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Das ist der Sieger beim Karikaturenpreis 2020

Wolf-Rüdiger Marunde gewinnt den 21. Deutschen Karikaturenpreis. Er überzeugt mit lachhaften Motiven aus der Provinz und verbreitet Hoffnung im Lachdown.

Preisträger Wolf-Rüdiger Marunde vor seinen Zeichnungen.
Preisträger Wolf-Rüdiger Marunde vor seinen Zeichnungen. © Michael Staudt / VISUM

Bremen/Dresden. Der Hamburger Zeichner Wolf-Rüdiger Marunde (66) ist Gewinner des Deutschen Karikaturenpreises 2020. Geehrt wurde er bei der virtuellen Preisverleihung am Samstag in Bremen für sein Werk "Wenn einem soviel Gutes widerfährt" zur Krise in der Autobranche.

Marunde liebt das Runde. Der Zeichner malt mit Lust bullige Bauern, vollbusige Weiber und schmerbäuchige Säue. „Ich mag Menschen, die einen Schatten werfen“, sagt der Norddeutsche, der zwischen Schweinen und Homo sapiens nicht groß unterscheidet. Die Vierbeiner seien den Zweibeinern ähnlicher, als es das dicke Tier mag, sagt er. Die Deformation hilft ihm bei der satirischen Provokation.

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Wolf-Rüdiger Marundes Hang zur Fettleibigkeit hat aber noch weitere Gründe. Die Rundungen seien für den Zeichner eine sinnliche Erfahrung und im Übrigen einfacher zu malen als dürrwänstige Körper. Er mag mit Farben nicht krakeln, sondern klotzen. So erklärt der 66-Jährige, was ihn veranlasst, die Welt nicht einfach flach zu betrachten. Er denke sich keine Witz aus, sondern erzähle Geschichten. 

Oft entstehen so detailreiche Perspektiven, die ein Unglück erahnen lassen. Weil es aber irgendwie ausbleibt, verbreitet sich ein Gefühl von Glück. Marunde meint, dass er jeden verstehe, auch wenn er oft mit dessen Meinung nicht einverstanden sei. Jeder habe gute Gründe für sein Handeln und dürfe nicht einfach als Idiot abgestempelt werden. „Wenn ich nicht zufällig zeichnen könnte, wäre ich Anthropologe geworden“, sagt er.

Sein Versuchsfeld für die Wissenschaft vom Menschen befindet sich im Wendland. In einem 80-Seelendorf unweit von Gorleben lebt der Karikaturist auf einem Hof. Die Idylle dient ihm als Tatort, so wie in den Regionalkrimis, deren Auflagen in den vergangenen Jahren all die Lügen strafte, die meinten, es würde keiner mehr Bücher lesen. Das Zwischenlager radioaktive Abfälle in der Nähe seines Wohnortes liegt ja auch nicht an der Oberfläche, sondern versteckt darunter. Bewaffnet mit seiner Kamera fängt Marunde bei Wanderungen durch die Umgebung Vorbilder für seine Malwerke ein. Gemäldehaft pinselt er später in seinem Hof-Atelier in Acryl die eingefangenen Motive komisch auf die Leinwand.

Gelernt hat der gebürtige Hamburger das Handwerk an der Fachschule für Gestaltung in seiner Geburtsstadt. 1976 verließ er die Schule mit dem Abschluss als Diplom-Designer. Während des Studiums lieferte der Gestalter erste heitere Zeichnungen an die Satire-Magazine MAD und Pardon. Dass beide Zeitschriften nicht mehr existieren, ist ein Hinweis darauf, dass Humor schwer finanzierbar ist und es auch mitten im Lachdown kein staatliches Förderprogramm gibt, das freiberuflichen Künstlerinnen und Künstlern unbürokratisch einen Zuschuss für originelle Einfälle überweist. Keiner investiert einfach aus Spaß in scheinbar wertlose Papiere.

Autowäsche
Autowäsche © Wolf-Rüdiger Marunde

Lachhaft und gleichzeitig traurig

Dabei lohnt sich die Investition in Marundes Farbenwelt, denn sein Humor ist unbezahlbar. Seine großformatigen Karikaturen lassen erahnen, dass das einzig Beständige die Katastrophe ist. Das zeigt auch jenes Bild, mit dem der Norddeutsche beim diesjährigen Deutschen Karikaturenpreis die Jury überzeugte. Zu sehen ist ein verlassener Ort samt Tanke zum Auftanken eines mentalen Irgendwas. Da hat sich einer eingestellt auf die neue Zeit, in der vegane Snacks die neue Bockwurst sind. Warum soll er das Kaff verlassen, wenn sich auch mit einem E-Bike-Verleih vielleicht, möglicherweise, wer weiß, eines Tages der große Reibach machen lässt. 

Das Vorbild für die Tankstelle fotografierte Marunde übrigens in den 1990er-Jahren im Osten Deutschland. Auch da war die Hoffnung schon mal tot. Aber der Mensch stirbt zuletzt, er ist anpassungsfähiger als ein Mistkäfer. Deshalb lebt er immer noch, der Mensch. Diese Ödnis ist lachhaft und gleichzeitig so traurig, dass jeder versteht, was es heißt, von der rasenden Welt da draußen vor der Dorfgrenze abgeschnitten zu sein und dennoch durchzuhalten wie das Dosenfleisch, dessen Verfallsdatum längst überschritten ist. Die Schweine werden es schon fressen.

Wolf-Rüdiger Marunde veröffentlicht seine Karikaturen im Magazin „Stern“, in der Frauenzeitschrift „Brigitte“ oder in der „Hörzu“. Er produziert seit Jahren Bücher und Kalender mit Titeln wie „Landleben“, „Landgang“, „Land unter“, „Lass den Hund bellen“, „Am Busen der Provinz“ oder „Neues aus Schweinhausen“. Damit wurde er in den 1980er-Jahren bekannt. Zusammen mit dem Autor und Satiriker Dietmar Wischmeyer gestaltete Marunde von 1989 bis 1994 „Der Kleine Tierfreund“ und „Die Rückkehr“. 2003 arbeitete er mit dem Hamburger Filmstudio TRIKK17 zusammen, das für das NDR-Fernsehen Filme in Stop-Motion-Technik nach Motiven von Marunde-Cartoons drehte.

Man darf den Landmann also getrost einen Altmeister der Karikatur nennen. Schließlich ist das nicht sein erster Goldener Deutscher Karikaturenpreis. Bereits 2002 nahm er ihn von Dresden aus mit auf seinen Hof. Und 2015 erhielt er den Preis in Bronze. Auch 2020 hat Marunde mal wieder echt Schwein gehabt, bekommt von der „Sächsischen Zeitung“ und dem „Weser-Kurier“ den Goldenen Bleistift und 4.000 Euro Preisgeld. „Die Kohle investiere ich in meine neue Scheune, die ich gerade baue“, sagt er. Dann fügt er hinzu: „Kürzlich wurde ich zum ,Bootschafter` der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger berufen.“ Samt Überlebensanzug soll er im Januar in die Nordsee geschmissen werden. Das ist eine alte Tradition. Marunde sei fest entschlossen, das zu überleben. Auf die Karikatur dazu darf man sich schon jetzt freuen.

Geflügelter Bleistift in Silber für Miriam Wurster

Einzeltäter
Einzeltäter © Miriam Wurster

Miriam Wuster wurde 1964 in Hamburg geboren, studierte Illustration und Cartoon an der HfK Bremen. Seit 1992 arbeitet sie als freie Cartoonistin für Neues Deutschland, Titanic, Charlie Hebdo, Auto Motor Zubehör, Weser Kurier, taz, Stern, Spiegel online, Nebelspalter. Die Jury meint zur Karikatur: Einen Moment lang muss man schon genau hinschauen, bis einem ein eher sarkastisches Lachen herausrutscht. 

Mit schwarzem Konturstrich und tiefsinnigem Humor schildert die Zeichnerin Miriam Wurster einen tätlichen Neonaziangriff. Die häufige Verharmlosung, die zahlreichen Ermittlungspannen und das Leugnen einer immer weiter erstarkenden rechten Szene werden hier auf den Punkt gebracht. 

Mit leichtem Strich und sparsamer Blau-Grün-Kolorierung kommt die Szene auf den ersten Blick vermeintlich harmlos daher. Und umreißt so mit Hintersinn ein Versagen der deutschen Gesellschaft.

Geflügelter Bleistift in Bronze für Ari Plikat

Abgrund
Abgrund © Ari Plikat

Jahrgang 1958, Lehre als Grafischer Zeichner, Studium Visuelle Kommunikation in Dortmund und Leeds,freie Arbeit als Cartoonist und Illustrator. Als Cartoonist veröffentlicht er in Titanic, Eulenspiegel, Zitty, Pardon, taz, Stern und im Berliner Tagesspiegel. Außerdem ist er als Illustrator für verschiedene Buchprojekte und für die Werbeindustrie tätig. 

Die Jury meint zu seiner Karikatur: Seine Cartoons scheinen direkt von der Straße zu kommen: Sie wirken roh, unverblümt und gehen keiner Auseinandersetzung aus dem Weg. Vor allem aber sind sie höchst komisch. Genauso traf auch dieser Cartoon ins Schwarze: Viele Corona Patienten waren in ihrer letzten Stunde sehr einsam und starben, ohne sich von ihren nächsten Angehörigen verabschieden zu dürfen. Dieser Cartoon erzählt von einer humanistischen Geste, die in nächster Zukunft eine relevante Alternative sein könnte.

Bester Newcomer für Felix Gropper

Gropper wurde 1992 in Krefeld geboren, verbrachte seine Jugend in Braunschweig und studiert seit 2012 (unterbrochen von einem Praxis- und einem Auslandsemester in Nürnberg und Bratislava) in Saarbrücken an der HBK Saar Kommunikationsdesign.

Die Jury zu meinst zu seiner Karikatur: Der Nachwuchs weiß, was sich nicht gehört. Er zahlt nicht, er überweist nicht, er spendet – zum Beispiel Applaus. Die neue Währung ist für Felix Gropper satirische Barschaft, die er mit vollen Händen ausschüttet, um mit seinem Cartoon den Wechselkurs der Geschichte darzustellen. Er trifft damit perfekt in die Zeit, die kränkelt und gerade alle Perspektiven ändert. Gropper zeichnet mit Lust das Leben, das er nicht ernst nehmen kann. Was für ein Glück, da kommt was nach und auf uns zu. Möge es sich für den Zeichner auszahlen, dachte die Jury zahlt mit echtem Geld.

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Wenn alles wehtut, hilft nur noch lachen: Der Deutsche Karikaturenpreis 2020 trotzt allen Seuchen und Krisen. Am Wochenende werden die Sieger gekürt.

  • Der Deutsche Karikaturenpreis wird von der "Sächsischen Zeitung" und dem Bremer "Weser-Kurier" vergeben. Ein Publikumspreis wird im März 2021 auf der Leipziger Buchmesse verliehen und ist ebenfalls mit 1.000 Euro dotiert.
  • Beteiligt hatten sich an dem Wettbewerb unter dem Motto "Weniger ist mehr" 262 Künstler aus dem deutschsprachigen Raum mit mehr als 1.000 Werken. Die Auszeichnung wurde zum 21. Mal verliehen.
  • Der Deutsche Karikaturenpreis wurde im Jahr 2000 von der "Sächsischen Zeitung" ins Leben gerufen und ist mittlerweile eine der renommiertesten Auszeichnungen für Karikaturisten. Seit 2016 wird er gemeinsam mit dem "Weser-Kurier" Bremen vergeben.
  • Die geplante Karikaturen-Ausstellung im Dresdner Haus der Presse bleibt bis Ende November geschlossen. Vorgesehen ist derzeit eine Eröffnung am 1. Dezember.
  • Der Katalog  ist zum Preis von 19,90 Euro  ab dem 16. November bei der DDV-Edition und im Buchhandel erhältlich. 

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