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Charly Hübner: Den Sinn von Prügel hab ich nie verstanden

Schauspieler Charly Hübner über den Kriegszustand Corona, fehlende Heimatgefühle und nervende Rechthaber von Neustrelitz bis New York.

Charly Hübner, 47, ist ein bekannter TV-Kommissar. Aktuell ist er in einer ganz anderen Rolle zu erleben: als wortkarger Hausmeister in der Gruselserie „Hausen“, die auf Sky läuft.
Charly Hübner, 47, ist ein bekannter TV-Kommissar. Aktuell ist er in einer ganz anderen Rolle zu erleben: als wortkarger Hausmeister in der Gruselserie „Hausen“, die auf Sky läuft. © INTERFOTO

Er gehört zu den beliebtesten Schauspielern Deutschlands: Charly Hübner, 47, bekannt als Kommissar Bukow im „Polizeiruf 110“. Für seine Darstellung eines Oberleutnants der Grenztruppen im Fernsehfilm „Bornholmer Straße“ erhielt er 2015 den Grimme-Preis. Nun ist er in einer ganz anderen Rolle zu erleben: als wortkarger Hausmeister in der Gruselserie „Hausen“, die auf Sky läuft.

Herr Hübner, für viele ist 2020 ein gelebter Albtraum. Bei dieser Realität braucht man keine Horrorfiktion mehr.

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Ja, wir können uns nicht verstecken, nicht hoffen, das Geschehen an jemanden zu delegieren. In meiner Heimat gab es im Juni zwei Infizierte. An der Tankstelle wurde ich gefragt: Glaubst du an den Scheiß? Als ob es eine Glaubensfrage wäre!

Und Ihre Antwort?

Natürlich, habe ich gesagt. Weil ich andere Geschichten kenne. Von Menschen, die in ihrem Umfeld Menschen an dieses Virus verloren haben.

Sorgt Sie das, dass es nicht mehr um Fakten, sondern um Gefühle geht?

Na ja! Wenn jemand eine Krebsdiagnose bekommt und noch die vierte Meinung einholen will, obwohl drei Ärzte bereits gesagt haben, die Krankheit ist da, bewegt man sich ja auch in dieser seelischen Krisenregion. Man will aus seiner eigenen empfundenen Realität nicht raus. Dieses Spannungsfeld bei Covid, zwischen körperlichem Kriegszustand bei den unmittelbar Betroffenen und dem Gefühl „Das ist doch alles weit hinterm Horizont“ bei den überhaupt nicht Betroffenen, ist schwer auszuhalten.

Gibt es etwas Gutes aus den Pandemiemonaten, was Sie für die Zeit danach hinüberretten möchten?

Wir hatten überlegt, ob wir uns im Ernstfall alle in Mecklenburg treffen und dort komplett zurückziehen. Zu wissen, dass einem dieses Nest Stabilität schenkt, diese Erfahrung des Sozialen ist bestens.

Ihr Kollege Alexander Scheer, ebenfalls in der DDR geboren, sagt: „Ich bin in zwei Staaten aufgewachsen und ich hege zu keinem ein Heimatgefühl.“

Würde ich sofort unterschreiben.

Warum hadern Sie?

Heimatgefühl als Begriff will ja was von Wärme, Vertrautheit und Sicherheit erzählen. Das finde ich weder in den zwei politischen deutschen Erzählungen, die mein Leben sind, noch in irgendwelchen Landstrichen. Wenn, dann am ehesten in sozialen Konstellationen, in der Liebe zuallererst. Mit meiner Herkunftsheimat hadere ich gar nicht. Ich häng an ihr. Was mich nervt, und das geht weit über Mecklenburg hinaus, von Sachsen über Thüringen bis nach Ungarn und in die Vereinigten Staaten, ist das Rechthaberische, Beharrende und eben auch Rechtsradikale, das sich im Denken, Sprechen und Handeln formuliert. Eine Melange, die für mich im Jahr 2020, um es freundlich zu sagen, komplett rätselhaft ist.

Charly Hübner in einer Szene aus "Hausen"
Charly Hübner in einer Szene aus "Hausen" © Reiner Bajo/LagoFilm/Sky/dpa

In Neustrelitz, wo Sie ab 1989 zur Schule gingen, gab es eine große rechte Szene. Deren Gewalt haben Sie selbst als Jugendlicher erlebt.

Es gab einen Jugendklub, „Die Box“ in Kiefernheide, da bin ich 1989 zum ersten Mal hin. Ich trug halblange Haare und eine Jeansjacke – und fiel damit sofort auf. Konnte nicht einmal ein Bier bestellen und bekam schon Ärger. Später bin ich noch mal mit Schauspielern vom Theater rein, einer hatte lange blonde Haare, der wurde gleich nach Strich und Faden verdroschen. Diese Geschwindigkeit, mit der sich die Neonazis wie Piranhas auf ein Opfer gestürzt haben! Aus heutiger Sicht würde ich sagen: Es wurden mit aller Gewalt Claims abgesteckt. Ich habe nie verstanden, warum Prügeln sinnvoll sein soll, ums Mädchen, ums Moped, um irgendetwas.

Heute debattieren wir darüber, ob man mit Rechtsextremen reden soll. Ging das damals?

Ich sehe uns Abiturienten noch draußen vor dem Bahnbetriebswerk stehen, wo die Rechten mit uns politisch diskutierten: Wir müssen zusammenrücken, der Osten ist weg! Jetzt kommen die Amerikaner, die Invasion des Geldes, bloß keine Fremden reinlassen – außer Wolgadeutsche, das waren ja welche von uns! Wenn ich heute daran zurückdenke, läuft das ästhetisch wie ein Comic in meinem Kopf ab. Kein lustiger, ein brutaler, aber einer im Sinne der Verzerrung von Wirklichkeit.

Wie zum Beispiel die Szene, als Sie im EOS-Internat lebten. Ein junger Neonazi kletterte zu Ihnen ans Fenster in der ersten Etage und drohte Ihnen Schläge an.

Er rief: Komm runter, ich will dir eine reinhauen! Dann ist er abgerutscht und den ganzen Blitzableiter runtergejagt. Was für eine innere feste Überzeugung muss das sein, zu diesem langzotteligen Trottel vom Laientheater hochzugehen und dem dringend eine reindrücken zu wollen. Es spricht für Hilflosigkeit, wenn nur noch das schlagende Argument überzeugt.

Charly Hübner als Kommissar Bukow im „Polizeiruf 110“.
Charly Hübner als Kommissar Bukow im „Polizeiruf 110“. © NDR

Für Sie kam die Wende zur richtigen Zeit, haben Sie einmal bemerkt. Für Ihre Eltern auch?

Nein, für sie war es eine Katastrophe. Beide Biografien sind komplett markiert. Der Vater ist nach der Wiedervereinigung forsch vorangegangen, hat Darlehen aufgenommen, um in der Gastronomie Fuß zu fassen, und sich überhaupt nicht informiert, wie man das in der neuen Gesellschaft so macht. Was ist Profit, wie kalkuliere ich ein Darlehen richtig, was heißt zwölf Prozent Zinsen per anno? Er hat das viele Geld, das auf einmal zur Verfügung stand, angenommen und sich komplett verhoben. Nach sechs Jahren war Ruhe: Insolvenz. Für meine Eltern ist die Wende nicht gut ausgegangen. Sie waren ans System DDR gebunden.

Meinen Sie politisch?

Ideologisch auch. Mein Vater war als junger Mann einer der Ersten in der Partei in seinem Ort.

Und hat sich als IM zur Verfügung gestellt.

Als ich „Das Leben der Anderen“ mit Ulrich Mühe drehte, habe ich versucht, meinen Vater dazu zu stellen. Kurze Zeit später ist er verstorben. Allerdings finde ich es schwierig, mit einer westlichen Moral darauf zu gucken. Was weiß ich über 1956, als er sich verpflichtet hat? Ich kann das persönlich nicht in Ordnung finden, dass es die Stasi gab, aber ich mag nicht pauschal jeden verdammen. Mein Bruder und ich lesen im Moment die Tagebücher unseres Vaters. Wir sind jetzt im Jahr 1946, der Familie fehlte es an Essen und Kohle, der Vater als 13-Jähriger musste durch Sachsen wandern und bei Verwandten auf dem Land helfen, um die Familie zu unterstützen. Hungern, Frieren, Wandern waren seine Themen. Im selben Alter ging es bei mir um Musik, Mädchen und Rauchen. Ich bin 1972 geboren, habe die ganze Zeit eine Rakete am Hintern, ständig weiter, neue Möglichkeiten ...

Charly Hübner erhielt in diesem Jahr die "Goldene Henne" in der Kategorie Schauspiel. Der Publikumspreis wird bereits zum 26. verliehen. Er wird an Stars aus Musik, Sport und Showgeschäft vergeben.
Charly Hübner erhielt in diesem Jahr die "Goldene Henne" in der Kategorie Schauspiel. Der Publikumspreis wird bereits zum 26. verliehen. Er wird an Stars aus Musik, Sport und Showgeschäft vergeben. © Jan Woitas/dpa

Sie haben die Gnade des Spätgeborenen?

Zwei Jahre früher und ich hätte mit der Maschinenpistole in der Hand irgendwo gedient. Ein Regisseur, mit dem ich viel Theater machte, stand als junger NVA-Soldat auf der Straße in Dresden, während seine Mutter auf der Demo an ihm vorbeiging. Dieses Problem hatte ich nicht.

Als Sie 1989 auf eine Demo gingen, haben Sie angeblich zum ersten Mal das Wort Stasi gehört.

Verrückt, ne? Ich kann es selber nicht glauben. Ich sehe mich noch, wie ich mich umdrehe, das Transparent erblicke und meinen Kumpel frage: Was heißt Stasi? Zu Hause ist dieser Begriff nie gefallen, da war es das Ministerium für Inneres oder Mielkes Club oder Horch-und-Guck.

Zur selben Zeit haben Sie in der Neustrelitzer Theaterkantine in den Beruf hineingeschnuppert. Was hat Sie fasziniert?

Dass man sich angstfrei bewegen konnte. Da saßen Typen in bodenlangen Mänteln, lachten die ganze Zeit, tranken, hatten eine Idee und setzten diese sofort um. Ich erinnere mich, wie jeder von uns kleine Comics auf Post-it-Zettel zeichnete und wir die Kantinenwände zupflasterten. Das hatte nichts mit Männlichkeitsritualen zu tun, ich brauchte meine Defizite nicht zu verstecken, fühlte mich in meinem Bettelhippie-Look mit Kopftüchern und langen Haaren willkommen.

Das Gespräch führte Ulf Lippitz.

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