und ideologische Haarspaltereien scheinen ihr fremd gewesen zu sein. An das als Waldspaziergang getarnte Treffen mit einem Funktionär erinnerte sie sich so: Es sei ihr während seines Vortrags gewesen, als verstummten die Vögel und verlören die Blumen ihren Duft. „Warum welken überall die Blätter, wo wir hinkommen?“ wird sie zitiert.

Das Manko mit Ellipsen kaschiert

Volker Weidermann will gerecht sein, und er ist es. Er hat Seghers weder idealisiert noch ihr mit dem Dünkel des Nachgeborenen den Prozess gemacht. Auch dort nicht, wo er, was sie tat oder unterließ, missbilligt. Zu einem richtig guten Buch reichte dies leider nicht. Er ist ein vielbeschäftigter Mann, bespielt im Spiegel das Ressort Literatur, talkte einige Jahre im Fernsehen, veröffentlicht regelmäßig Bücher. Nun kommt ein Jubiläum, da will man nicht fehlen. Doch woher die Zeit dafür nehmen? Indem man das Manko mit ein paar Kniffen kaschiert.

Hierzu zählt ein Stilmittel, das Weidermann nahezu verschwenderisch einsetzt. Periodisch hagelt es Ellipsen, was suggeriert, dass zwischen ihm und seinem Gegenstand eine hochgradige Vertrautheit bestünde, so intim, dass Fragmente genügen. Beispiel: „Die Mutter. Die Ausgleichende. Der Gegenpol. Die Andere.“ Man beginnt, sich nach Schachtelsätzen zu sehnen, da dämmert’s: Hier hatte es jemand eilig und flüchtete daher in diese Masche.

Weidermann war auch in Mexiko, wo sich aber kaum Seghersspezifisches materialisiert hat. Immerhin lassen sich bei dieser Gelegenheit ein paar Schnurren unterbringen. Etwa die von der schönen Hilde, die erst Goebbels den Kopf verdrehte, dann in Hollywood scheiterte und schließlich als Nazispionin durch die Schlafzimmer mexikanischer Minister geisterte. Was das mit Seghers zu tun hat? „Vielleicht sind sie sich begegnet in diesen Tagen.“ Und wenn nicht? Nächste Frage ...

Vermeidbare Schnitzer

Von der Hast, mit der gearbeitet wurde, zeugen auch vermeidbare Schnitzer. Weder ist der Trauermarsch „Unsterbliche Opfer“ von Schostakowitsch noch war der 16-jährige Bodo Uhse erster Chefredakteur des „Völkischen Beobachters“. Ein Deklinationsfehler sei nur erwähnt, weil es Mühe kostet, ihn zu übersehen. Die Sprache wirkt uninspiriert, oft nachlässig. Synonyme werden kaum abgeschmeckt, man nimmt, was sich vordrängt. Wer Weidermanns prägnante Schreibe im Nachrichtenmagazin Spiegel schätzt, möchte zuweilen seufzen.

Überzeugend ist Weidermann dort, wo er sich seiner Sympathie für den Menschen Anna Seghers überlässt. Etwa, wenn er ihr attestiert, dass sie vom Hausübel vieler Literaten, dem Snobismus, völlig frei war. „Echten Freundinnen“ den Vorzug gibt vor „Dichterinnen, die vor allem mit dem Stolz auf sich selbst befreundet sind“.

Berührend auch, was er von Pierre, diesem gewesenen Deutschen, erfährt. Als die Familie 1941 in Marseille festsaß, spendierte Seghers ihren Kindern eine Bootsfahrt zu der Insel, auf der ein gewisser Edmond Dantès alias Graf von Monte Christo 20 Jahre inhaftiert gewesen sein soll. Man stelle sich vor: Todesangst im Nacken und Ebbe im Portemonnaie, doch Ausflug muss sein! Zu einer Baulichkeit, in der jemand, den es nicht gab, niemals gewesen war.

Volker Weidermann: Brennendes Licht. Anna Seghers in Mexiko. Aufbau Verlag, 186 Seiten, 18 Euro

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