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Auf Konzertreise zum Klassenfeind

Sachsens Ton- und Filmerbe wird gerettet. Nach einem Jahr zog das Projekt Zwischenbilanz. Sie fällt positiv aus, doch die Zukunft ist ungewiss.

Willkommen im Nichtsozialistischen Währungsgebiet: Vor 60 Jahren empfingen Polizisten in Tokio die Staatskapelle auf Welttournee. Solobratschist Alfred Schindler hielt auch das mit seiner Handkamera fest.
Willkommen im Nichtsozialistischen Währungsgebiet: Vor 60 Jahren empfingen Polizisten in Tokio die Staatskapelle auf Welttournee. Solobratschist Alfred Schindler hielt auch das mit seiner Handkamera fest. © SLUB

Ob im sozialistischen oder nicht sozialistischen Ausland: Wohin die Sächsische Staatskapelle auch reiste, die Kamera war immer dabei. Pariser beim Gemüsekauf, bummelnde Tokioter, ein estnischer Polizist beim Verkehr-Regeln; Alles hielt Solobratscher Alfred Schindler fest im Film und zeigte es daheim in Dresden. „Vati wollte uns an seinen Erlebnissen teilhaben lassen“, erinnert sich Schindlers Tochter Gabriele Schacht. „Die Filme waren für uns ein Fenster in die weite Welt. Das war für uns ja fast alles unerreichbar.“

Heute besonders interessant: Schindlers Filme aus den Jahren 1955 bis 1983 zeigen die Kapell-Musiker so, wie sie niemand zu sehen bekam – ganz privat, beim Rauchen, Scherzen, Flanieren. Bei dem, was die Menschen eines Orchesters eigentlich zusammenschweißt. Damit sind sie auch historisch wertvoll und zu Recht ein Teil vom audiovisuellen Kulturerbe Sachsens.

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Bisher 20 Prozent gesichert

Das besteht aus 48.000 Film- und ebenso vielen Tonaufnahmen. Darunter Szenen aus dem Stadtleben in Marienberg 1921, sorbische Tänze zur DDR-Zeit, letzte Bewegtbilder des weggebaggerten Dorfes Scado, Tonaufnahmen aus der Jüdischen Gemeinde Dresdens, medizinische Radiovorträge aus den Sechzigern über „Halbstarke“. Seit einem Jahr wird Sachsens audiovisuelles Erbe Schritt für Schritt digitalisiert, zentral erfasst, erschlossen, archiviert, damit vor dem Verfall gerettet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Am Mittwoch zogen Kultur- und Tourismus-Ministerin Barbara Klepsch, der Direktor der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek (SLUB), Achim Bonte, sowie Projektleiter André Eckardt Zwischenbilanz. Bonte kann bilanzieren: „Wir haben unser für das erste Jahr gesetzte Ziel sogar übertroffen.“ Bereits 18.000 Filme, Tondokumente und TV-Beiträge seien gesichert worden – immerhin 20 Prozent des bisher bekannten Materials. Das lagert teils noch in lokalen Archiven, die nicht über das Potenzial verfügen, sich selber ans Sichern zu machen. „Die SLUB mit ihren 350 Mitarbeitern kann da natürlich ganz anders herangehen“, so der Generaldirektor.

Nur: Ist wirklich alles, was noch existiert, auch wert, gerettet zu werden? „Das muss sorgfältig geklärt werden“, sagt André Eckardt. Man begutachte das Material unter Kriterien wie Erhaltungszustand, Rettungsfähigkeit und der Frage der Rechte daran. Wichtig sei auch, inwieweit es helfen könne, das immaterielle Kulturerbe von Sachsen zu bewahren. „Wie eine Sorbin ihrer Tochter das Tanzen beibringt, wie überhaupt Brauchtum über Generationen hinweg weitergegeben wurde, das kann man mit Fotos zwar zeigen und mit Texten erklären, aber niemals so anschaulich vermitteln wie im Film“, so Eckardt.

Eine klaffende Forschungslücke

Als nächste Schritte sollen die Zusammenarbeit mit Archiven der Staatstheater erweitert und Filmaufnahmen aus den ersten Jahren nach 1990 gesichert werden; eine klaffende Forschungslücke, ausgerechnet über jene Zeit, die auch für die Sachsen tiefgreifende Veränderungen brachte, einen totalen Systemwandel, verbunden mit enormen Verwerfungen und Problemen.

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350.000 Euro pro Jahr des Doppelhaushalts 2019/20 standen bisher für das Projekt zur Verfügung. Und der Koalitionsvertrag hielt im letzten Herbst fest: Erschließung und Erhalt des audiovisuellen Erbes werden fortgesetzt. In welcher Form und in welchem Umfang, ist indes noch nicht sicher – undank des finanziellen Mehraufwands, den die Corona-Krise auch im Kulturbereich mit sich bringt. „Die Haushaltsverhandlungen für 2021 und 2022 stehen noch an“, sagte Ministerin Klepsch. „Wir müssen neuen Prioritäten setzen.“

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