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Feuilleton

Lässt Corona die Serienblase platzen?

Führt die Pandemie auch zum Ende des Serienhypes? Manche würde das womöglich beruhigen - denn das ständige Anschauen kann stressig werden.

Die Corona-Pandemie sorgt für Entschleunigung - auch beim Serien-Gucken.
Die Corona-Pandemie sorgt für Entschleunigung - auch beim Serien-Gucken. © dpa/Tobias Hase

Von Gregor Tholl

Berlin. Wann platzt die Serienblase? When will the bubble pop?, fragte Anfang des Jahres - noch vor der Corona-Krise - die "New York Times". Marktforscher hatten soeben für 2019 allein für die USA die Höchstzahl von mehr als 500 neuen Serienproduktionen bekanntgegeben. Die Antwort auf die Frage ist komplex. Doch sicher ist: 2020 ist für die Serienproduktion ein schwieriges Jahr. Wegen der Corona-Beschränkungen wurden viele Drehs monatelang unterbrochen. Serienfans könnten 2021 einer Durststrecke entgegensehen, weil sich vieles verzögert hat. Steht der Hype gar vor dem Aus?

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Sieben Prozent mehr an neuen Staffeln von Drama bis Comedy, Miniserie et cetera als noch 2018 wurden im Jahr 2019 in Amerika veröffentlicht, wie es von den Forschern des FX Network hieß, einem amerikanischen Pay-TV-Kabelsender aus dem Hause Walt Disney.

Im Laufe des vergangenen Jahrzehnts hat sich demnach die Zahl der pro Jahr neu gestarteten (oder fortgesetzten) US-Serien mehr als verdoppelt. Seit etwa acht Jahren nehmen in erster Linie Produktionen der Streamingdienste zu. Seit 2014 hat sich deren Zahl verfünffacht. Kamen vor etwa 20 Jahren nur etwa 180 US-Serien innerhalb von zwölf Monaten raus, vor zehn Jahren knapp 220, waren es 2019 insgesamt 532.

In Deutschland prophezeite Ufa-Chef Nico Hofmann vergangenes Jahr in einem "DWDL.de"-Interview: "Irgendwann wird diese Serienblase platzen - auch in puncto Wirtschaftlichkeit." Das ergebe sich "aus natürlichen Begrenzungen von Produktionskapazitäten, verfügbarem Talent und Budget". Er sage schon heute: "Es ist zu viel Programm auf dem Markt. Die Zuschauer konsumieren gleichzeitig selektiver und das erhöht den Druck auf jede einzelne Produktion, hervorzustechen."

So richtig los mit dem Serienhype, also den High-End-Reihen und komplexer angelegten Qualitätsserien ging es vor 30 Jahren, mit "Twin Peaks", dem von David Lynch entwickelten Mystery-Format. In Deutschland kam die Serie erst 1991 bei RTL an (damals noch RTLplus).

Spätestens seitdem sind horizontal erzählte Fernsehserien, die ihre Handlungsbögen über viele Episoden ziehen, der Megatrend. Wo früher Auto, Mode, Bücher oder Plattensammlung zur Distinktion reichten, wurde es jetzt immer öfter die TV-Serie oder später Streaming-Serie. Ein Lifestyle-Import aus Amerika: auch eine neue Art, sich abzugrenzen. Sag mir, was du guckst, und ich sage dir, wer du bist.

Eine Serie nach der anderen

Auch wenn in den 80ern natürlich schon die populären Edel-Soaps "Dallas" und "Denver-Clan" existierten, gab es erst seit den 90er Jahren eine Trendserie nach der anderen: zum Beispiel "Ally McBeal", "Sex and the city", "24", "Six Feet Under - Gestorben wird immer", "Lost", "Mad Men", "The Walking Dead", "Game of Thrones", "Homeland", "Breaking Bad", "Downton Abbey", "House of Cards", "Better Call Saul", "The Crown", "Stranger Things", "The Young Pope", jüngst nun "Unorthodox" oder "Babylon Berlin". Es hört und hört nicht auf.

Der Kolumnist Till Raether schrieb vor einem Jahr im "Süddeutsche Zeitung Magazin": "Ich sehne mich danach, dass Geschichten wieder nach anderthalb bis zweieinhalb Stunden zu Ende sind." Er wünsche sich eine Disziplin der Macher, "eine komplexe Geschichte an einem und nicht an Dutzenden, wenn nicht Hunderten Abenden zu erzählen." Zwar, so Raether, sei die Fernsehserie "unglaublich abwechslungsreich und divers geworden", aber die meisten Serien handelten von Männern, die sich und andere in die Bredouille bringen oder von Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen und am Ende über sich hinauswachsen.

Alles Klischee, wenn auch komplexer als früher? Hat die Kunstform Serie ihren Zenit überschritten? Timo Gößler, Dozent für Dramaturgie und Serielles Erzählen an der Filmuniversität Babelsberg Konrad Wolf in Potsdam, gibt eine differenzierte Antwort: "Möglicherweise ist es wahr, dass aus den USA, dem Mutterland der modernen Serie, immer weniger Bahnbrechendes kommt", sagt der 42-Jährige. Doch wer seit Jahren Hunderte Serien auf den Markt werfe, habe irgendwann fast alles gemacht. "Neue und frische Impulse kommen - Plattformen sei Dank - immer häufiger auch aus Europa."

Serien für "spitze" Zielgruppen

Nie zuvor sei der Serienmarkt derart international gewesen. "Spitz, also nur für eine sehr kleine, spezifische Publikumsgruppe zu erzählen, kann sich auch finanziell auszahlen, wenn eine Serie überall dieses kleine Publikum bekommt und daraus dann global ein großes wird." Das beweise zum Beispiel die deutsche Netflix-Serie "Dark", die weltweit Kult sei und keineswegs dem Mainstream-Geschmack folge, meint Gößler. Deren deutsche Verortung und philosophischer Ansatz sei sicher ein Faktor für den Erfolg auf der ganzen Welt.

"Was alle anderen Länder außer den USA betrifft, halte ich den Zenit noch längst nicht für überschritten", sagt Gößler. "So viele Themen, Spielfelder, Perspektiven und Narrative sind gerade auch in Deutschland noch gar nicht bearbeitet worden, in Sachen Diversität haben wir zum Beispiel noch gewaltig Luft nach oben."

Außerdem meint der Hochschuldozent, dass der Nachwuchs immer spezieller und besser ausgebildet werde. Junge Autorinnen und Autoren bekommen "viel häufiger als noch vor ein paar Jahren" die Chance, ihre Originalität unter Beweis zu stellen, "ohne sich dabei allzusehr in althergebrachte starre Strukturen hineinbiegen zu müssen".

Auch die Hamburger Medienwissenschaftlerin Joan K. Bleicher sieht trotz Corona noch lange kein Ende der Serien: "Die durch eine starke Ausdifferenzierung entstandene Angebotskomplexität zeugt von der konstant bleibenden Bedeutung des seriellen Erzählens im Fernsehen und den Videostream-Plattformen." Gerade auch während der Pandemie gedrehte Webserien wie "Ausgebremst" mit Maria Furtwängler zeugten vom "nach wie vor vorhandenen Potenzial des seriellen Erzählens".  (dpa)

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