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Wir flöten Angst und Respekt vor der AfD hinweg

Die-Ärzte-Frontmann Farin Urlaub über das Comeback-Album der Band und den Grund dafür, warum sie nach fast 40 Jahren zum ersten Mal richtig politisch werden.

Sie sind gemeinsam mit den Toten Hosen die Dinos des germanischen Krachrocks und präsentieren sich augenzwinkernd als „Beste Band der Welt“: Die Ärzte alias Farin Urlaub, Rod Gonzalez und Bela B Felsenheimer (v. l.) .
Sie sind gemeinsam mit den Toten Hosen die Dinos des germanischen Krachrocks und präsentieren sich augenzwinkernd als „Beste Band der Welt“: Die Ärzte alias Farin Urlaub, Rod Gonzalez und Bela B Felsenheimer (v. l.) . © Die Ärzte

Eine achtjährige Plattenpause und internes Auseinanderleben hätten die Band beinahe ihre Existenz gekostet. Nun aber sind Die Ärzte endlich wieder Die Ärzte, gemeinsam mit den Toten Hosen Deutschlands erfolgreichste und langlebigste Combo, die aus dem Punkrock hervorgegangen ist. So arglos wie zu Beginn ihrer Karriere vor 38 Jahren, so verschwenderisch originell wie nie zuvor klingen die Berliner Farin Urlaub, Rod Gonzales und Bela B auf ihrem neuen Album „Hell“. Im Interview erzählt Sänger und Gitarrist Urlaub von der Freude an Absurditäten, wiedergefundener Lust an der eigenen Band und erhobenem Zeigefinger.

Farin Urlaub, das neue Die-Ärzte-Album beginnt mit einem Trap-Beat und den Worten: „Unser Streben nach Schönheit und Perfektion / führt uns wieder zurück ans Mikrofon.“ Braucht man als Band, die brutto immerhin bald vier Jahrzehnte auf dem Buckel hat, acht Jahre Plattenpause, um sich Selbstironie zu bewahren?

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Ich weiß nicht wie es bei anderen Bands aussieht, aber ohne Selbstironie hätte es Die Ärzte nicht lange gegeben. Es muss tierisch langweilig und in Sachen Selbsterkenntnis auch frustrierend sein, nicht ausgiebig über sich selbst lachen zu können. Wir müssen niemanden etwas beweisen, sondern haben vielmehr Spaß daran sogar unsere Fans zu verwirren. Da kann man schon mal zu einer Musikform wie Trap, die keinem von uns wirklich gefällt, textlich eine Augenbraue hochziehen.

Mancher Beobachter wunderte sich darüber, dass der typische Esprit während der Freiluftkonzerte der letzten Ärzte-Tour 2013 kaum noch spürbar war. Hatten Sie als Kollektiv ihre eigene Band nicht mehr lieb?

Uns war die Achtsamkeit füreinander verloren gegangen. Jeder war dermaßen in seinem eigenen, kleinen Problem-Wäldchen gefangen, dass wir das große Ganze nicht mehr genießen konnten. Bei jedem Konzert wartete ein dankbares, fröhliches Publikum vor der Bühne, das beinahe egal schien, weil wir lieber sauer aufeinander waren. In dieser Situation wollte ich nie sein, denn es ist ein Geschenk, überhaupt ein Publikum zu haben. Aber ich fand mich genau in diesen Umständen wieder, weshalb ich beschloss, mich von der Musik zu verabschieden und meine Gitarren und Verstärker zu verkaufen.

Die Ärzte gab es eigentlich gar nicht mehr?

Völlig richtig. Es hat Belas ganze Empathie und Überzeugungsgabe gefordert, um Rod und mich aus unseren Panzerhäuten zu holen und zu analysieren, was zum Schluss eigentlich genau schiefgelaufen war. Nachdem das geklärt war, spielten wir eine Club-Tour, die mir großen Spaß bereitet hat. Da standen drei ältere Herren auf der Bühne, die alle intensiv spürten, dass unsere Band eben doch einiges mehr ist als die bloße Summe ihrer Teile. Wir konnten uns wieder komplett in unsere Schwachsinns-Momente begeben. Danach ahnte ich, dass vielleicht doch noch ein Album in uns steckte.

Hätten Sie als Teil des gruppendynamischen Langzeitexperiments Die Ärzte nicht wissen müssen, dass vieles oft anders kommt als gedacht?

Ich habe es inzwischen kapiert, ja. Manchmal ist es wirklich nicht verkehrt, Strukturen aufzubrechen, um anschließend mit gesteigerter Lust und Intensität ans Werk gehen zu können.

Was war denn zum Schluss konkret schiefgelaufen?

Wir haben alle drei unabhängig voneinander festgestellt, und noch mal begriffen, dass wir zu dritt viel mehr sind als drei Einzelteile, die auch solo unterwegs sein können. Wenn jeder von uns ein tolles Soloprojekt macht, ist es gut. Aber als Die Ärzte wachsen wir aus irgendwelchen Gründen über uns hinaus. Das zuzugeben und zuzulassen, war ein ganz wichtiger Schritt. Dadurch kam der Spaß zurück. Wir haben jetzt quasi in Zeitlupe noch mal erlebt, wie es ist, wenn einer von uns mit einem guten Song ankommt, der dann als fantastischer Song endet.

Ist „Hell“ deswegen ein Wow-Album geworden?

Ich bin eigentlich kein Freund von Übertreibungen, schon gar nicht in Bezug auf die eigene Musik, aber ich bin superstolz auf die neue Platte.

1993 reagierten Sie mit dem Aphorismus „Schrei nach Liebe“ nachhaltig und außergewöhnlich frei von Gegenwartsschmerz auf hassende Zeitgenossen, vor allem auf Neonazis. Diese Fährte setzen Sie in Ihrem neuen Song „Woodburger“ fort. Allerdings mit einem inhaltlichen Bruch, der die Hassmeute in ein Wort kleidet, das ihr ganz und gar nicht in den verqueren Kram passt: Schwul. Wer kann die AfD nach dem Hören dieses Liedes noch ernst nehmen?

Es ist genau so intendiert. In der ersten Strophe erhebe ich den Zeigefinger, dann folgt ein richtiger Diskurs über diese selbst ernannte Alternative, etwas, das wir mit den Ärzten nie machen wollten. Dem musste ein massiver Bruch folgen. Der ist, zugegeben, gewagt.

Aber er funktioniert bestens.

Hoffentlich! Man wird beim Zuhören von dem Wort schwul so stark indoktriniert, dass man künftig nur noch diese Vokabel im Kopf hat, wenn man die Typen von der AfD im Fernsehen sieht. So wollen die nicht wahrgenommen werden. Die möchten, dass man Angst und Respekt vor ihnen hat, aber der geht mit diesem Lied hoffentlich für immer flöten.

Mit Humor konkret gesellschaftspolitisch Stellung zu beziehen, schaffen in der Rockmusik praktisch nur Die Ärzte. Hätten Sie sich 1982, als Sie mit Bela B die Ärzte gründeten, träumen lassen, dass die Band heute ein Popkulturgut sondergleichen ist?

Null, überhaupt nicht. Ich rechnete seinerzeit nicht mal damit, das Jahr 2020 überhaupt zu erleben. Es hat mich damals nicht interessiert und es ist mir auch heute egal, wie man uns wahrnimmt. Manchmal stoße ich auf feuilletonistische Abhandlungen über unsere Band, die ich mit einer Mischung aus Faszination, Freude und Argwohn zur Kenntnis nehme. Die berühren mich nicht selten negativ, weil die Wichtigkeit, die man uns beimisst, Skepsis in mir weckt. Wir haben nicht das Mittel gegen Krebs gefunden, sondern wir machen nur Musik.

Entstanden Lieder wie „Männer sind Schweine“ aus eben dieser Arglosigkeit heraus?

Das Stück entstand beim Motorradfahren in Sambia und Botswana. Es regnete aus Eimern. Dabei sang ich viel, meistens ganze Beatles-Alben. Als ich die durchhatte, intonierte ich mein eigenes Lied: „Wann kommt die Sonne?“, denn es regnete vier Tage am Stück. Dazu war die Musik zu „Männer sind Schweine“ bereits in meinem Kopf.

Statt Wut, Entsetzen oder Ärger über die Polarisierung, das Toxikum unserer Zeit, artikulieren Sie auf „Hell“ vor allem Liebe – zur Musik, zur Welt, zur Menschlichkeit. Ist Ihre Optimismus-Quelle anzapfbar?

Sich in einer Band wie unserer kreativ hemmungslos austoben zu können, ist ein Glück sondergleichen. Gründen Sie eine Band!

Heißt das Album deswegen „Hell“?

Je absurder ein Titel ist, desto mehr wird hineininterpretiert. Man kann, wenn man will, sogar noch bei der Titelfindung einer Platte Spaß haben.

Das Interview führte Michael Loesl.

Das Album: Die Ärzte, Hell. Hot Action Records/Universal

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