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Die DDR lebt als Gespenst weiter: Roman einer Französin

Eine Französin entdeckt Dresden als eine Insel auf Zeit - ein Roman über Verlust, Verwüstung und Verschwinden.

Cécilie Wajsbrot ist von Dresden fasziniert
Cécilie Wajsbrot ist von Dresden fasziniert © imago stock&people

Es dürfte weltweit der erste Roman sein, in dem das Restaurant im Dresdner Kulturpalast eine Rolle spielt. Dort am Fenster sitzt eine Frau aus Paris. Sie ist die einzige Figur in dem Roman. Was man von ihr erfährt, sind Wahrnehmungen und Gefühle. Mit einer solchen Innenschau wurden die Klassiker der Moderne in den 1920er-Jahren berühmt. Virginia Woolf war eine von ihnen. Mit Woolfs Buch „Zum Leuchtturm“ schlägt sich die Frau herum. Sie holt es aus dem Englischen ins Französische. Es scheint ihr passend, „einen Text über die Verwüstungen der Zeit in einer einst vom Krieg verwüsteten Stadt“ zu übersetzen.

Geistergespräche über der Elbe

Was auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun hat, wird auf irritierende Weise verknüpft. Wie bei Virginia Woolf geht es um Verlust und Abwesenheit, um ein Verschwinden, das der Dresden-Roman der Autorin Cécilie Wajsbrot schon im Titel trägt: „Nevermore“. Nimmermehr. So krächzt es der Rabe in einem Poem von Edgar Allan Poe. Für die Übersetzerin am Fenstertisch markiert dieses Wort den Unterschied zwischen der Zeit davor und der Zeit danach. Was dazwischen geschah, bleibt lange offen: „Ich bin gekommen, jemanden zu beweinen.“ Der Tod einer Freundin ist der eigentliche Grund für die Flucht aus Paris. Die Übersetzerin begegnet ihr im Mondschein auf der Elbbrücke. Zumindest glaubt sie, die vertraute Stimme zu hören, die bekannte Silhouette zu sehen, und spricht mit ihr.

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Die Hauptfigur des Romans „Nevermore“, eine französische Übersetzerin, arbeitet am liebsten im Restaurant „Palastecke“ im Dresdner Kulturpalast
Die Hauptfigur des Romans „Nevermore“, eine französische Übersetzerin, arbeitet am liebsten im Restaurant „Palastecke“ im Dresdner Kulturpalast © ronaldbonss.com

Nevermore“ ist ein verrücktes Stück Literatur. Die Autorin bezieht Orte ein, die Verluste symbolisieren wie der Atomreaktor von Tschernobyl oder die stillgelegte Hochbahntrasse von Manhattan. Alles, was der Übersetzerin in der Dresdner Gegenwart widerfährt, wird in Bezug gesetzt zu Virginia Woolfs Klassiker. Hier wie da erscheinen die Schatten der Vergangenheit geisterhaft gegenwärtig. Über die DDR heißt es etwa: „Das verschwundene Land lebte als Gespenst weiter in dem wiedererschaffenen Land.“ Und über Pegida-Demonstranten: Sie wollen, „dass die Zeit reglos stehen bleibt wie ein Pfeil“. Ein kühner Gedankensprung verbindet die Hebrideninsel von Woolfs Leuchtturm mit einem Konzert im Kulturpalast. Dort erlebt die Übersetzerin Mendelssohns Ouvertüre „Die Hebriden“. Ihre leidenschaftliche Beschreibung sollte Pflichtlektüre werden für Musikrezensenten. Tatsächlich stand das Stück im Herbst 2017 im Programm der Philharmonie. Damit lässt sich „Nevermore“ zeitlich verorten.

Die Autorin Cécilie Wajsbrot hat gut recherchiert. Sie fügt üblichen Stadtbeschreibungen überraschende Sichten hinzu. Dresden, schreibt sie, bewahre zwar das Andenken an die Zerstörung vor mehr als siebzig Jahren, versuche aber zugleich, die Erinnerung auszulöschen durch den getreuen Wiederaufbau der Gebäude, die es berühmt machten. Den Kulturpalast nennt sie solide und zerbrechlich in einem. Am Militärhistorischen Museum sieht sie einen metallenen Pfeil wie eine Kerbe in der Kontinuität der klassischen Architektur. Die Altstadt wirkt, „als kämen die Jahrhunderte abends am Ufer der Elbe zusammen“.

Die Übersetzerin mag die Neustadt, und sie mag auch die Prager Straße, die sie anfangs als einen wenig anziehenden Ort empfand, „wo ein paar originelle Läden mit der architektonischen Monotonie der Wohnblöcke kontrastierten“. Die Stadt, die ihr feindlich gegenüber Fremden erschien, fasziniert sie am Ende. Diese Frau erlebt Dresden als eine Insel auf Zeit, während sie Woolfs Insel-Roman übersetzt. Darin besteht das eigentliche Abenteuer. Gleich auf den ersten englischen Satz folgen sechs Varianten einer möglichen Übertragung. Wie genau muss sie sein? Darf man Präzision für den passenden Rhythmus opfern? Muss man das nicht sogar? Wird der Satz schwerfälliger, wenn man Substantive benutzt statt Verben? Am kompliziertesten wird es bei jenen Sätzen, die am einfachsten wirken.

Ein Fest der Sprachnuancen

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Die Übersetzerin lässt sich in den Kopf gucken, wenn sie die englische Fassung mit der amerikanischen vergleicht und mit dem handschriftlichen Original. „Übersetzen ist eine ungenaue Wissenschaft, ein immer neu nicht zum Scheitern, aber zur Unvollkommenheit verdammter Versuch.“Die 67-jährige Cécilie Wajsbrot spricht aus eigener Erfahrung. Mit ihrem kunstvoll komponierten Dresden-Roman feiert sie die Nuancen der Sprache. Dieses Fest gelingt dank ihrer Übersetzerin Anne Weber, die den Weg der Wörter vom Englischen ins Französische und weiter ins Deutsche staunenswert nachvollzieht. Ihr eigenes literarisches Talent wurde im Vorjahr mit dem Deutschen Buchpreis für „Annette, ein Heldinnenepos“ ausgezeichnet, die Lebensgeschichte einer französischen Widerstandskämpferin.

Cécilie Wajsbrot: Nevermore. Wallstein Verlag, 229 Seiten, 20 Euro

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