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Dem menschlichen Maßstab näher

Der New Yorker Künstler Anton Ginzburg setzt mit Computeralgorithmen konstruktivistische Tradition fort.

Anton Ginzburg, Stipendiat des Schaufler Lab an der TU Dresden, in seiner Ausstellung in der Kustodie.
Anton Ginzburg, Stipendiat des Schaufler Lab an der TU Dresden, in seiner Ausstellung in der Kustodie. © www.loesel-photographie.de

Von Uwe Salzbrenner

Anton Ginzburg ist ein höflicher Mensch. Zuallererst verweist er auf die Objekte aus der Sammlung Farbenlehre der Technischen Universität Dresden, die ihn zur abstrakten Malerei in Gouache-Technik inspiriert haben, ehe er seine Malerei selbst erläutert. Lässt sich doch an den einst vom Drucktechniker Harald Küppers entworfenen Funktionsmodellen prima ablesen, wie unser Auge Farben zusammensetzt. Und schön sind die nach wie vor in der Lehre verwendeten Geräte mit verschiebbaren Metallstangen zudem.

Erst danach weist Ginzburg auf die Variabilität eines helfenden Computer-Algorithmus hin, der ihm die Aufteilung der Papierfläche vorschlägt; auf die spezielle Form des Buchstabens L, die er gern verwendet, auch ohne sie vorgeschlagen zu bekommen. Die Farben, die er verwendet, hat er in Dresden gesehen. Damit meint er die Stadt allgemein, aber auch Bücher und weitere von ihm besuchte Sammlungen. In der Farbstoffsammlung der TU gibt es Proben von fünfhundert Naturfarbstoffen und zehntausend synthetischen Produkten. Wahrscheinlich legt Ginzburg aber längst seine Arbeitsweise dar, wenn er von Inspiration und Material spricht.

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Der 47-jährige wurde weltweit mit drei Film-Recherchen bekannt, die ihn zu den Palästen St. Petersburgs und zu ehemaligen Straflagern am Weißen Meer geführt haben, einmal um den Aralsee und – etwas abstrakter – in die Welt des russischen Konstruktivismus. Diese Ziele sind biografisch begründet: Ginzburg ist in Leningrad geboren und nach dem Ende des Kommunismus in die USA ausgewandert. Die Nordlandreise wurde 2011 zur Kunstbiennale in Venedig gezeigt.

Zur Ausstellung gehörten Totems aus Marmor, die sich auf Schamanismus beziehen, abstrakte Gemälde als Landkarten und eine Installation mit Mammutzähnen über einem Aschekreis. Geschichte und Kultur der besuchten Gegend sind für Ginzburg wichtig. Als Zugabe gibt es so eine große Malergeste wie der rote Rauch im Film, der wie ein Pinselstrich durch die Winterlandschaft zieht.

Ein Objekt aus der Sammlung Farbenlehre der Technischen Universität Dresden: Harald Küppers Funktionsmodell des Sehens.
Ein Objekt aus der Sammlung Farbenlehre der Technischen Universität Dresden: Harald Küppers Funktionsmodell des Sehens. © www.loesel-photographie.de

Ginzburg ist Stipendiat am Schaufler-Lab der TU

Seit Januar ist Anton Ginzburg Stipendiat am Schaufler-Lab der TU, das sich mit seinem Künstler-Residenzprogramm dem Problem der Künstlichen Intelligenz widmet. Mit dem Informatiker Stefan Gumhold und dem Mathematiker Axel Voigt arbeitet Ginzburg daran, die baubezogenen Arbeiten der Dresdner Künstler Karl-Heinz Adler und Friedrich Kracht neu ins Bild zu setzen und in deren Tradition weiterzuentwickeln.

Die Arbeit an den jetzt ausgestellten 44 Gouachen ist ein Nebenprojekt – und ein gutes Beispiel dafür, wie Ginzburg mit einem Computeralgorithmus umgeht: Er beobachtet ihn nicht, um sein Verhalten zu beschreiben. Er ist für ihn ein Werkzeug, das ihm endlos Vorschläge macht, nachdem er zuvor die Anzahl der Spalten und der Elemente festgelegt hat. Ginzburg nimmt, was ihm passt. Schmuggelt sein L hinein, auch ein umgekehrtes kleines h.

Seine Bilder demonstrieren zudem eine Erkenntnis, die Ginzburg bei der Arbeit mit dem russischen Konstruktivismus gewonnen hat: Die Abstraktion, die Avantgarde startet Anfang des 20. Jahrhunderts groß und kalt als Revolution. Sie nähert sich jedoch später einem Maßstab an, der uns menschlicher erscheint, wie er sagt: „more humansize“. Ginzburg zählt die Arbeiten von Adler und Kracht aus den der 1950ern und 1960ern zu dieser Entwicklung.

Die eigene Schau hat er nicht nur der Raumgröße angepasst. Sein menschliches Maß reicht bis in die Farbtemperatur; die große Geste lässt er weg. Sind die Farben nicht „sentimental, humoristic, funny“? Sie sind es. Die Technik der Gouache wirkt durch die Weißmischung der Farben freundlich, die Ordnung wie ein fast vergessenes Computerspiel.

Die Sonderschau der Kustodie der TU Dresden; Zellescher Weg 17, Eingang A ist bis 10. September zu sehen, montags bis freitags von 9 bis 17 Uhr, nach Anmeldung unter 0351-463 40 356 oder per Mail: [email protected].

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