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Der Fleischer, die Fleischerin

Die neue Praxis des Duden wird als ideologisch kritisiert. In Wahrheit ist sie auf der Höhe der Sprachwissenschaft. Ein Gastbeitrag.

Fleischer: „männliche Person, die Vieh schlachtet, zerlegt, zu Fleisch- und Wurstwaren weiterverarbeitet und diese verkauft“, so die Definition des Duden.
Fleischer: „männliche Person, die Vieh schlachtet, zerlegt, zu Fleisch- und Wurstwaren weiterverarbeitet und diese verkauft“, so die Definition des Duden. © plainpicture

Von Simon Meier-Vieracker

Die Aufregung war groß, als die Dudenredaktion Anfang des Jahres verkündete, in der Online-Ausgabe des Duden fortan bei Personen- und Berufsbezeichnungen jeweils die männliche und weibliche Form als eigene Einträge zu führen. Von Regulierungswut, von übertriebener Umständlichkeit, von Irreführung oder gar von „Gender-Unsinn“ war die Rede.

Und das letztlich nur deshalb, weil man nun etwa beim Eintrag zu „Fleischerin“ direkt nachlesen kann, dass damit eine „weibliche Person“ bezeichnet wird, „die Vieh schlachtet, zerlegt, zu Fleisch- und Wurstwaren weiterverarbeitet und diese verkauft“, und sich nicht erst zum Eintrag „Fleischer“ durchklicken muss. Eigentlich ein Abbau von Umständlichkeit also.

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Überraschend sind die abwehrenden und teilweise auch herablassenden Reaktionen auf die Entscheidung der Dudenredaktion natürlich nicht. Seit Jahrzehnten wird eine hitzige Debatte über Sinn und Berechtigung geschlechtergerechter Sprache geführt. Wird sie von manchen als wichtiger Schritt hin zu mehr Gleichberechtigung befürwortet, kritisieren sie andere als wahlweise überflüssigen, lästigen oder gar gefährlichen, in jedem Fall aber ideologisch motivierten Eingriff.

Und selbst die Sprachwissenschaft stimmt mitunter in dieses Lied ein: Geschlechtergerechte Sprache verkenne den Unterschied von Genus und Sexus, also zwischen grammatischem und biologischem Geschlecht. Und männliche Bezeichnungen wie „Fleischer“ seien in Wahrheit geschlechtsneutral.

Verständlichkeit wird nicht beeinträchtigt

Tatsächlich ist es die Idee dieses sogenannten generischen Maskulinums, die mit der angekündigten Überarbeitung des Online-Duden zurückgewiesen oder zumindest einer kritischen Betrachtung unterzogen wird. Denn im Eintrag etwa zu „Fleischer“ heißt es jetzt in konsequenter Entsprechung zum weiblichen Pendant, dass damit eine „männliche Person“ bezeichnet wird, „die Vieh schlachtet“ und so weiter. Dies sei schlicht falsch, behauptet etwa der Linguist Peter Eisenberg, denn diese Form würde auch weibliche Personen einschließen und sogar überhaupt keine Aussage über die Geschlechtszugehörigkeit treffen.

Allerdings hat sich die Sprachwissenschaft in den letzten Jahrzehnten intensiv mit diesen Fragen befasst. Auch wenn die Forschung längst nicht abgeschlossen ist, so kann man doch eines als hinlänglich widerlegt betrachten: dass das generische oder, wie man besser sagen sollte, das geschlechtsübergreifende Maskulinum schlechthin geschlechtsneutral ist.

In einer Vielzahl von methodisch hochwertigen, experimentellen Studien ist immer wieder gezeigt worden, dass mit den männlichen Formen eben doch vor allem Männer assoziiert werden. Frauen werden beim Lesen und Hören und teilweise auch beim Schreiben und Sprechen also nur dann verlässlich mitgedacht, wenn sie auch in den sprachlichen Formen tatsächlich mitgenannt und nicht nur ‚mitgemeint‘ werden.

Überhaupt ist das mit dem Mitmeinen so eine Sache. Das wird ja gerne als Entschuldigung oder Rechtfertigung vorgebracht, meist in einer Fußnote versteckt, um in geschriebenen Texten auf das Gendern, also die ausdrückliche Erwähnung von Frauen verzichten zu können. Als Begründung für dieses Vorgehen wird oft die bessere Lesbarkeit genannt.

Auch hier sind die Forschungsergebnisse aber recht eindeutig: Geschlechtergerechte Formulierungen beeinträchtigen die Verständlichkeit und auch die sogenannten Erinnerungsleistungen nicht. Im Übrigen ist die vermeintliche Einfachheit von Texten im generischen Maskulinum auch nur eine scheinbare, da sie den Lesenden und hier vor allem den Frauen aufnötigt, bei jeder Verwendung einer männlichen Form überlegen zu müssen, ob sie sich denn nun mitgemeint fühlen dürfen oder nicht.

Dass dies tatsächlich ein gedanklicher Aufwand ist, kann versuchsweise durch das generische Femininum vor Augen geführt werden, wie es an einigen Universitäten praktiziert wird. Wenn sich Männer durch die Anrede als „Mitarbeiterinnen“ adressiert fühlen sollen, führt das verlässlich zu Irritationen. Vielleicht sollte man also das Kind beim Namen nennen und das Argument der besseren Lesbarkeit oder Verständlichkeit um das wohl zutreffendere und mithin ehrlichere Argument der Bequemlichkeit ersetzen. Und ob das in amtlichen oder öffentlichen Texten, um die es ja meist geht, der richtige Maßstab ist, wäre noch zu diskutieren.

Simon Meier-Vieracker, 41, ist Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden.
Simon Meier-Vieracker, 41, ist Professor für Angewandte Linguistik an der TU Dresden. © privat

Die Gegenargumente sind nun schnell bei der Hand, und hier kommen wir wieder zur Überarbeitung des Online-Duden zurück. Redeweisen wie „Ich gehe auf dem Heimweg noch beim Fleischer vorbei“ oder auch „Der Beruf des Fleischers zählt zu den ältesten Handwerksberufen“ sind üblich und lassen tatsächlich die Frage des Geschlechts eher in den Hintergrund rücken. Die Sprachwissenschaft kann aber auch hier Erklärungen liefern.

Das Stichwort lautet Referenzialität und bezieht sich auf die Frage, ob und in welchem Maße mit einem Wort auf konkrete und identifizierbare Personen Bezug genommen wird. In der Formulierung „Der Beruf des Fleischers“ ist eher der Beruf als solcher im Fokus und weniger die diesen Beruf ausübende Person. Und wenn wir zum Fleischer gehen, meinen wir das Fleischereigeschäft, das wir mit der Personenbezeichnung „Fleischer“ belegen. Diese Übertragung nennt die Sprachwissenschaft Metonymie. Wer sich hingegen auf eine konkrete Person bezieht, die Vieh schlachtet usw., wird je nach Geschlecht dieser Person „Fleischer“ oder eben „Fleischerin“ sagen. Dies wird der Duden künftig abbilden.

Dabei ist es mitnichten so, dass der Duden die andere, eher geschlechterunabhängige Verwendung „wegreguliert“, wie es manchmal befürchtet wird. Denn erstens war sie so auch bisher nicht in den Bedeutungsangaben erfasst. Dass wir mit „Bäcker“ auch die Bäckerei bezeichnen, wurde und wird im Duden nicht erwähnt.

Zweitens findet sich sehr wohl eine Differenzierung etwa zwischen „Arzt“ und „Ärztin“ über das Geschlecht der damit bezeichneten Person hinaus, indem allein der Form „Arzt“ noch die Erläuterung „Berufsbezeichnung“ beigegeben wird. Der Verwendung, in der das Geschlecht zweitrangig ist, scheint also nach wie vor Raum gegeben zu werden. Der Online-Duden ist hier tatsächlich um einiges konservativer, als ihm nun vorgeworfen wird.

Darüber hinaus geht auch die Vorstellung, der Duden wolle mit seinen Überarbeitungen die Menschen in ihrem Sprachgebrauch regulieren, an den Tatsachen vorbei. Es werden gerade keine Vorschriften ausgesprochen, und selbst in schulischen Zusammenhängen sind die Bedeutungsangaben, anders als die Regeln der Rechtschreibung, nicht verbindlich.

Vielmehr wird im Duden, gestützt durch ausgedehnte Datenerhebungen und mit großer sprachwissenschaftlicher Expertise, der zeitgenössische Sprachgebrauch dokumentiert. Und zwar mit der gebotenen Vorsicht und tendenziell eher abwartender Haltung. Dass aber die männlichen und weiblichen Formen von Berufsbezeichnungen zur Markierung des Geschlechts verwendet werden können und oft auch so verwendet werden, gehört zur Sprachwirklichkeit, die der Duden seinen Grundsätzen entsprechend nun mal abbilden soll.

"Politiker:innen" auch im Fernsehen

Sicher: Die Beidnennung der Geschlechter und erst recht Formen wie der Genderstern (Fleischer*innen) können politisch motiviert sein und gezielt emanzipatorische Zwecke verfolgen. Dass dies passiert und in den letzten Jahren wohl auch zugenommen hat, sodass wir entsprechenden Schreib- und Redeweisen immer häufiger begegnen, ist aber auch eine empirische Tatsache, die zu ignorieren selbst nur ideologisch begründet werden kann. Selbst in Fernsehnachrichten etwa sind inzwischen häufiger Formulierungen wie „Politiker:innen“ mit wahrnehmbarer Mikropause zu hören.

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Es mag wohl sein, dass manche die zunehmende Sichtbarmachung von Frauen in Schrift und Wort nur als Ergebnis von Regulierungen durch eine vermeintliche Sprachpolizei sehen. Vielleicht ist es aber auch einfach so, dass die Unsichtbarmachung von Frauen durch das sogenannte generische Maskulinum, welche die Forschung vielfach aufgezeigt hat, zunehmend als Problem erkannt wird. Aus sprachwissenschaftlicher Sicht kann man das eigentlich nur begrüßen.

Und noch etwas: Der Text, den Sie in den letzten Minuten gelesen haben, ist durchgängig geschlechtergerecht formuliert. Haben Sie es gemerkt?

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