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Beach-Boys-Sänger Mike Love: "Ohne Band würde ich im Café singen"

Die Beach Boys feiern ihr 60. Dienstjubiläum beim Konzert in Dresden. Vorab spricht Sänger Mike Love über Oldies, das Alter und den Ukraine-Krieg.

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Mike Love ist Sänger und letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Beach Boys. Am Freitag tritt er mit seiner Band in der Dresdner „Garde“ auf.
Mike Love ist Sänger und letztes verbliebenes Gründungsmitglied der Beach Boys. Am Freitag tritt er mit seiner Band in der Dresdner „Garde“ auf. © www.udophotography.com

Kein Sommer ohne „Good Vibrations“: Der weißhaarige, ältere Herr, der gerade auf Tour in Florida ist, strotzt vor Gesundheit und Selbstbewusstsein. Mike Love, letztes Original-Mitglied der kalifornischen Gute-Laune-Institution Beach Boys, ist zwar stolze 81, wirkt im Gespräch wie auf der Bühne aber deutlich jünger. Das läge an seiner positiven Musik und seiner täglichen Meditation, sagt er.

Herr Love, ist 80 das neue 50?
Auf mich könnte das tatsächlich zutreffen. Mir geht es wirklich prima und ich spiele immer noch über 100 Konzerte im Jahr.

Warum dieser Stress? Das Geld kann es ja nicht sein, oder?
Na ja, wir haben hier das Sprichwort: Müßiggang ist aller Laster Anfang. Wenn man dem glaubt, ist es gut, viel beschäftigt zu sein. Und ich habe ja gerade erst zwei Jahre Covid hinter mir, in denen ich nicht auf die Bühne konnte. Von daher: Es ist toll, endlich wieder Konzerte zu geben – je mehr, desto besser.

Sind Sie nach all den Jahren süchtig nach dem Applaus des Publikums und dem Tour-Leben? Ist das Ihr persönlicher Jungbrunnen?
Vielleicht ist es das wirklich, aber es ist mit Sicherheit keine Sucht. Als Musiker, der sein ganzes Leben auf Achse war, ist zu touren natürlich etwas, das ich sehr mag. Und wenn ich nicht mit einer professionellen Band auftreten könnte, würde ich halt in der lokalen Kirchengemeinde, in Clubs oder Cafés singen. So, wie es so viele Menschen tun. Von daher ist es einfach die Liebe zur Musik, die mich am Laufen hält. Hinzu kommt die Tatsache, dass unsere Stücke ja auch außerhalb der USA sehr populär sind – in England, Deutschland und überall. Die Leute haben immer noch eine Schwäche für diese Songs, die sie schon so lange kennen. Die Reaktion des Publikums gibt mir ein wirklich gutes Gefühl. Einfach, weil die Songs, die wir vor all den Jahren geschrieben haben, immer noch Wertschätzung erfahren.

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Mike Love (Mitte) im Juli 2019 beim vorigen Dresden-Konzert der Beach Boys.
Mike Love (Mitte) im Juli 2019 beim vorigen Dresden-Konzert der Beach Boys. © Jürgen Lösel

Sie haben auf absehbare Zeit nicht vor, in Rente zu gehen? Oder haben Sie den Absprung schlichtweg verpasst?
Ich habe nie darüber nachgedacht, aufzuhören. Warum auch? Es ist das, was ich liebe – ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Und natürlich wird irgendwann der Augenblick kommen, an dem wir das nicht mehr fortsetzen können. Das wird unweigerlich passieren. Aber momentan erfreue ich mich bester Gesundheit. Ich bin erst vor ein paar Monaten 81 geworden, und ich habe immer noch Spaß bei allem, was ich tue. Ich habe eine wunderbare Crew, die sich um alles kümmert und dafür sorgt, dass ich nur noch auf die Bühne gehen muss, wenn der Gong ertönt. Und solange ich sehe, wie begeistert die Leute sind, wenn sie unsere Songs hören, gedenke ich das fortzusetzen.

Wird es nie langweilig, die immer gleichen Oldies zu singen?
So weit ist es nie gekommen. Und sollte ich einen Song tatsächlich mal ein bisschen überhaben, spiele ich ihn halt eine Zeit lang nicht mehr. Nur: Die meisten Beach-Boys-Stücke haben eine derart komplexe Struktur, was die Harmonien und die Akkordfolgen betrifft, dass man höllisch aufpassen muss. Man muss wirklich bei der Sache sein und kann es sich nicht leisten, unkonzentriert zu sein. Diese Stücke so hinzubekommen, wie sie gedacht sind, ist eine echte Leistung – und zugleich ein Riesenspaß. Denn wenn bei diesen vierstimmigen Harmonien alles passt – und das ist unser Anspruch –, dann ist das eine Offenbarung. Die kann nie langweilig sein, weil sie richtig hinzukriegen eine echte Herausforderung ist.

Aktuell feiern Sie Ihr 60. Dienstjubiläum. Gibt es aus diesem Anlass auch ein neues Studio-Album?
Dazu haben wir uns leider nicht durchringen können. Aber es gibt eine neue Compilation namens „Sixty Years Of The Sounds Of Summer“. Das ist das Original-Album „Sounds Of Summer“ von 2003 mit 30 Stücken auf einer CD und dann noch zwei Bonus-Discs. Außerdem arbeiten wir an einer Dokumentation, bei der alle noch lebenden Beach Boys involviert sind.

Was erwartet uns bei Ihren Deutschland-Konzerten? Eine gut geölte Jukebox, die Hit auf Hit abfeuert?
Das trifft es sehr gut. Aber wir bringen auch ein paar Stücke, die wir nur bei euch spielen, aber nicht in den USA. Einfach, weil sie dort nicht so populär sind. Ich denke da an „Cotton Fields“, der ein respektabler Hit in Deutschland war – also bringen wir das auch. Wir sind wirklich gerne in Deutschland unterwegs. Wobei wir interessante Dinge gelernt haben. Etwa, dass es mehr klassische amerikanische Autos in Ost-Deutschland gibt, als im Rest des Landes. Ist das nicht irre? Wahrscheinlich ist es eine Reaktion darauf, dass die Sowjetunion den Osten so lange kontrolliert hat – also, dass diese Autos dort nicht verfügbar waren und sich die Leute nun einen Lebenstraum erfüllen wollen. Wir als Band stehen ebenfalls darauf – deshalb haben wir ja Songs wie „409“, „Little Deuce Coupe“ und „Fun, Fun, Fun“ geschrieben – letzteren mit der Zeile: „bis Daddy dir den T-Bird wegnimmt.“ Die scheinen bei den Deutschen besonders gut anzukommen. Und deshalb spielen wir hier mehr Konzerte als in anderen europäischen Ländern.

Russland sparen Sie vorerst aus?
Ja, das ist gerade nicht so leicht zu bewerkstelligen.

Wie denken Sie als erklärter Pazifist über Putins Krieg gegen die Ukraine?
Das ist eine schreckliche Sache. Ich persönlich halte Putin für einen Mörder und sein Vorgehen für menschenverachtend. Ganz abgesehen davon, dass es irre ist, in der heutigen Zeit mit dem Einsatz von Nuklearwaffen zu drohen. Das wäre das Ende des gesamten Planeten. Und was mich so richtig wütend macht: Ich hatte eigentlich gedacht, dass wir als Menschheit so etwas Primitives wie Kriege überwunden hätten, dass wir uns da entsprechend weiterentwickelt haben und cleverer geworden sind. Nach all den schrecklichen Erlebnissen, die wir da schon hatten. Und ich kann mich noch an eine Zeit erinnern, als die USA Ländern, die unschuldig angegriffen wurden, zur Hilfe geeilt sind. Doch bislang schicken wir den Ukrainern nur Waffen, damit sie sich selbst helfen können. Wer weiß, ob das reicht? Ich kann die Vorstellung, dass da unschuldige Menschen bombardiert werden, einfach nicht ertragen.

Sie wären also für einen Kriegseintritt der USA und der Nato?
Ich hoffe, dass das nicht nötig ist. So schleppend wie die russische Invasion bislang verlaufen ist, scheint Boykott auch ein sehr effektives Mittel zu sein. Hoffentlich reicht das. Mir tun nur die Leute in Russland leid, die langfristig unter den Maßnahmen des Westens leiden werden, während Putin genug auf der hohen Kante hat, um davon nicht weiter tangiert zu sein.

Sie selbst sind in den 60ern für eine bessere, freiere Welt eingetreten und waren Teil der Friedensbewegung. Ist es nicht frustrierend zu sehen, was aus der Welt geworden ist? Kommt das einem Scheitern Ihrer Mission gleich?
Es hat wirklich etwas davon. Und was wir aktuell erleben, ist das exakte Gegenteil von dem, was wir uns damals in den 60ern von der Zukunft erhofft hatten. „Good Vibrations“ handelt zum Beispiel von einem Mädchen, das voll auf dieser „Love & Peace“-Welle schwimmt, also dem sogenannten „Flower-Power“. Wir haben da versucht, den Zeitgeist einzufangen und einen Song zu präsentieren, der positiv ist und das Wunder der Liebe preist. Jetzt vor Augen geführt zu bekommen, wie schrecklich die Realität ist, hat schon etwas sehr Ernüchterndes.

Eine ähnliche Erfahrung wie die 68er-Tour der Beach Boys mit dem Maharishi Mahesh Yogi, Ihrem indischen Meditations-Guru?
Kann sein, dass das für einige unserer Fans wirklich zu viel war – im Sinne von: zu progressiv. Aber ich erinnere mich noch sehr gut daran, dass sich auch viele dafür interessiert haben, was wir da tun, und dem Ganzen gegenüber sehr aufgeschlossen waren. Schließlich war Transzendentale Meditation, kurz TM, damals sehr populär.

Sie selbst praktizieren TM noch immer?
Jeden Tag! Es ist eine sehr gesunde Sache, bei der man sich prima entspannen kann. Sie hilft dabei, mit dem ganzen Alltags-Stress klarzukommen. Ich für meinen Teil habe erkannt, dass TM mir beim Umgang mit Stress hilft.

Ist das die Art, wie Sie sich fit halten?
Na ja, gestern war ich auch im Fitnessstudio. Das ist einfach wichtig, um den Muskeltonus des Körpers in Schuss zu halten. Im Grunde ist es dasselbe wie mit der Stimme: Da tue ich nichts, was ihr in irgendeiner Form schaden könnte – ich rauche nicht, ich trinke nicht viel. Und wenn ich sie regelmäßig einsetze, bleibt sie in guter Form. Deshalb singe ich selbst die alten Stücke noch in derselben Tonlage wie vor 50 oder 60 Jahren, also die meisten von ihnen. Es hängt nur davon ab, einen halbwegs vernünftigen Lebensstil zu führen. Dann gibt es da auch kein Verfallsdatum.

Sie werden also so lange Musik machen, bis man Sie tot von der Bühne trägt?
Oh ja, das ist das Ziel.

  • Das Interview führte Marcel Anders.
  • Die Beach Boys in Dresden: 8.7., 19.30 Uhr, Freilichtbühne „Junge Garde“, Restkarten an der Abendkasse.