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Christoph Hein vergleicht Entlassung von Ost-Professoren 1990 mit NS-„Säuberung“

Der populäre ostdeutsche Schriftsteller Christoph Hein sorgt mit gewagten Äußerungen in einem Radio-Interview für Irritationen.

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Christoph Hein ist regelmäßig in Sachsen zu Gast, etwa im Gerhart-Hauptmann-Theater von Zittau/Görlitz, wo 2021 diese Aufnahme entstand.
Christoph Hein ist regelmäßig in Sachsen zu Gast, etwa im Gerhart-Hauptmann-Theater von Zittau/Görlitz, wo 2021 diese Aufnahme entstand. © Martin Schneider

Der Schriftsteller und Dramatiker Christoph Hein („Willenbrock“, „Die Ritter der Tafelrunde“) hat die Entlassung ostdeutscher Professoren nach der Wiedervereinigung mit der nationalsozialistischen „Säuberung“ der deutschen Universitäten von Juden, Kommunisten und Sozialdemokraten im Jahr 1935 verglichen.

Wörtlich sagte der 79-jährige Hein am Dienstag gegenüber Deutschlandfunk Kultur: „Da (1990, d. Red.) fand eine Auswechslung der Eliten statt, die so ein bisschen an die Zeit von 1935 erinnert, als die Universitäten gereinigt wurden von Juden, Sozialdemokraten und Kommunisten, wo auf einmal diese ganzen Professoren verschwanden und die zweite, dritte Garde dann erfreut diese Positionen einnahm“, so Hein. „Das setzte sich 1990 genauso noch einmal ein, dieser Austausch von Eliten fand statt und ist bis heute noch nicht beendet worden.“

Lehrende für Marxismus-Leninismus schon 1989 entlassen

Tatsächlich war es nach 1990 und der Einführung der Demokratie in Ostdeutschland zu einer Entlassungswelle ostdeutscher Hochschullehrender gekommen, hauptsächlich durch die „Entpolitisierung“ der Hochschullandschaft der ehemaligen DDR. Das betraf nicht nur, aber hauptsächlich Lehrende jener Fächer, deren wissenschaftliche Grundlagen enge Verbindungen zum politischen System der DDR aufwiesen wie Ökonomie, Jura, Geschichte und Sozialwissenschaften. Noch zur DDR-Zeit waren die Lehrenden für Marxismus-Leninismus entlassen worden.

Nach Einführung der NS-Diktatur wurde aufgrund der neuen Hochschulgesetze bis 1935 jeder fünfte Lehrende aus rassistischen und ideologischen Gründen von seinem Posten vertrieben. Von diesen 1.200 Entlassenen wurden 3,4 Prozent Opfer der NS-Vernichtungspolitik, fast 4 Prozent nahmen sich das Leben. (SZ/or)